Musikhighlights: KW 39

Von Wandel, Extravaganz und Ärger

Die Tage werden zwar kälter, aber auch diese Woche serviert euch unsere Musikredaktion die heißesten Neuerscheinungen. Diesmal mit dabei: Sufjan Stevens, Action Bronson und Royal Blood.
Musik Highlights der Woche
Musikhighlights der Woche: KW 39

Sufjan Stevens - "The Ascension"

Album-VÖ: 25.09.2020

Fünf Jahre nach der Veröffentlichung seines hoch gepriesenen Meisterwerkes „Carrie & Lowell“ gibt es jetzt Nachschub von Sufjan Stevens. Mit seinem neuen und achten Soloalbum schlägt er gleich auf verschiedenen Ebenen den genau entgegengesetzten Weg des Vorgängers ein:

Auf „Carrie & Lowell“ waren die Melodien hauchfein und bittersüß dahingezupft, während Stevens uns episodenartig das oft schmerzvolle Verhältnis zu seiner toten Mutter offenbarte.
„The Ascension“ versagt sich den akustischen Elementen fast ausschließlich. Stattdessen kräuseln sich die Synthies; es piepst, klirrt und surrt in einer lückenlos arrangierten Euphonie. „Ursa Major“ klingt wahlweise wie das Innere eines Raumschiffs oder ein Schwarm futuristischer Roboter-Bienen. Manchmal scheinen sacht angeschlagene Klaviertasten („Sugar“) oder Streicher („Ativan“) durch den selbsttätigen Soundteppich, meistens sind die Songs aber lange, schön ineinander gegossene Sounds aus dem Drumcomputer.

Diese wohlüberlegte, sorgfältig angegangene Art des Wandels, welche Stevens‘ Sound durchlebt hat, bestimmt die neue Platte auch inhaltlich – da aber im weitaus größeren Sinne. Er klagt eine geschundene, zerbröckelnde Welt an, in der wir seines Erachtens nach zu wenige Fragen stellen, wenn die Dinge im Argen liegen. Ins Detail geht er dabei nicht, sondern textet eher fragmentiert. So kann er mit seinem anschauliches Storytelling zwar niemanden wie gewöhnlich in seine Songs einsaugen, schafft es aber trotzdem, wichtige Bilder und Stimmungen vermitteln. Sein Wissen um das Gute im Menschen und die Sehnsucht danach, seine Frustration gepaart mit Hoffnung, sein langsam dahinsiechender Glaube – all das transportiert er meist recht schnörkellos:

 

I have loved you, I have grieved
I’m ashamed to admit I no longer believe
I have loved you, I receives
I have traded my life
For a picture of the scenery
Don’t do to me what you did to America
 

– Sufjan Stevens, „America“

Für ein Sufjan-Stevens-Album klingt „The Ascension“ fast schon ein bisschen nervös, breitet aber recht schnell die gewohnten Stärken und Strukturen aus. Das klare Verständnis vom eigenen Klang; der ernste, aber nicht misanthrope Tonfall und Stevens‘ ätherische, fast schon geisterhafte Stimme – bei dieser Platte sitzt jedes kleine Teil fest am rechten Fleck.

Ariane Seidl

Action Bronson – "Only For Dolphins"

VÖ.: 25.09.2020

Extravagant und trotzdem total auf dem Boden geblieben. So könnte man den New Yorker Rapper Action Bronson wohl sehr gut beschreiben. Diesen Freitag beschert er uns mit seinem sechsten Studioalbum „Only For Dolphins“.

Denn auch wenn man es vermuten könnte, das Album richtet sich nicht nur an Unterwassersäuger, sondern auch an uns, die auf der Erde wandelnden Zweibeiner. Das verrät uns Action Bronson im Konzept seines Albums. Denn das soll nicht nur zum Anhören sein, nein. Es ist für alle physischen Sinne konzipiert. So hat Action das Albumcover selber gestaltet, es wird handgemachte Plüsch-Delphine geben und - leider nur in New York - eine selbst kreierte Eissorte.

Doch nicht nur in das drum herum hat Action Bronson viel Köpfchen gesteckt. Auch in seiner Musik wird deutlich, dass sich der Künstler vom Einheitsbrei abheben will. Das fängt zum Beispiel mit den Delphin-Samples an, die sich durch das ganze Album ziehen. Und hört irgendwo zwischen orientalisch anmutenden Klängen („Mongolia“) und einem Love-Rocksong Sample („Golden Eye“), welches ein sehr spezielles Subgenre in der britischen Rockmusik ist, auf.

Textlich ist sich Action Bronson treu geblieben. Er bewegt sich hier zwischen witzigen Vergleichen wie „We all started from the bottom like young rice“ und auch nachdenklicheren Zeilen wie „If I die today, I still will live forever“.

Den Albumtitel hat der Rapper eigentlich sogar schon auf seinem letzten Album verraten. Denn da rappte er:

my next album’s only for dolphins

Action Bronson, Mt. Etna

Das Album ist jedoch nicht nur Delphinen zu empfehlen, sondern eigentlich jedem, der auf Rap steht, der sich abhebt von der Mainstream-Trap-Richtung. Denn auch wenn Action Bronson sich auf dem Album nicht komplett neu erfunden hat, kann man sich an den kleinen Details erfreuen, die einem bei genauem Zuhören auffallen.

Emma Dressel

Royal Blood – „Trouble’s Coming“

Single-VÖ: 24.09.2020

Royal Blood sind eine Hausmarke für minimalistischen, brachialen Rock. Das englische Duo berzirzt seit Jahren mit einer simplen wie genialen Mischung aus Schlagzeug und Bass. Drei Jahre nach ihrem zweiten Album „How Did We Get So Dark?“  kitzeln sie sich mit ihrem neuesten Release aus der eigenen Komfortzone:

„Trouble’s Coming“ hält neben der perfekt geölten Bass-Drum-Maschinerie jetzt griffige Synthies bereit – und wirkt überraschend tanzbar. Royal Blood haben beim Schreiben des Songs ihre Fühler weit ausgestreckt und sich unter anderem von French-House-Legenden wie Daft Punk oder Justice inspirieren lassen. Laut Sänger und Bassist Mike Kerr habe man sich an eingängige Beats gehalten und den Rest des Songs drumherumgebaut. Das scheint für die beiden so gut funktioniert zu haben, dass gleich mehrere Songs dieser Idee entsprungen sind. Von einem neuen Album ist bereits die Rede, genauere Details bleiben aber bisher aus, „Trouble’s Coming“ stimmt aber mehr als zuversichtlich: Royal Blood halten ihre Linie mit griffigen Riffs, beweisen aber gleichzeitig ein bis dato verstecktes Händchen für ebenso eingängige Beats.   

Ariane Seidl

 

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Sufjan Stevens - "The Ascension"

Action Bronson – "Only For Dolphins"

Royal Blood – „Trouble’s Coming“