Sagenhaft - Politisches Zitat der Woche

Von Mangel und Widersprüchen

Neues Schuljahr, altes Problem: Lehrermangel in Sachsen. Die AfD kritisiert die Ministerin und sieht schlechte Bedingungen für Schüler. Doch welche Konzepte bieten die Rechtspopulisten an? Sagenhaft.
Sagenhaft Frau
Sagenhaft - Das politische Zitat der Woche

Die von Ministerin Kurth vorgelegten Zahlen zum Schuljahresbeginn sind ein politischer Offenbarungseid für die CDU. Sachsen wird unter den schlechtesten Vorzeichen seit Dekaden in das neue Schuljahr stolpern.

Andrea Kersten, Mitglied des Sächsischen Landtages in der AfD-Fraktion

Warum gelingt der Schulstart laut Kersten so schlecht?

Der seit Jahren bekannte Lehrermangel verschärft sich weiter. Auch in diesem Jahr konnten nicht für alle Schulen trotz Rekordeinstellungen durch Kultusministerin Kurth genügend Lehrer gefunden werden. Neben dem grundsätzlichen Mangel an Lehrern kritisiert Kersten vor allem die Qualifikationen des eingestelltem Personals: 

45% aller neueingestellten Lehrer sind Seiteneinsteiger. Das heißt, sie haben einen Hochschulabschluss in dem Fach, welches sie unterrichten sollen, stehen aber ohne Pädagogikausbildung vor der Klasse. Dabei gibt es ein starkes Gefälle in den einzelnen Schulformen in Sachsen: In den Gymnasien gibt es nur wenige Seiteneinsteiger, in den Oberschulen dafür umso mehr. Zudem muss jede Schule ihre Seiteneinsteiger selbst eingliedern. Es gibt kein einheitliches Programm hierfür.

Ein weiterer Teil der neuen Lehrer sind sogenannte fachfremde Lehrkräfte. Das bedeutet, dass sie Fächer unterrichten müssen für die sie eigentlich gar nicht ausgebildet sind.

Warum stellt man denn nicht einfach mehr Lehrer ein?

Es fehlt an Lehrern auf Arbeitsmarkt. Die Lehrerausbildung lief in vergangenen Jahren milde gesagt chaotisch ab: So gab es einen Wechsel von Staatsexamensstudiengängen hin zu Bachelor-Master und wieder zurück. Zudem wurden in Sachsen mehrere Zentren für Lehrerausbildung geschaffen und dann wieder verworfen. Insgesamt sind also in Sachsen zu wenige Lehrer ausgebildet worden.

Auch Lehrer aus anderen Bundesländern zieht es nicht nach Sachsen. Für viele sind die hiesigen Arbeitsbedingungen zu untttraktiv: So schreckt zum Beispiel die unterschiedliche Bezahlung nach Schulform ab. Ein weiteres Problem ist, dass die älteren Lehrer häufig in Alterszeit gehen, also schon früher aus dem Arbeitsleben ausscheiden.

Nicht zuletzt machen auch die Schülerzahlen Schwierigkeiten: Ähnlich wie bei den Studierendenzahlen gibt es deutlich mehr Schüler in Sachsen als prognostiziert. Mehr Schüler erfordern natürlich mehr Lehrer.

Wie will denn die AfD das Problem anzugehen?

Im Mai hat die AfD einen Antrag mit sieben Sofortmaßnahmen in den Landtag eingebracht. Hierzu gehören: 

  • Gleiche Entgelteinstufung aller Lehrer in allen Schularten auf Gymnasialniveau
  • Alle Arbeitsverträge entfristen und nur noch unbefristet Arbeitsverträge für neue Lehrer anbieten
  • Einstellung im laufenden Schuljahr ermöglichen und nicht nur zweimal im Jahr
  • Aktives Anbieten von Stellen an Lehramtsreferenten und allen sächsischen Referendaren eine Einstellungszusage geben
  • Befristete Kooperation mit Nachhilfeunternehmen um den Pool an Vertretungslehrern aufzustocken
  • In bestimmten Fächern wie Kunst, Musik oder Sport prüfen, ob qualifizierte Hilfslehrer (wie anerkannte Künstler oder Trainer) ohne Hochschulabschluss die Aufgaben übernehmen können

Insbesondere der letzte Punkt steht im deutlichen Widerspruch zu der klaren Kritik an dem hohen Anteil an Seiteneinsteigern. Die Kersten betonte im Interview, dass man viele Optionen prüfe und sie sich der Ambivalenz der Vorschläge bewusst sei. 

Ambivalenz zeigt sich auch bei einem Blick in das Wahlprogramm der AfD zur sächsischen Landtagswahl 2014. Hier forderte die Partei die Klassenstärke auf 25 Schüler zu begrenzen und mehr Schulstandorte zu eröffenen. An diesem Ziel halte man fest, meint Kersten, auch wenn es kurzfristig das Problem verschärfen könnte. 

Welche Lösungsvorschläge bieten denn andere Parteien?

Die zuständige Ministerin Brunhild Kurth (CDU) bemüht sich um Schadenbegrenzung: Sie hofft, dass die Seiteneinsteiger mit ihrer Berufserfahrung auch eine Bereicherung für Schüler und Schule sein könnten. Zudem hatte sie die Eltern bereits im Juni darauf eingestimmt, dass man im kommenden Jahr wohl gemeinsam durch ein „Tal der Tränen“ gehen müsse.

Die SPD hatte bereits zur Landtagswahl 2014 ein umfassendes Konzept für den Kampf gegen den Lehrermangel vorgelegt: Sie forderte bessere, strukturierte Seiteneinsteigerprogramme, eine Reform der Lehramtsprüfungsordnung sowie eine Entlastung älterer Lehrkräfte, damit die länger arbeiten. Einige Maßnahmen überschneiden sich mit den Vorschlägen der AfD-Fraktion.

Die Grünen wünschen sich vor allem mehr Druck von SPD auf CDU. Beschränken sich aber hier auf die Rolle als Opposition ohne Alternativvorschläge. Die Linke schlägt vor, ähnlich wie die AfD, westlichen Lehramtsabsolvent mit  höhere Gehältern nach Sachsen zu locken.

mephisto 97.6 Redakteur Tim Vogel im Sagenhaft zum Mangel und den Widersprüchen in der Schulpolitik

Sagenhaft: Von Mangel und Widersprüchen in der Schulpolitik - Tim Vogel
0908 Sagenhaft Kersten Lehrermangel
 

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Tim Vogel
09.08.2016 - 18:19