Gespräche auf dem Roten Sofa

Von Sex, wilden Wieseln und der Liebe

Der Liebe widmet Jan Snela zehn Geschichten in seinem Debütwerk. “Milchgesicht” ist ein wortakrobatischer Blick auf die Menschen.
Jan Stella im Gespräch
"Seit ich das Buch geschrieben habe, bekomme ich sehr viel Milch geschenkt", sagt Jan Snela (links) im Interview mit Ole Zender.

„Ein Bestiarium der Liebe“, lautet der Untertitel von Jan Snelas Debüt „Milchgesicht“ und gibt damit bereits einen Hinweis, worum es sich bei dem Buch handelt. Denn Bestiarien sind mittelalterliche Tierdichtungen, die allegorisch Eigenschaften von Tieren auf den Menschen übertragen. Das erinnert ein bisschen an Deutschunterricht und Fabeln, doch davon ist „Milchgesicht“ weit entfernt. Jan Snelas Debüt ist wild, wortgewandt und sehr unterhaltsam.

Mit Stirnband und Schraube zum Einhorn werden

In zehn Episoden erzählt der Münchner Autor Geschichten über (un-)glückliche Beziehungen, Leidenschaft, das Erwachsenwerden und Kindbleiben. Eine Sammlung der Liebe in verschiedensten Facetten. Das passiert mal aus der Ich-Perspektive oder als personaler Erzähler, der den Figuren folgt und natürlich sind da immer auch die Tiere. So verwandelt sich im ersten Kapitel „Milchgesicht“, der liebesunglückliche Ich-Erzähler mittels Stirnband und einer langen Hochbettschraube – ein sentimentales Überbleibsel einer beendeten Beziehung – in ein Einhorn, um so der Realität die Stirn bieten zu können. Diese Geschichte brachte Snela 2010 den Open-Mike-Preis ein, doch auch die neun weiteren Episoden im Buch schließen an das Niveau des Gewinnertextes an.

Da geht es unter anderem um nächtliche Beschwörungszeremonien in Paris oder ein Schiff mit Mäusematrosen. Oder wiederum um einen Doktoranten, der nach durchzechter Nacht inklusive Seitensprung von einem Wiesel verfolgt wird, sich mit ihm anfreundet und in seiner Doktorarbeit nur noch Tiere sieht („HUNDiadyoins, KATERchressen, PersoniFINKation“).

Ich habe mit Freude mitbekommen, dass es in meinem Buch keine einzige Figur gibt, hinter der sich ein identifizierbares Korrelat meiner Wirklichkeit verbirgt.

Jan Snela darüber, ob seine fantastischen Geschichten autobiographische Züge haben

Snela beobachtet mit scharfem Blick das Besondere in unserem Alltag und bringt es, stets verbunden mit einem Moment des Fantastischen, zu Papier. Sein poetischer Stil schöpft dabei aus den Vollen der deutschen Sprache. So zum Beispiel, wenn der Mittdreißiger eine leidenschaftliche Nacht beschreibt: „Ich sah den Himmelsozean sich in sich selbst verlieren, durchschwirrt von Schwalben, die keine Fische waren. Spürte den Duft des Flieders wieder mir in die Nase steigen.“

Davon möchte man in Zukunft gern mehr von lesen.

 

Autor Jan Snela im Gespräch mit mephisto97.6-Redakteur Ole Sender über sein Werk "Milchgesicht".
 
 

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Linda Schildbach
17.03.2016 - 17:00
  Kultur

Jan Snela wurde 1980 in München geboren. Er war Lehrbeauftragter für Literarisches Schreiben an der Uni Heidelberg.

Preise: Open-Mike-Wettbewerb, 2010 in der Kategorie „Prosa“ für seinen Text Milchgesicht (ebenfalls 1. Text aus seinem Debütroman)

   "Milchgesicht. Ein Bestarium der Liebe"

Klett-Cotta, 183 Seiten, erschienen am 20. Februar 2016