Rotes Sofa: Radu Gavan

Von Wonderland ins Neverland

Neverland, der zweite Roman von Radu Gavan, spielt in Bukarest. Ein alleinerziehender Literaturprofessor versucht, seinen Alltag neben Schaffens- und Geldkrisen zu bewältigen - und scheitert dabei grandios, genauso wie das Buch selbst.
RI zu Radu Gavan
Redakteurin Rebecca Kelber im Gespräch mit Übersetzerin Edith Konrad und Autor Radu Gavan auf dem Roten Sofa.

Ich war fünfundzwanzig, als wir heirateten, achtundzwanzig, als Letitia geboren wurde, zweiunddreißig, als ich sie mit einer anderen Frau betrog und noch immer zweiunddreißig, als sie starb. Jetzt bin ich dreiunddreißig.

Zitat aus Radu Gavans Roman "Neverland"

Das ist die Hintergrundgeschichte in Radu Gavans Roman Neverland - die er bereits auf Seite 15 in diesem einen Satz komplett vorweg nimmt. Das ist nur einer von viele Fehlern, die ihm unterlaufen. Gavans Protagonist, ein einsamer Literaturprofessor, ist unerträglich unsympathisch. Er wälzt sich die ersten vierzig Seiten hauptsächlich mit pathetischen Worten in Selbstmitleid. Ansonsten schreibt er verkitscht über seine Tochter, die das einzige ist, was ihm am Leben noch Freude bereitet und von der Liebe zu seiner verstorbenen Frau.

Ich spürte, wie meine Liebe sich von ihrem Ufer zurückzog und in einem Flussbett des Schweigens austrocknete.

Zitat aus Radu Gavans Roman "Neverland"

Die Handlung von Neverland ist an sich nicht uninteressant: Der Literaturprofessor wird über seinen einzigen Freund an den reichen, im ganzen Viertel gefürchteten Luis - den alle nur Luis, das Schwein nennen - vermittelt. Er soll seinem Sohn unterrichten, denn der möchte gerne Schriftsteller werden. Eine Zeit lang hat der Protagonist wieder Geld und kann seiner Tochter ihre Wünsche erfüllen. Doch dann wendet sich das Blatt und aus dem Ganzen wird eine Shakespear'sche Katastrophe mit vielen Toten. Der Teil "Wonderland" wird vom "Neverland" abgelöst. Die Charakterentwicklung ist dabei so wenig überzeugend, dass die Entwicklung am Ende des Buches eher satirisch als dramatisch wirkt.

Einige kraftvolle Momente

Teilweise schadet auch die Übersetzung dem Buch: So ist die Formulierung "Töchterchen", die der Protagonist inflationär verwendet, im Rumänischen viel gebräuchlicher als im Deutschen. Und auch viele Flüche funktionieren wörtlich übersetzt nicht. "Fick doch die Toten deiner Mutter, du dreckiger Mummelgreis!“ ist auf deutsch einfach nicht ernstzunehmen. Es gibt im Buch zwar auch immer wieder gute Momente - die Teile mit einem lange anonym bleibenden zweiten Protagonisten sind kraftvoll geschrieben und packend erzählt. Aber sie nehmen leider nur einen geringen Teil des Buches ein. Im Zuge des Literaturunterrichts reflektiert der Protagonist ausführlich über seine literarischen Fähigkeiten.

Tatsache ist, dass ich kein großer Schriftsteller bin. [...] Die Zutaten waren mir bekannt, ich wusste ziemlich genau, was ein fesselnder Roman alles enthalten musste, ich hatte sozusagen das Rezept vor Augen, aber mir fehlte das Talent, all jene Gewürze zu mischen, die einem guten Buch seinen wunderbaren Geschmack verleihen. Es tut weh, das eigene Werk zu lesen und zu erkennen, dass es nicht viel wert ist. Dass du als Autor nirgendwo zu greifen bist. Und dir klarsichtig einzugestehen, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird.

Zitat aus Radu Gavans Roman "Neverland"

Vielleicht ändert sich das bei Radu Gavan noch - es gibt einige gute Momente im Buch, die sein Potential zeigen. Aber gerade scheint er seinem Protagonisten in dieser Hinsicht sehr zu ähneln.

Redakteurin Rebecca Kelber hat sich mit dem Autor Radu Gavan und der Übersetzerin Edith Konrad unterhalten:

Redakteurin Rebecca Kelber im Gespräch mit Autor Radu Gavan und Übersetzerin Edith Konrad.
1503 Radu Gavan
 

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