Musikhighlights: KW 46

Von Politik, Weirdos und Brezeln

Unsere Musikredaktion lässt sich selbst an Freitag dem 13. nicht aus der Fassung bringen und versorgt euch mit den heißesten Neuerscheinungen der vergangenen Woche. Diesmal unter Anderem mit Billie Eilish, Rico Nasty und Molchat Doma.
Musik Highlights der Woche
Musikhighlights der Woche: KW 46

Unser Album der Woche ist Max Rieger mit "All die Gewalt". Den Artikel dazu gibt's hier, ein ganzes Interview mit dem Produzenten findet ihr hier

Molchat Doma – "Monument"

Album VÖ.: 13.11.2020

Die dreiköpfige Band aus Belarus hat den Lockdown genutzt und ein neues Album mit dem Titel „Monument“ produziert. Das ist die dritte LP der 2017 gegründeten New Wave, Synth Pop – Band. Molchat Doma gelang vor allem durch die Plattform Tik Tok in aller Munde und wird mit Ploho, Joy Division oder Eurythmics verglichen. Ihr Style ist speziell und hat einen hohen Wiedererkennungswert, welcher vor allem durch die dystopisch anmutende, sehr tiefe Stimme des Sängers Egor Shkutkos geschaffen wird. Mit dieser bewegt er sich Monoton über die russischen Lyrics. Das gibt der Band außerdem einen Hauch Dark Wave. Passend dazu unterlegt Roman Komogortsev Gitarrensounds und Synthesizer. Das bringt dann den Synth - Poppigen Sound der Band. Pavel Kozlov am Bass rundet das Ganze ab und umrahmt mit schweren, dahin wabernden Basslinien Gesang und Gitarre. Und dazu passen auch die Album Cover. Diese bilden architekturale Ostblock Tristes ab und runden das Konzept Molchat Domas ab. Das heißt im Übrigen übersetzt auch „schweigende Häuser“. 

Der Song „Otveta Net“ wurde als Teaser der neuen Platte veröffentlicht und gab einen Vorgeschmack auf „Monument“. Highlight der Platte ist der Track „Diskoteka“, der einen fast ein bisschen aus der aufgebauten Melancholie herausreißt und zum Tanzen animiert. „Ne Smeshno“ (übersetzt: nicht lustig), schließt sich an wie eine Afterhour und bildet einen Kontrast zum vorhergehenden Song. Dieser Track erinnert, dass man sich immer noch auf einer Molchat Doma Platte bewegt. Auch die nachfolgenden Tracks liefern die Dark Wave/ Synth Pop Dystopie, die man von der Band erwartet und wagen dennoch einen Tritt aus ihrem gewohnten Spektrum. Denn insgesamt ist das Album ein wenig verspielter, ein bisschen mehr 80er, was auch durch den stärkeren Einsatz von Synthesizern geschaffen wird. Und für arge Langeweile in den düsteren Wintermonaten, die einen derzeit eventuell noch ein wenig länger vorkommen, kann mit Molchat Doma gleich noch an den Russisch Kenntnissen gefeilt werden, denn auch das neuste Album kommt nur mit russischen Lyrics. 

Wiebke Stark
 

Billie Eilish - "Therefore I am"

Single VÖ.: 12.11.2020

Düsterer Pop, der den Nerv der Zeit trifft – damit gelang Billie Eilish der Durchbruch zum Weltstar. Mit ihrem Debüt „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ (2019) schafften sie und ihr Bruder und Produzent FINNEAS ein herausragendes Album, das sämtliche Rekorde zu brechen schien. Die seit der Platte veröffentlichten Singles waren weniger klassische Eilish-Tracks, dafür experimentierfreudiger: So zum Beispiel die schwellend orchestrierte 007-Ballade „No Time To Die“ oder der ungewohnt optimistische Titel „my future“. 

Mit ihrer neuen Single „Therefore I Am“ bringt Eilish nun wieder den dunklen Sound mit selbstbewusster Attitüde hervor, für den ihr Debüt so gelobt wurde. Neben einem Refrain mit unglaublichem Ohrwurm-Potenzial nutzt sie in den Strophen spielerisch ihre Stimme, um zwischen weichen Harmonien und rauen fast gesprochenen Zeilen zu variieren. Dabei thematisiert die 18-Jährige die Schattenseite des Ruhms und rechnet mit den Menschen ab, die sich nur mit ihrem Namen schmücken wollen. 

I don't want press to put your name next to mine, we're on different lines
So I wanna be nice enough, they don't call my bluff
'Cause I hate to find
Articles, articles, articles
I'd rather you remain unremarkable

In dem eigenproduzierten Video zu „Therefore I Am“ rennt Eilish sichtlich unbekümmert durch eine menschenleere Mall. Dabei springt sie über Theken der Fast-Food-Stände und lässt von Brezeln über Donuts bis Chips alles mitgehen, bis sie von einem Security-Mitarbeiter rausgeworfen wird. In gewisser Weise lebt sie damit sicherlich den Traum vieler Jugendlicher: Sie ist allein in einer leeren Mall und macht was sie will - und niemand ist da, um ihr Verhalten zu kommentieren oder sie in die Schranken zu weisen. Das Video legt nahe, dass Eilish sich mit der Single an Bodyshamer richtet, nachdem sie im Oktober wegen eines Paparazzi Fotos erneut viele negative Kommentare zu ihrem Körper bekommen hatte. Wen sie in der Single tatsächlich anspricht, lässt Eilish jedoch unbeantwortet. 

Lina Kordes

Messed Up - "Scream Louder"

Single VÖ.: 10.11.2020

Die Riot-Grrrl-Bewegung mit ihren bekanntesten Vertretern wie Bikini Kill oder Bratmobile stellt seit den 90er Jahren einen integralen Bestandteil feministischer Musikkultur dar. Die zahlreichen Musikprojekte, die eine Reaktion auf die Dominanz männlicher Musiker in der Punkszene bilden, lassen sich heute aus der Geschichte aktivistischer Punkmusik kaum wegdenken und so überrascht es, dass sich die Subkultur erst in den 2010er Jahren auch in Osteuropa bemerkbar gemacht hat. Während Bands wie Pussy Riot im russischen Raum Fuß fassen konnten, bildete sich 2015 in der weißrussischen Stadt Grodno die Band Messed Up – und stellte damit die erste komplett weiblich besetzte Punkband des Landes dar. 

Die drei jungen Frauen gründeten die Band ihrer eigenen Aussage nach um der Lethargie ihrer postsowjetischen Heimat und den patriarchalischen sozialen Erwartungen in dem diktatorisch regierten Land zu entkommen. In der sehr kleinen Subkultur ist das kurzzeitig auch möglich. Die in der D.I.Y.-Szene angesiedelten Clubs, Bands und Organisatoren agieren aber immer am Rande der Legalität. Denn Bands wie Messed Up passen mit ihren antihomophoben, antirassistischen und feministischen Bandphilosophien nicht in den reaktionären Zeitgeist in den Ländern der Ex-UdSSR.

Mit ihrer am Dienstag erschienenen Single „Scream Louder“ setzen sich Messed Up genau damit auseinander. Sie verarbeiten die Enttäuschung über die Präsidentschaftswahl im August dieses Jahrs. Diese wird international als Scheinwahl verstanden, da aussichtsreiche Gegenkandidaten Lukaschenkos festgenommen oder des Landes verwiesen wurden. Der russische Text macht der Wut des Trios Platz, die Stimme erinnert an Courtney Love von Hole oder an die drei Sängerinnen bei L7. Die Gitarre und der Bass sind knochentrocken und auf den Punkt. Musikalisch wie politisch haben Messed Up nie ein Blatt vor den Mund genommen und mit ihrer neuen Single fangen sie damit nicht an.

Die Präsidentschaftswahl und die seit mehr als drei Monaten andauernden Proteste stellen für Messed Up offensichtlich ein wichtiges Thema dar. Eine Woche nach der Wahl posteten sie auf Facebook eine Nachricht, die wachrüttelt: „Die Situation ist eingetroffen, viele unserer Freunde sind in den letzten zwei Tagen festgenommen worden. […] Für was? Für unsere Freiheit, dafür, dass wir keine Angst haben, die Wahrheit zu sagen, dass wir dem Vorgehen der Polizei nicht zustimmen. […] Bitte vergesst uns nicht.“ Unter den Festgenommenen ist auch die Schlagzeugerin der Band. Messed Up möchte als Stimme der Unterdrückten in Weißrussland gehört werden. Mit ihrer Single tragen sie dazu bei, nicht vergessen zu werden.

Ruben Sträter
 

Rico Nasty – "OHFR"

Single VÖ.: 11.11.2020

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Um sich in der aktuellen Musikbranche einen Ruf als Weirdo zu erkämpfen, reicht nicht mehr nur eine schrille Präsentation. Man muss auch musikalisch ungewöhnliche Wege gehen. Beides ist der US-amerikanischen Rapperin Rico Nasty bislang vorzüglich gelungen, wobei das Geheimnis ihres Erfolges vor allem Wandelbarkeit heißt. In ihren Videos und Bühnenperformances präsentiert sie sich so in stets neuen, verrückten Looks und auch bei ihrem Sound streift sie sich gerne mal eine Haut ab, nur um dann wieder eine neue anzulegen. So hat sie schon in der Vergangenheit auf unterschiedlichen Songs als „Tacobella“ bzw. „Trap Lavigne“ verschiedene Rollen gespielt, um so mal ihre poppigere, mal ihre härtere Seite auszuleben.

Mit ihrer kommenden Platte „Nightmare Vacation“ (VÖ: 04.12.2020) verschafft die 23-Jährige nach nur sechs Jahren im Musikgeschäft ihrem Sound eine weitere Frischzellenkur. Darauf arbeitet sie nicht mehr wie auf ihren letzten Alben mit Produzent Kenny Beats zusammen, sondern holt sich neue kreative Partner mit ins Boot. Ihre neue Single „OHFR“ (für „Oh, for real?“) wurde von Dylan Brady produziert, dem Mastermind der Gruppe 100 gecs. Die haben mit ihrer superlauten, chaotischen Elektro-Musik eine völlig neue Sound-Ästhetik geschaffen, die von Kennern mittlerweile unter dem Namen „Hyperpop“ als eigenständiges Genre behandelt wird. Dem digitalen, „glitchy“ Sound überlässt Brady hier etwas mehr Raum zum Atmen und überführt ihn so reibungslos in das Trap-Universum von Rico Nasty. So kann sich die punkige Querulantin auch auf diesem Song munter austoben.

Martin Pfingstl
 

Loyle Carner- „Yesterday“

Single VÖ.: 12.11.2020

Nach seinem letzten Album, das ein großer Erfolg war, released der britische Rapper Loyle Carner seine Single „Yesterday“. Wie einige seiner Songs ist auch dieser ein gelungener Mix aus Hip-Hop und Jazz. Auch wenn seine Lyrics meist eine tiefgründige Message mit sich bringen, schafft er es durch den tiefverwurzelten Jazzeinfluss die Stimmung zu heben. Trotzdem oder vielleicht genau wegen des entspannten Rapps hat man die Chance seiner Stimme zu folgen, weshalb der Inhalt nicht aus den Augen gerät. 

Seine neue Single eröffnet er mit den Worten „Peace, peace, peace“ gefolgt von Trompetensounds. Es wird schnell deutlich, dass er wichtige Themen, wie politische Umstände thematisiert, die ihn im Übergang von jung zum Erwachsensein geprägt haben. 

 

Back when I thought I'd never touch the motherland
Because my skin's a different colour to them other man
But still they're calling me the coloured man

 

Dem Song kommt für Carner eine große Bedeutung zu, da er sich mit dem Thema Rassismus und Identität auseinandersetzt. Damit greift er unter Anderem aktuelle politische Debatten auf. Für Loyle Carner ist es wichtig, dass Bewusstsein für diese Themen geschaffen wird, um auch spätere Generationen dafür zu sensibilisieren.  

Lia Fuchs
 

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Molchat Doma - "Monument"

Billie Eilish - "Therefore I am" 

Messed Up - "Scream Louder"

Rico Nasty - "OHFR"

Loyle Carner - "Yesterday"