Literatur

Von menschlichen Abgründen

Welche Strafe ist gerecht? War es Mord oder ein Unfall? Mit dieser Frage beschäftigen sich Anwälte und Richter tagtäglich. Ferdinand von Schirach ist einer von ihnen. Sein neuestes Buch "Strafe" beleuchtet kuriose Kriminalfälle.
Paragraphen über Paragraphen

Was ist die gerechte Strafe? Beschäftigt man sich etwas näher mit der Deutschen Krimilandschaft, fällt eins auf: Der Fokus liegt meistens auf der Arbeit der Ermittler. Allein bei der Ankündigung neuer Tatorte, ist immer von Ermittlerduos die Rede. Da sind die Urteile klar. Meistens geht es um Mord oder Totschlag.

Ferdinand von Schirach brach mit dieser Tradition schon in seinen früheren Büchern, wie "Terror" und "Schuld" und tut es auch mit seinem neuen Kurzgeschichtenband "Strafe". Er beleuchtet die Kriminalfälle aus ungewöhnlichen Blickwinkeln. Aus der einer Richterin, eines alkoholkranken Rechtsanwalts, einer Schöffin, aber auch der eines Opfers. Die Lesenden erfahren nur so viel, wie auch der ausgesuchte Protagonist. Dabei ist bei Weitem nicht von Anfang klar, auf welches Urteil das Verfahren hinauslaufen wird und welche Konsequenzen dieses für die Opfer haben wird. Die Täter in seinen Geschichten sind alltäglich, ein Familienvater, der einsame Mann. In einer Geschichte dreht ein Ehemann durch, nachdem das Fleisch auf dem Grill anbrannte.

Er hätte ihr mit der flachen Hand auf den Hinterkopf geschlagen. Es sei ihr egal gewesen, sie habe es kaum mitbekommen, es sei ihr einfach alles egal gewesen. Dann habe er gegen den Grill getreten. Die Kohle sei rausgerutscht und habe ihr Bein und ihren Fuß verbrannt. Die Nachbarn hätten sie ins Krankenhaus gefahren, ihr Mann sei nicht mitgekommen. Es seien nur kleine Narben geblieben.

aus "Strafe" nach Ferdinand von Schirach

Eine weitere Besonderheit an Schirachs Kriminalgeschichten ist die Sprache. Der Leser und die Leserin erwartet bei einem ausgebildeten Juristen lange, verschachtelte Sätze. Schirach schafft es mit kurzen Sätzen den Leser von Anfang an in seinen Bann zu ziehen, und das, obwohl diese an manchen Stellen schon fast emotionslos daher kommt.

Viele Facetten menschlicher Abgründe

Ob die Geschichten wahr oder erfunden sind, wird an keiner Stelle geklärt. Allerdings sind manche Geschichten so bizarr, dass man sie eigentlich nicht ausdenken kann, um im gleichen Atemzug zu verstörend zu sein, um wahr zu sein. Da rastet ein Mann aus, weil seine Sexpuppe misshandelt wurde, an einer anderen Stelle kommt ein brutaler Menschenhändler wegen eines Fehlers wieder auf freien Fuß. So beschreibt Schirach menschliche Abgründe auf eindringlichste Art und Weise.

Sie tanzte mit einem Jungen aus ihrer Klasse. Sie küsste ihn, sie spürte seine Erektion durch die Jeans. Er trug eine Brille aus Hornimitat und hatte nasse Hände. Sie befriedigte ihn im Wagen vor ihrer Wohnung, während sie an die Fehler in ihrer Rede dachte. Dann ging sie nach oben. Im Badezimmer schnitt sie wieder mit der Nagelschere in ihr Handgelenk. Es blutete stärker als sonst. Sie suchte einen Verband, Fläschchen und Tuben fielen in das Waschbecken. »Ich bin beschädigte Ware«, dachte sie.

Aus: "Strafe" nach Ferdinand von Schirach

Vordergründig ist "Schuld" ein großartiger Kurzgeschichtenband. Doch auch über das Lesen hinaus beschäftigt sich man mit der Frage nach der Schuld. Bildet man sich doch am Anfang jeder Geschichte relativ schnell eine Meinung, wird man gezwungen, während des Lesens seine Meinung zu hinterfragen und manchmal sogar zu revidieren. 

 

Den Beitrag finden Sie hier zum Nachhören:

Moderator Janek Kronsteiner im Gespräch mit Redakteurin Annika Sparenborg

Moritz Lüneborg

Moderator Janek Kronsteiner im Gespräch mit Redakteurin Annika Sparenborg

 

 

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Titel: „Strafe“

Autor: Ferdinand von Schirach

Verlag: Luchterhand Literaturverlag

Preis: 18,00€