Kommentar: Kampagne der Bundesregierung

Von ironischen Hecken und Ausgrenzung

Anlässlich dreißig Jahren deutscher Einheit hat die Bundesregierung eine Werbekampagne lanciert. Dabei wird eine offene und vielfältige deutsche Identität konstruiert. Das beruht auf einem irregeleiteten Staatsverständnis.
Das ist sooo deutsch
Plakatmotiv in Leipziger Straßenbahn

Den Kommentar gibt's hier zum Nachhören:

Ein Kommentar zur Kampagne "das ist sooo deutsch" von Frederike Moormann
Von ironischen Hecken und Ausgrenzung

Vor Kurzem hat die Bundesregierung eine Werbekampagne mit dem Slogan "das ist sooo deutsch" veröffentlicht. Die Kampagne umfasst 19 Motive. Zu sehen ist beispielsweise ein Strand unter leicht bewölktem Himmel. Dort sieht man von Weitem zwei nackte Personen auf ihren Handtüchern. Darunter der Slogan: "das ist sooo deutsch." Das Plakat spielt auf die FKK-Kultur in Deutschland an. Weitere Motive sind: Eine akkurat geschnittene Hecke, die so hoch ist, dass man kaum noch die Nachbarhäuser sieht. Zwei junge Menschen auf einer pazifistischen Demo. Ein älterer Mann mit einer Sammlung von Gartenzwergen. Romantische Landschaften.

Man sieht schnell: in der Kampagne werden Klichés des vermeintlich Deutschen aufgegriffen. Dadurch soll offensichtlich ein Zugehörigkeitsgefühl gestärkt werden: Es wird ausbuchstabiert, womit man sich als Deutsche positiv identifizieren soll. So scheint die Kampagne auch eine Antwort auf eine Strategie der neuen Rechten zu sein. Diese behauptet immer wieder, die Deutschen müssten ihren Stolz zurückgewinnen. Einen Stolz, der ihnen angeblich verboten worden sei. Objekt dieses Stolzes ist eine angeblich existierende deutsche Identität.

Im Gegensatz dazu, ist das vermeintlich Deutsche in der Kampagne "das ist sooo deutsch" nicht so klar umrissen. Die Kampagne legt offen, dass es Brüche in der deutschen Identität gibt. Die zwei nackten Badenden haben keinen perfekten Körper. Und der Sand unter ihren Füßen ist nicht strahlend weiß. Wichtiger noch: Die Kampagne ist sich bewusst, dass Identitätsbildung immer nur ein Versuch ist. Jede Identität ist vage - das wird besonders durch die Ironie des Slogans deutlich. Und jede Identität ist veränderlich - da gibt es nicht nur die Ordnung akkurat geschnittener Hecken, sondern auch Pazifismus und Dönerverkäufer. Ganz nach bayerischem Vorbild: Lederhosen, Berglandschaften und Industrie.

Jede Gruppe bildet sich auf der Grundlage einer Identitätskonstruktion. Egal wie offen und vielfältig eine solche Identität konstruiert wird - ihr Prinzip ist Ausgrenzung. Das ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig und meist recht harmlos. So haben Fußballfans und linke Aktivistengruppen einen Desscode, Sprechweisen und Riten. Mit diesen grenzen sie sich von anderen ab und vergewissern sich ihrer Gruppenzugehörigkeit.

Harmlos ist das solange, wie ich als Teilnehmerin der Gesellschaft nicht auf ihre Akzeptanz angewiesen bin. Meine Existenz als Mensch und Mitglied der Gesellschaft ist unabhängig davon. Doch im Falle des Staates ist soziale Gruppenbildung keineswegs harmlos, egal wie vage sie bleibt: Schließlich kann ich nicht zwischen Staatszugehörigkeiten wie zwischen Lifestyles hin- und herwechseln. Deswegen widerspricht jeder Versuch, und sei er noch so offen, eine deutsche Identität zu konstruieren, dem Prinzip der Gleichheit.

Die Kampagne "das ist sooo deutsch" beruht insofern auf einem irregeleiteten Staatsverständnis. Der Staat darf nicht nach dem Prinzip sozialer Gruppen verstanden werden. Und die Bundesregierung darf sich nicht als Vertreter einer solchen Gruppe verstehen. Sie sollte die Allgemeinheit vertreten - eben auch jene, die der Vorstellung deutscher Identität nicht entsprechen. Denn mit Allgemeinheit muss jede und jeder Einzelne gemeint sein.

 

Kommentieren