Rotes Sofa: Olga Radetzkaja

Von Krieg und Revolution

Zarenreich, Revolution, Sowjetunion. Dass die Russische Revolution wesentlich komplizierter war, wird in der "Sentimentalen Reise" von Viktor Schklowskij deutlich. Das Buch ist jetzt in einer neuen Übersetzung herausgegeben worden.
Olga Radetzkaja
Redakteur Felix Krause hat auf dem roten Sofa mit Olga Radetzkaja, der Übersetzerin des Werkes, gesprochen.

Das Lazarett quillt über vor Verwundeten. Es ist dreckig, laut und der Feind naht. Viktor Schklowskij hat einen Bauchdurchschuss erlitten und muss versorgt werden. Es herrscht Krieg.

Die besten Sanitäter waren die österreichischen Kriegsgefangenen. Die Österreicher waren froh, an einem Ort zu sein, wo sie zu essen bekamen und gut behandelt wurden, und außerdem waren sie kultivierter und einfach nicht imstande, schlechte Arbeit zu leisten, sie wussten gar nicht, wie das geht – so wie ein gut ausgebildeter Kraftfahrer nicht schlampig mit seinem Auto umgehen kann.

Sentimentale Reise, S. 80

Wir befinden uns an der russisch-österreichischen Front im Ersten Weltkrieg. Eine der Stationen der „Sentimentalen Reise“ von Viktor Schklowskij. Der Literatur- und Kunsttheoretiker schreibt darin über seine Zeit von 1917 bis 1922: über Krieg, Revolution und Flucht zwischen Russland, Persien und Berliner Exil. Er schreibt über das Chaos dieser politisch-undurchsichtigen Zeit, über Hunger- und Kältetod, darüber, wie der Bürgerkrieg im Sowjetreich mündet. Schklowskij als Sozialrevolutionär ist zunächst in erster Linie für einen politischen Neuanfang.

Trotzdem, wenn man Task und mich damals gefragt hätte: »Für wen seid ihr, für Kaledin, für Kornilow oder für die Bolschewiki?«, hätten wir uns für die Bolschewiki entschieden. Übrigens gibt es eine Komödie, in der der Harlekin auf die Frage, ob er lieber gehängt oder gevierteilt werden möchte, antwortet: »Ich möchte lieber Suppe.«

Sentimentale Reise, S. 172

Die Undurchsichtigkeit der russischen Revolution

...erlebt er am eigenen Leib mit. Und er reagiert mit Spott. Von den Bolschewiki wird er später verfolgt und muss schließlich über Finnland aus Russland fliehen. Das ist historische Tatsache. Das Buch ist aber kein Bericht aus Fakten. Von Anfang an klingt Schklowskijs subjektive Sicht auf sein Land und die Revolution durch. Seine persönliche „Sentimentale Reise“ eben. Und die ist nicht immer chronologisch, sondern oftmals assoziativ. Er springt von Ort zu Ort, von Gefühlslage zu Gefühlslage. Mal schleppt sich der Roman etwas dahin, mal geht es temporeich hin und her. Auf die Geschehnisse zwischen Leid und Hoffnung blickt Schklowskij mal sachlich, mal humorvoll, aber immer zynisch und bitterböse. In Persien ist der Weltkrieg komplett stagniert. Geplündert und vergewaltigt wird trotzdem.

Bekannte haben mir erzählt, dass immer wenn unsere Männer in ein Dorf einfielen, die Frauen sich Gesicht, Brust und Körper von der Taille bis zu den Knien mit Kot beschmierten, um der Gewalt zu entgehen. Die Soldaten wischten sie mit Lumpen ab und vergewaltigten sie.

Sentimentale Reise, S. 148

Mit viel Witz und hohem Tempo

In Schklowskijs Nüchternheit schwingt immer auch Desillusionierung und Enttäuschung mit. Sie äußert sich in (Galgen-?) Humor. Schklowskij bricht den Ernst seiner Zeit durch humoristische Verfremdung. Große Pointen und Wortspielereien wurden dabei grandios ins Deutsche übersetzt.

Es regnete, unsere Mäntel hatten wir beim Regiment vergessen. Doch die Division musste in Bewegung gesetzt werden, koste es was es wolle. Der Ausdruck »koste es was es wolle« kreiste damals so hartnäckig in meinem Kopf, dass es mir später in Persien schien, als wäre »kosteswaseswoll« ein einziges Wort und »Kosteswases-Wolle« ein kurdisches Textilerzeugnis.

Sentimentale Reise, S. 56

Für die Übersetzung ist Olga Radetzkaja verantwortlich. Sie schafft es, die „Sentimentale Reise“ fast hundert Jahre nach ihrer Entstehung so lebendig und leicht zu übertragen, als handele es sich um Gegenwartsliteratur. Radetzkaja ist für ihre Leistung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Sie gibt Viktor Schklowskij als Zeitzeugen die Stimme, die die Russische Revolution nach hundert Jahren mit all ihrem Chaos und ihrer Brutalität noch immer erlebbar macht.

Er selbst vergleicht sich mit dem Affen, der an der Seite von Robinson Crusoe steht - er war anpassungsfähig. Und ein irrsinnig vielseitiger Mensch: Revolutionär, Soldat, Literaturtheoretiker vom politischen Untegrund aus. Er 'schwamm' überall hindurch und blieb dabei immer unabhängig.

Olga Radetzkaja

Redakteur Felix Krause hat auf unserem roten Sofa mit Olga Radetzkaja, der Übersetzerin des Werkes, gesprochen – über die Rolle Schklowskijs bei der russischen Revolution, die Ironie und Widersprüchlichkeit des Textes, über Galgenhumor und die Herausforderungen zeitgemäßer Übersetzung.

Redakteur Felix Krause im Gespräch mit Olga Radetzkaja.
1503 Sentimentale Reise
 

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"Sentimentale Reise" von Viktor Schklowskij

erschienen im Verlag Die Andere Bibliothek

492 Seiten

Preis: 42 Euro

Olga Radetzkaja ist für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Übersetzung" nominiert. Hier geht's zur Begründung der Jury.