Frisch Gepresst: BLVTH

Von Beats, Angst und Akzeptanz

Ganze sechs EPs hat Musiker und Produzent BLVTH bereits veröffentlicht. Erst jetzt erscheint mit „I LOVE THAT I HATE MYSELF“ sein lang ersehntes Debüt-Album - eine Reise von Selbsthass zur Selbstliebe.
BLVTH - I LOVE THAT I HATE MYSELF
BLVTH - I LOVE THAT I HATE MYSELF

Dröhnende Bässe, einen Hang zum Autotune, irgendwo zwischen Pop, Trap und HipHop. So, oder ähnlich könnte man den Sound des Musikers und Produzenten BLVTH (gesprochen „Blut“) wohl beschreiben. Patrick Denis Kowalewski, wie BLVTH mit bürgerlichem Namen heißt, hat schon vor einiger Zeit den deutschen Musik-Untergrund verlassen. Während er als Produzent schon mit Künstlern wie Casper oder KUMMER zusammenarbeitete, feilt er auch schon eine Weile an seinem eigenen Sound. Sechs EPs sind bis dato bereits erschienen, auf denen BLVTH ein meist energiegeladenes Zusammenspiel von dunklen Bässen und elektronischen Elementen darbietet.

Nun erscheint mit „I LOVE THAT I HATE MYSELF“ endlich sein Debüt-Album – ein Selbstfindungsprozess, der sich perfekt in BLVTHs Diskografie einreiht, auf welchem er sich aber auch experimentierfreudiger zeigt als auf vorherigen Werken. 

Gefühlig anders 

Eingeklammert wird das Album vom Opener „I HATE MYSELF“ und dem Closer „I LOVE MYSELF“. Wie die Titel vermuten lassen, bietet BLVTH auf seinem Debüt einen tiefen Einblick in seine Gefühlswelt, von Selbsthass zur Selbstliebe.

Run, run back till I find something that will help me to changе, eh
So I can quit being myself again 

"HAHA"

Neben einer neu gefundenen textlichen Intimität, die sich durch das gesamte Album zieht, versucht BLVTH auch an anderen Stellen Neues: Mit dem gerappten „BAIL OUT“ wagt er einen weiteren Schritt in Richtung HipHop, und neben einem ersten deutschen Song ist auch seine Mutter mit einer emotionalen Nachricht auf dem Album zu Gast.

Deutlich weniger überraschen Titel wie „BUTTERFLY“ oder „ARIGATO“. Mit halligen Vocals auf Beats, die unter anderen Umständen ins Moshpit einladen würden, folgen sie dem klassischen BLVTH-Schema.

"I HATE MYSELF"

Mit „I HATE MYSELF“ startet das Album rau und düster. Die wirre kratzende Geräuschkulisse erreicht kaum ihren Höhepunkt, bevor sie abrupt in Stille zusammenbricht. Mit „STRANGER“ folgt ein Titel, der sich die erzeugte dunkle Stimmung zu eigen macht, um vom Fremden zu sprechen, von dem sich BLVTH verfolgt fühlt.  

Selbstzweifel und Angst ziehen sich wie ein roter Faden auch durch die nächsten Tracks. So skizziert BLVTH in „HAHA“ den gescheiterten Versuch seinen Schmerz mit Drogen zu dämpfen.  

I was, I was taking pills again
I thought they'll ease my pain
Didn't seem like a fair trade
'Cause now I'm high, but still full of pain, yeah

"HAHA"

Mit „KAPUTT“, in dem BLVTH seinen Selbsthass besingt, veröffentlicht er seinen ersten Song auf Deutsch. Das irritiert zwar anfänglich etwas, fühlt sich im nächsten Moment aber schon so an, als hätte er nie auf einer anderen Sprache gesungen.

"I LOVE MYSELF"

In der zweiten Hälfte der 28 Minuten des Albums wandelt sich BLVTHs Gemütszustand und entfernt sich von den anfänglichen Ängsten und Zweifeln. Statt sich selbst für seine Fehler fertig zu machen, akzeptiert er im Gitarren-untermalten „TWI$$$TIN AND TURNIN“, dass man nicht immer alles perfekt machen kann und dass das okay ist.

My head full of thoughts
You can't be on top forever

"TWI$$$TIN AND TURNIN"

Positiv gestimmt ist auch der Titel „POW POW“, dessen aufmunternde Zeilen an manchen Stellen leider aber etwas kitschig wirken. 

No, I ain't going back, yeah
I know it's now or never
The spirit will still remain

"POW POW"

Für eine Ruhepause sorgt das melancholisch bassige Instrumental „CINNAMON“. Der Titel spielt dabei wahrscheinlich auf BLVTHs liebste Form von Selfcare an (wenn man seinem Instagram Profil Glauben schenkt): Zimtschnecken.

Mit dem Closer „I LOVE MYSELF“ findet BLVTHs Debüt dann einen emotionsgeladenen Abschluss. Wie auch „I HATE MYSELF“ zu Beginn des Albums ist der finale Titel ein instrumentaler Track. Während der Opener jedoch vor allem eine raue wirre Lärmkulisse darbietet, klingt „I LOVE MYSELF“ weicher und sanfter. Eingebettet in wärmende Synthies hört man eine Sprachmemo von BLVTHs Mutter. Obwohl die Nachricht auf Polnisch ist und damit nicht sofort für Jede*n verständlich, transportiert der Klang ihrer Worte viel Stolz und Emotion und beendet damit gekonnt BLVTHs Reise zu sich selbst.

Fazit

In vielerlei Hinsicht durchlebt BLVTH mit seinem Debüt „I LOVE THAT I HATE MYSELF“ sicherlich eine persönliche und musikalische Weiterentwicklung. Er zeigt sich nahbar und punktet mit tiefen persönlichen Texten. „I LOVE THAT I HATE MYSELF“ präsentiert viele starke Ansätze, die teilweise jedoch nicht genügend ausgearbeitet scheinen oder ihre Stärken überstrapazieren.

Trotzdem folgt „I LOVE THAT I HATE MYSELF“ sowohl klanglich als auch textlich einem roten Faden. Das macht BLVTHs Debüt dennoch zu einem runden Gesamtwerk, auch wenn man sich an manchen Stellen etwas mehr erhofft hätte.

 

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Lina Kordes
02.12.2020 - 20:31
  Kultur

BLVTH: I LOVE THAT I HATE MYSELF

Tracklist:
  1. I HATE MYSELF 
  2. STRANGER*
  3. ARIGATO*
  4. BUTTERFLY*
  5. HAHA*
  6. KAPUTT
  7. BAIL OUT
  8. POW POW
  9. CINNAMON
  10. TWI$$$TIN AND TURNIN
  11. I LOVE MYSELF

*Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 27.11.2020
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