Gespräche auf dem Roten Sofa

Von Leichenbergen und U-Bahnsprüngen

Beim Lesen des Titels „Der Bahnhof von Plön“ denken die Wenigsten an Menschenfresser und Zeitenspringer. Es ist eine Mischung aus Thriller und Fantasy, wobei die Frage nach dem eigenen „Ich“ stets präsent über Allem schwebt.
Christopher Ecker zu Gast auf der Roten Couch
Christopher Ecker zu Gast auf der Roten Couch

Wir treffen auf einen, sein Leben Revue-passierenden, namenlosen Ich-Erzähler. In seinem – wie er es nennt – „Bericht“ wird schnell klar, dass er sich in einer Sinn- und Lebenskrise befunden hat - verbrachte er doch die meiste Zeit im Dunklen auf einer Matratze, in einem schäbigen Apartment in New York City. Begleitet von Zigaretten und flaschenweise Gin fristet er ein klägliches Dasein, im Glauben zu etwas Höherem berufen zu sein. Doch als wäre das nicht elendig genug, hat sich unser Protagonist selbst aufgegeben und ist erledigt. Fern von jeder Selbstachtung übernimmt er zwielichtige Arbeiten für eine noch zwielichtigere Person.

Und hier beginnt für den zartbesaiteten Leser eine Reise ins Grauen. Denn unser Protagonist bekommt die Aufgabe, einen Berg von Leichen in einem heruntergekommenen Hotel vom dritten in den ersten Stock zu „transportieren“.

Bleich und prall quollen Frauenschenkel. Schwarz lag auf weiß, Mensch auf Mensch, und aus den Ritzen in dem Fleischberg ergossen sich Haarschöpfe aller Farben und Länge wie erstarrte Wasserfälle.

Mit detailgetreuen Bildern und fantasiereichen Metaphern beschreibt Christopher Ecker die Geschehnisse, während sein „Held“ handelt, so genau, dass sich beim Lesen ein nüchterner Magen empfiehlt. Parallel zu den Ereignissen im Hotel finden Rückblenden in das Leben des Protagonisten statt.

Vom anfänglichen Horror wird es plötzlich unwirklich

Ganz allmählich wird der Leser in eine fantastische, längst vergangene Welt mitgenommen. Es wird klar, dass der geheimnisvolle Ich-Erzähler zwar menschlich erscheint, aber dies nicht ist. Er kann mit Tieren sprechen und ist in der Lage, in New York in die U-Bahn zu steigen und diese wenige Minuten später in Amsterdam wieder zu verlassen. Er berichtet von herrschaftlichen Festen und geheimen Kapseln, in denen sich die Überlebenden versteckten.

„Phineas“, stellt sich später heraus, heißt unser Protagonist. Ob es sich hierbei tatsächlich um eine fantastische Gestalt handelt, die gefangen in der Menschenwelt ist, oder um ein Opfer von Alkohol und Drogen, wodurch er in einen schizophrenen Geisteszustand rutschte, bleibt unklar.

Die Fragen nach dem Sinn und dem eigenen Ich

Doch mit „Der Bahnhof von Plön“ hat Christopher Ecker einen außergewöhnlichen Roman geschaffen. Neben Einflüssen von Thriller und Fantasy steht der Held den grundsätzlichen Fragen des Menschseins gegenüber. „Wer bin ich?“, „Was ist der Sinn meines Lebens?“, „Was macht mich zum Menschen?“

Verschachtelte, teils eine halbe Seite lange Sätze machen den Roman zu einem anspruchsvollen Leseerlebnis, das sich nicht nebenbei erfahren lässt. Dadurch wird es schwierig, den Roman verschlingen zu wollen. Das ist sehr schade, denn der Stoff ist außergewöhnlich und würde mehr Spaß beim Lesen machen, würde Ecker auf sinnlos ineinander gestülpte Sätze verzichten. Doch das wiederum zeigt eben auch den Geisteszustand von Phineas. Dennoch ist es ein sehr lesenswerter Roman – vor allem für Denker, Fantasten, Philosophen und Spinner.

Christopher Ecker im Gespräch mit Redakteurin Claudia Peißig auf dem Roten Sofa.
Christopher Ecker im Gespräch
 

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Claudia Peißig
19.03.2016 - 14:35
  Kultur

Christopher Ecker, geboren 1967 in Saarbrücken, studierte Germanistik und Philosophie. Für sein literarisches Schaffen erhielt er mehrere Preise, zuletzt den Friedrich-­Hebbel-Preis 2015. Ecker lebt und arbeitet in Kiel.