Frisch Gepresst: U.S. Girls

Von Vielfalt bis Tohuwabohu

U.S. Girls meldet sich zurück - mit einem gewagten Vorhaben. Auf „Heavy Light“ versucht sie thematische und musikalische Vielfältigkeit unter einen Hut zu bringen.
Meghan Remy aka U.S. Girls
Meghan Remy aka U.S. Girls

U.S. Girls besteht aus genau einer Person. Meghan Remy ist Gründerin, Texterin und kreativer Kopf des Musikprojektes. An ihren bisherigen Alben hat sie fast ausschließlich alleine in ihrem Schlafzimmer gearbeitet. Für ihr neues, achtes Studioalbum hat Remy aber mal ihre Arbeitsweise auf den Kopf gestellt. Denn „Heavy Light“ wurde im Studio mit 20 Musiker*innen eingespielt, die alle von Remy angeleitet wurden. Heraus gekommen ist ein Album, dass – wie schon seine Vorgänger – thematisch sehr kritisch und fast schon deprimierend ist, musikalisch aber positiv und aufbauend ist. Diese Diskrepanz beherrscht Remy wie kaum jemand anders. Bei „Heavy Light“ kommt aber das Gefühl auf, dass Remy sich diesmal vielleicht übernommen hat.

Konzeptionelle Musik vom Feinsten

Musikalisch ist „Heavy Light“ ein kleines Meisterwerk. Remy hat unter anderem altes Material überarbeitet und erneuert. Dafür hat sie sich inspirieren lassen vom Pop und Soul der 60er sowie von der Discomusik der 70er, aber auch von stoischem Rock á la Bruce Springsteen. Sie kombiniert Frauenchöre im Stil der Ronettes mit verzerrten Gitarren-Elementen und funkige Disco-Beats mit spacigen Synthesizer-Sounds. Über all das legt sich Remys süßlicher Gesang, der beim Zuhören die Aufmerksamkeit klar auf sich zieht. Das ist nicht weiter überraschend, denn ihr Ziel war es für dieses Album, den Fokus auf den Gesang und die Percussion zu legen. Die Rhythmen treiben das Album beinahe schon vor sich her. Vor allem der Abschlusstrack „Red Ford Radio“, der nur aus Vocals und Drums besteht, ist repräsentativ für das musikalische Konzept des Albums.

Zwischen diese sehr gelungenen Songs finden sich drei Sprachcollagen. Sie sind die Antworten unterschiedlicher Menschen auf drei Fragen. Die erste ist „Was für einen Ratschlag würdest du dir als Teenager geben?“, die zweite „Was ist das schmerzhafteste, das jemand zu dir gesagt hat?“ und die dritte „Welche Wandfarbe hatte dein Kinderzimmer?“. Die Antworten darauf legen sich übereinander, sodass man nur noch das Gefühl wahrnimmt, mit dem diese Fragen beantwortet wurden, nicht aber die konkreten Antworten. Es sind spannende Unterbrechungen, die einem kurz zum Nachdenken anregen, bevor man dann vom nächsten Song mitgerissen wird.

 

 

Thematisches Tohuwabohu

Das ist die größte Schwäche des Albums, dass jeder Song ein komplett anderes Thema anschneidet und man nicht wirklich Zeit hat, länger bei einem zu bleiben. Dafür sind die Songs auch viel zu kurz. Hinzu kommt, dass Remys Texte sehr verschlüsselt und nicht wirklich leicht zu durchschauen sind.

Someone left my cake out in the rain
And I don't think that I can take it
'Cause it took so long to bake it
And I’ll never have that recipe again

"Woodstock '99" - U.S. Girls

Immer dann, wenn man gerade das Gefühl hat, einen Song geknackt zu haben, kommt schon der nächste. Die massive Bandbreite an Themen, die Remy abzudecken versucht, wirkt überwältigend und verwirrend. Sie springt von Kapitalismuskritik über Existentialismus zu Feminismus. Am Ende des Albums bleibt deswegen das Gefühl zurück, dass hier eigentlich nur an der Oberfläche gekratzt wurde.

Fazit

U.S. Girls hat schon immer experimentelle Popmusik gemacht. Das Ziel des Musikprojektes ist es, herauszufordern. Das gelingt auch mit dem neuen Album „Heavy Light“. Musikalisch funktioniert die Platte so gut, dass man die konfusen Themen fast schon vergisst. Aber leider nur fast. Es ist ein Album, das man mehrmals hören muss, um es ansatzweise verstehen zu können. Aber zum Glück macht die Musik so viel Spaß, dass das keine besonders schwere Aufgabe ist.

 

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Charlotte Peters
12.03.2020 - 16:39
  Kultur

U.S. Girls: Heavy Light

Tracklist:

1. 4 American Dollars

2. Overtime

3. IOU

4. Advice to Teenage Self

5. State House (It's A Man's World)

6. Born to Lose

7. And Yet It Moves/Y Se Mueve

8. The Most Hurtful Thing

9. Denise, Don't Wait

10. Woodstock '99

11. The Colour of Your Childhood Bedroom

12. The Quiver to the Bomb

13. Red Ford Radio

Erscheinungsdatum: 06.03.2020
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