Waldstraßenviertel

Von Füchsen, Mücken und Roten Bullen

Es ist keine amtliche Bezeichnung, doch der Name „Waldstraßenviertel" hat sich in Leipzig etabliert. Ein Spaziergang unter Baumkronen, vorbei an architektonischen Schönheiten und mitten hinein in die Geschichte.
Das Waldstraßenviertel gilt als architektonisches Kleinod.
Das Waldstraßenviertel gilt als architektonisches Kleinod.

Ein warmer Regen nieselt auf die Autoscheiben herab. Die Erde riecht. Das Laub unter den Schuhsohlen bildet eine glitschige Schicht. Aus der Red Bull Arena schwappen Fangesänge und Pfiffe herüber. Auf der Waldstraße sind nur wenige Fußgänger unterwegs. Erst als das Spiel des RB Leipzig vorbei ist, erwacht das Viertel. Menschen strömen durch die Straßen. Manche tragen einen Schal um den Hals, andere schlendern Hand in Hand, Kinder sitzen auf den Schultern ihrer Väter.  

Wenn der RB Leipzig ein Heimspiel hat, strömen die Fans herbei.

Einige Fußballfans kehren in eine Kneipe ein, andere verschwinden direkt in der Tram. Linie 4 bringt die Fans im Zehn-Minuten-Rhythmus zum Bahnhof. Nicht alle können sofort mit. An der Feuerbachstraße bleibt eine Gruppe zurück, als sich die Türen der Tram nach mehrmaligem Signal schließen. Ein RB-Fan sucht am Wartehäuschen vergeblich nach einem Abfalleimer für seine Bierdose. Autofahrer starten die Motoren ihrer Wagen.

 

Wenn der RB Leipzig ein Heimspiel hat oder in der Arena ein Konzert stattfindet, gestaltet sich die Parkplatzsuche im Waldstraßenviertel wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ihrem Ärger darüber haben die Anwohner schon häufig Luft gemacht. Vor Kurzem erst konnten sie, je nachdem, wie nah sie der Arena sind, Udo Lindenberg an zwei Abenden gratis hören. Telefonate mit Handy waren da nicht überall möglich. Das Netz hatte sich verabschiedet.

Doch nicht nur Musik- und Fußballfans kommen regelmäßig ins Waldstraßenviertel. Durch Stadtrundfahrten finden auch Touristen hierher. Die Gründerzeithäuser mit ihrem Fassadenschmuck und den kleinen Erkern sind beliebte Fotomotive. In Wohnungsanzeigen vergessen Immobilienmakler nicht darauf hinzuweisen, dass sich das Miet- oder Kaufobjekt im Waldstraßenviertel befindet. Medienberichten zufolge sind hier Leipzigs Besserverdiener zuhause.

Von Bebel bis Ringelnatz

Einst haben im Waldstraßenviertel bekannte Persönlichkeiten wie der Arbeiterführer August Bebel, der Dichter Joachim Ringelnatz und die Frauenrechtlerin Auguste Schmidt gelebt und gewirkt. 

Gustav Mahler soll hier seine erste Sinfonie geschrieben haben.
Gustav Mahler soll hier seine erste Sinfonie geschrieben haben.

Gustav Mahler soll im Waldstraßenviertel seine erste Sinfonie geschrieben haben. Eine Gedenktafel erinnert an den Komponisten. Auch den Literaturnobelpreisträger Samuel Josef Agnon haben seine Besuche hier nachhaltig beeindruckt. In seinem Roman „Herrn Lublins Laden“ ist das Waldstraßenviertel Schauplatz. 

 

Ein Naturdenkmal ragt in den Himmel

Im Volksmund hieß das Viertel früher auch Neu-Jerusalem. Viele Juden fanden hier eine Heimat. Wer mehr über die Geschichte des Viertels erfahren will, der muss nicht erst im Online-Lexikon nachschlagen. Es gibt einen Bürgerverein, der regelmäßig Führungen, Ausstellungen und Veranstaltungen organisiert.

Die Platane an der Waldstraße 15 ist ein Naturdenkmal.
 

Doch diejenigen, die mit offenen Augen durch das Viertel schlendern, können auch so viel entdecken. Zum Beispiel die Platane, die an der Waldstraße 15 in den Himmel ragt und den Status eines Naturdenkmals hat. Unter Schutz steht sie nicht nur wegen ihrer Größe. Auch, weil sie in ihrem Dickenwachstum den angrenzenden Eisenzaun völlig eingeschlossen hat.

 

Eine Straße für Hosen-Frontmann Campino?

Vor dem Schild „Fregestraße“ mögen eingefleischte Fans der Toten Hosen kurz verweilen, heißt doch Hosen-Frontmann Campino mit bürgerlichem Namen Andreas Frege. Im Sommer 2015 werden die Punkrocker aus Düsseldorf ihre Bandpause anlässlich des Leipziger Stadtjubiläums unterbrechen und am 22. August auf der Festwiese ihr einziges Deutschlandkonzert geben.

Hosen-Frontmann Campino heißt mit bürgerlichem Namen Andreas Frege, diese Straße aber wurde nicht nach ihm benannt.
 

Nun hat die Stadt nicht etwa aus Dankbarkeit eine Straße nach dem Bandleader benannt. Die Fregestraße gab es schon lange vorher. Pate stand ein Mitglied der bekannten Leipziger Kaufmanns- und Bankiersfamilie Frege. Campino gehört dem gleichen Stammbaum an.

 

 

Ein Lustschloss in Leipzig

Namen sind eben nicht Schall und Rauch. Im Waldstraßenviertel lohnt es sich, genau hinzusehen. Mit dem Viertel eng verbunden ist auch das „Mückenschlösschen" – als Restaurant und Haltestelle. Welchen Ursprung der Name hat, erklärt Annelie Richter vom „Mückenschlösschen":

Annelie Richter erklärt, was es mit den Mücken im Namen "Mückenschlösschen" auf sich hat.
 

Dabei sind Mücken nicht die einzigen Tierchen, die einem im Waldstraßenviertel begegnen. Zu später Stunde kann es schon einmal sein, dass ein Fuchs über den Bürgersteig flaniert. Denn das Rosental ist direkt ums Eck. 

Mückenschlösschen - so heißen im Viertel Restaurant und Haltestelle.
 

 

 

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Der Bürgerverein Waldstraßenviertel bietet regelmäßig Führungen an. Die nächste findet am 25. Oktober statt. Thema: Häuser-Geschichten. Das Waldstraßenviertel zum Kennenlernen.

Nähere Informationen gibt es hier.

Bereits am 7. Oktober (19 Uhr) findet im Ariowitsch-Haus, Hinrichsenstr. 14, eine Lesung aus Samuel Josef Agnons Roman "Herrn Lubins Laden" statt. Der Eintritt ist frei.