Musik-Highlights: KW 30

Von Drogen und Riesenrädern

Unsere Musikredaktion hat wieder die besten Neuerscheinungen ausfindig gemacht. Diesmal mit dabei: ein bisschen Liebeskummer von Lianne La Havas, ein bisschen Hass von Ruffiction und ein bisschen "Plunderphonics" von The Avalanches.
Lianne La Havas, The Avalanches, Ruffiction, Sylvan Esso, Taylor Swift
Musikhighlights der Woche - KW 30

Frisch Gepresst: Unser Musiktipp der Woche kommt dieses Mal von den Orsons mit ihrem neuen Album "Tourlife4Life". Eine ausführliche Rezension gibt es hier.

Ruffiction - "Hassmaske"

Album-VÖ: 24.07.2020

Ruffiction, das sind die drei Rapper Crystal F, Crack Claus und Arbok48. Und sie sind zurück mit viel Hass, Drogen und einem neuen Album. „Hassmaske“ ist heute auf ihrem eigenen Independent Label Ruffiction Productions erschienen.

Schon beim ersten Track, „Prophezeiung“, wird klar: das ist definitiv kein Gute-Laune Wohlfühlalbum. Die elektronischen Beats sind hart und dreckig, der Bass ballert laut durch die Boxen. Es gibt musikalisch jedoch auch kleinere Ausbrüche, zum Beispiel bei dem Song „B52 Pilot“, zu dem zero/zero eine Autotune Hook beisteuert. Im letzten Track „Schwarz“ unterstützt eine E-Gitarre noch zusätzlich die düstere Atmosphäre.

Doch nicht nur musikalisch klingt das Album sehr aggressiv. Ruffiction ist bekannt für Texte, die viel von Hass und Gewalt sprechen. Diese Anti-Alles Attitüde zieht sich so durch das komplette Album. Doch ist diese nicht immer nur grundlos, wie man vielleicht im ersten Moment noch denken könnte. Es geht nämlich auch um Emotionen, die verarbeitet werden. Denn nicht nur Liebeskummer, sondern auch Depressionen führen zu der tiefen Wut der drei Rapper. Besonders deutlich wird das auf der Vorabsingle „Lebe meinen Hass“:

Man sagt ja am Ende da wird alles gut
Doch der Schmerz den ich tief in mir trage
Genau dafür ist meine Wut und der Hass nicht genug
Und trotzdem, ich lebe den Hass

Auf dem Track bekommen die Untergrundrapper Unterstützung von der Punkrock Band Swiss und die Anderen, welche auch schon in der Vergangenheit auf Songs vertreten waren. Durch sie wird die melancholische Stimmung zusätzlich abgerundet.

Das Album ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Durch den harten Sound und die aggressiven Texte, ist das keine Platte, die man auf Dauerschleife hören würde. Aber besonders für Fans von den älteren KIZ Alben, ist „Hassmaske“ definitiv eine Empfehlung. Außerdem ist das Album ein gutes Kontrastprogramm, für jeden, der keine Lust mehr auf die Gute-Laune Sommersongs hat.

Emma Dressel

Taylor Swift - "folklore"

Album-VÖ: 24.07.2020

Das Internet hat nicht schlecht gestaunt, als Taylor Swift gestern völlig unvorhergesehen ihr achtes Studioalbum ankündigte. Keine 24 Stunden später erblickte „folklore“ das Licht der Welt und liefert seitdem noch mehr Überraschungen: Es entstand für Swift genauso unerwartet wie für ihre Fans, als sie in der Corona-bedingten Isolation begann, ohne größere Ambitionen an ein paar Songskizzen zu schreiben. Hand und Fuß bekam die Platte dann durch einen ihrer musikalischen Helden, mit dem Swift bisher keine Gelegenheit zur Zusammenarbeit fand: Aaron Dessner, Mitglied von The National und eine Hälfte des Elektro-Folk-Duos Big Red Machine. Er produzierte das Album und schrieb an elf der 16 Songs mit.

Swifts sitzendes Händchen für eingängigen Pop und Dessners Findigkeit für filigrane, aber kräftige Arrangements treffen sich an den richtigen Stellen: „the last american dynasty“ vereint tänzelnde, erdige Synthies und Streicher mit Mitsing-Dynamik; „exile“ ist ein einnehmendes Duett mit Folk-Größe Bon Iver und „my tears ricochet“ die klug gesetzte Schnittstelle zwischen abgespecktem Songwriting und unprätentiösem Pop. Eine Linie, die das Album durchgängig halten kann.

„folklore“ ist ein spannendes Album, was es nicht zuletzt seinen Collaborationen verdankt: Aaron Dessners Zwillingsbruder Bryce half bei der Orchestrierung, Swift selbst entschied sich auch bei dieser Platte wieder für die Zusammenarbeit mit Jack Antonoff (Bleachers). Dennoch klingt es nicht nach einem, von Indie-Männern für sie angefertigten Korsett, mit dem Swift sich verkleiden soll. Ihre eigene Vision bleibt klar erkennbar und zeigt uns eine clevere Künstlerin, die wandelbar bleiben will – und genau weiß, dass ihre schonungslose Branche das auch von ihr verlangt. Taylor Swift mögen viele als Popsternchen verstehen, aber mit „folklore“ beweist sie: Sie kennt und beherrscht ihr Spiel genau.

Ariane Seidl

Lianne La Havas - "Lianne La Havas"

Album-VÖ: 17.07.2020

Das Trennungsalbum, das nicht klingt wie eins: Lianne La Havas’ jüngste Platte ist selbstbewusst, zuversichtlich und leichtfüßig. Zwar entstand ihr drittes Album unter dem Aspekt, das Ende eine Beziehung zu verarbeiten – das traurige Mädchen mit Gitarre sucht man aber vergeblich. Anstatt an der vergangenen Liebe zu klammern bleibt La Havas nah bei sich und konzentriert sich auf sich selbst und die eigenen Wünsche. Sie zieht von Los Angeles zurück in ihre Heimatstadt London und schreibt meisterhaft minimalistische und erdige Songs. Die Britin gibt sich auf „Lianne La Havas“ ganz dem Folk-Soul hin und arbeitet fast ausschließlich mit ihrer starken Stimme und herausragenden Gitarrenfertigkeiten („Seven Times“).

Trotz der Zuversicht und der erfolgreichen Selbstfindung sind die Songs keineswegs distanziert oder durchrationalisiert. La Havas hat ihre verletzten Gefühle und ihre Trauer um die Beziehung genau im Blick, setzt sich dabei aber auf scharfsichtige Weise mit ihnen auseinander:

Stay for me, my heart on your sleeve
Tread carefully and I'll never leave
False memories make it hard to believe
But knowing my half of my tale isn't easy for me
Overflow, love comes at a cost
You'll never know how much has been lost
I'll try to let it go, my fingers are crossed
I show you my pretty scars, they make us whatever we are

 „Please Don’t Make Me Cry“

„Lianne La Havas“ ist die beeindruckende Dokumentation geleisteter emotionaler Arbeit: Von bloßer Trauer und Einsamkeit über das Annehmen der eigenen Gefühle („Paper Thin“) bis hin zur Vorfreude auf eine neue Liebe („Read My Mind“). Der Mittelpunkt bleibt aber zu jeder Zeit eine selbstbewusste Lianne La Havas, die sich so oder so über ihr Leben freut und sich nicht auf halbe Sachen einlassen will. Es ist ein Album, an dem alles stimmt -  die Instrumentierung und die Lyrics, der clever gewählte Titel und das Artwork, auf dem uns eine breit lächelnde Lianne entgegenstrahlt.

Ariane Seidl

The Avalanches ft. Jamie xx, Neneh Cherry, CLYPSO - "Wherever You Go"

Single-VÖ: 22.07.2020

Obwohl The Avalanches mittlerweile seit über 25 Jahren unterwegs sind, haben sie bislang erst zwei Alben herausgebracht. Das liegt aber nicht etwa an Lustlosigkeit, sondern an ihrem aufwändigen Arbeitsprozess. Für ihre umjubelten Alben setzen die beiden Querköpfe Robbie Chater und Tony Di Blasi neben selbsteingespielten Instrumenten und Gaststimmen vor allem auf eine wahrlich irrsinnige Menge an Samples (pro Album angeblich mehrere Tausend), von vorzugsweise alten Musikstücken bis hin zu Sprachfetzen aus Film und Fernsehen. Diese zusammengeklaute, psychedelisch klingende Mischung wird häufig „Plunderphonics“ genannt und verlangt beim Arrangement sowie bei der Sicherung der Musikrechte einiges an akribischer Arbeit. Wenn das Duo nun für 2020 also nach nur vier Jahren Wartezeit ihr drittes Album ankündigt, muss das schon als verhältnismäßig schnell gelten.

Als Appetizer auf die Platte gab es diese Woche zwei Vorabtracks, von denen besonders der Song „Wherever We Go“ überzeugt. Darauf nehmen sich die Australier etwas zurück und lassen den britischen Starproduzenten Jamie XX den elektronisch klingenden Beat beisteuern. Dafür bringen Chater und Di Blasi ein besonders prominentes Sample ins Spiel: der Song enthält eine Aufnahme von den "Voyager Golden Record"-Schallplatten („Hello from the Children of Planet Earth“), welche die NASA 1977 ins All schoss, um eventuelle Außerirdische mit der Erde vertraut zu machen. Dank Gastsängerin Neneh Cherry gelingt dem Song der Spagat zwischen spacigem Sound und irdischer Wärme hervorragend.

Martin Pfingstl

Get Well Soon – „Funny Treats“

Single-VÖ: 21.07.2020

Serien Junkies dürfte der neue Song von Get Well Soon bekannt vorkommen, denn zu finden ist der, zumindest in Teilen, im Intro der deutschen Netflix Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“. Geklaut ist da aber nichts, denn Konstantin Gropper, das Mastermind hinter Get Well Soon, war bereits für die erste Staffel der Serie als Komponist tätig. Mit Start der zweiten Staffel von „How To Sell Drug Online (Fast)“ kann man den Song nun auch in voller Länge hören.

Nach seinem letzten Album „The Horror“ (2018) ist „Funny Treats“ die erste neue Veröffentlichung von Get Well Soon. „Ausgangspunkt waren Klänge aus einem 80er Jahre Spielzeug-Synthesizer und -Sampler“ sagt Gropper über den Soundtrack der Serie, den er auch liebevoll „Nerd-Musik“ nennt. Die elektronischen Gadgets kommen in ihrer ganzen Pracht zum Tragen und passt nicht nur wegen ihrer Verspieltheit zur „HTSDO(F)“. Dazu kommt jede Menge Energie, die auch ohne Kontext für einen gewissen Rausch sorgt und vielleicht läutet die neue Single ja auch das nächste Get Well Soon Album ein.

Marie Jainta

Sylvan Esso - "Ferris Wheel"

Single-VÖ: 21.07.2020

Gegensätze ziehen sich an. So ist das zumindest bei Sylvan Esso. Hinter diesem Pseudonym, basierend auf einem Charakter des iOS-Spiels „Swords and Sworcery“, stecken Sängerin Amelia Meath und Produzent Nick Sanborn. Beide kommen zwar ursprünglich aus der Folk-Musik, verfolgen mit ihrem gemeinsamen Elektropop-Projekt aber unterschiedliche Ziele. Sanborn will, dass die gemeinsamen Songs eher beruhigend klingen; Meath möchte Songs schaffen, zu denen sich die Leute die Kleider vom Leib reißen können. Aus dieser kreativen Spannung haben die beiden nicht nur ein erfolgreiches Musikprojekt geschaffen, sondern auch eine glückliche Beziehung.

Auf ihrer neuesten Single „Ferris Wheel“ scheint sich jedoch Sängerin Amelia Meath durchgesetzt zu haben. Zumindest klingen Sylvan Esso hier so poppig und tanzbar wie selten zuvor, inklusive Sturm-und-Drang-Text:

When I'm slamming in my dancing shoes
Asphalt's hot, and my knees all bruised
It's the summer, got a lot to prove
Can't wait to do it, can you? (No!)

Die eingängige Single ist Vorbote des dritten Sylvan-Esso-Albums „Free Love“, das am 25. September erscheinen soll.

Martin Pfingstl

 

 

 

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Ruffiction - "Hassmaske"

 

Lianne La Havas - "Lianne La Havas"

 

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