Documenta 14

"Von Athen lernen"

Vergangenes Wochenende eröffnete eine der größten Schauen zeitgenössischer Kunst in Kassel. Damit folgte sie ihrer Documenta-Partnerstadt. mephisto 97.6 war in Athen und hat sich auf Spurensuche begeben: Was kann man von Athen lernen?
Ein einsames Documenta 14-Plakat in einer Metro-Station
Ein einsames Documenta 14-Plakat in einer Metro-Station

In der Metro-Station Monastiraki im Herzen Athens hängt einsam ein schwarz-weißes Plakat - eine große 14 prangt darauf. Niemand steht davor. Eine vollbesprayte, bunte Metro fährt ein.

Während in Kassel die Schau gerade zum 14. Mal eröffnet wurde, hat die Athener Documenta ihren Zenit schon überschritten. Immer noch hängen schwarz-weiße Plakate mit einer 14 darauf an Häuserfassaden oder als Flaggen vor den Ausstellungsorten. In der Stadt verteilt, zwischen Bäumen, auf Plätzen oder dem Boden liegen und hängen kleine Schilder. Etwa faustgroß und quadratisch, weiß mit schwarzer Handschrift beschrieben, weisen sie darauf hin: Hier ist Documenta-Kunst zu sehen. Dass überall in der Stadt Kunstwerke zu sehen sind, kommt gut an, zumindest bei Yannis Vouliaris. Er arbeitet für die Documenta. Der Künstler hat in Großbritannien studiert und lebt jetzt wieder in Athen.

Mir gefällt die Tatsache, dass sie in der ganzen Stadt verstreut ist. Die Besucher müssen Athen entdecken und sie sehen die Situation der Stadt und was hier los ist.

Graffitis auf einer Metro
Graffitis werden kaum entfernt, sie sind überall sichtbar wie an dieser Metro

Er meint, dass die meisten Besucher aus der ganzen Welt anreisen und weniger aus Griechenland selbst kommen. Doch die angereisten Touristen und Kunstliebhaber kommen nicht drum herum: Sie müssen sich mit der aktuellen Situation der Stadt auseinandersetzen. Mit Armut – und mit Verfall. Heruntergekommene Gebäude prägen das Stadtbild, ebenso unzählige bunte Graffiti. Zu sehen sind Bilder und Sprüche. Manche kritisieren die Documenta: Kurze Statements sind an Hauswände gesprüht worden. Es müsse schön sein, Kapitalismus zu kritisieren mit einem 38 Millionen Euro Budget, steht da. Andere halten es schlicht:

"Documenta Fuck off!" steht auf einem Plakat
Die Documenta kommt nicht bei allen gut an

Yannis versteht die Unzufriedenheit der Athener:

Die Menschen waren kritisch gegenüber der Documenta. Es gab da einen Streitpunkt: Die Documenta würde die Krise ästhetisieren. Auf der anderen Seite nehme sie nicht genug Bezug auf das, was hier vor sich geht.

Die Krise hat viele Griechen immer noch fest im Griff. Manch ein Kritiker fand  deshalb auch das Motto dieser Documenta unangebracht oder gar zynisch: "Von Athen lernen". Ein deutscher Besucher hingegen sieht das anders. Er glaubt sehr wohl, dass man etwas von der Stadt lernen kann. Georg Rees ist aus München angereist, um sich von der eigenwilligen Städtepartnerschaft zwischen Kassel und Athen ein Bild zu machen.

In Griechenland passieren so viele Dinge, die uns in der gesamten EU betreffen. Ich finde es aber auch kulturell spannend, was momentan in der Stadt geschieht.

Eines der Hauptwerke der Athener Documenta: Das marmorne Zelt von Rebecca Belmore ("Biinjiya'iing Onji (Von innen)", 2017)

Während seines Besuchs der Documenta sind ihm die politischen Schwerpunktthemen aufgefallen, sagt der 35-Jährige: Es geht um Ökologie, um die Flüchtlingsthematik und um Partizipation der Bürger. Bei einer Aktion des Künstlers Rasheed Araeen auf dem Kotsia-Platz mitten in Athen kommen Menschen zusammen: Anwohner, Bedürftige, Geflüchtete – und Documenta-Besucher. Sie essen regelmäßig gemeinsam unter bunten Baldachinen. Georg war auch einmal dabei. Er kam mit den Menschen ins Gespräch. Ihm ist bei seinen Rundgängen, beim sich treiben lassen durch die Stadt noch etwas aufgefallen, denn die vielen Graffiti springen einem sofort ins Auge. Die Künstler würden sich die Stadt zurückerobern. Das Motto „Von Athen lernen“ gefällt ihm gut, er glaubt, dass man ganz viel lernen kann, auch wenn der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble das vielleicht anders sehen mag, schmunzelt er.

Improvisieren und die Krise gestalten. Sich nicht der Krise zu ergeben und resignieren, sondern zu sagen: Es ist prekär, aber wir machen was draus.

Die Künstler helfen sich gegenseitig. Sie schaffen neue Orte, kreativen Raum dort, wo er vorher nicht war. In Zeiten der Krise sind die Künstler auf sich allein gestellt. Unterstützung vom Staat gibt es kaum, sagt Yannis.

Kritische Graffitis prägen das Stadtbild
Kritische Graffitis prägen das Stadtbild

Die Künstler müssen ihre eigenen Wege finden zu überleben. Und das ist der Grund, weshalb hier momentan so viele neue Orte entstehen, wie kleine Gebäude, besetzte Häuser, eine Garage oder alte Fabriken.

Das seien Orte, die es so vor einigen Jahren nicht gab. Er könne sich auch vorstellen, selber einen solchen Ort zu erschaffen – mit befreundeten Künstlern, denen es ähnlich ergeht wie ihm. Athen ist eine lebhafte Stadt, deren Bewohner der Krise zu trotzen scheinen.

Hören Sie hier den Bericht in voller Länge:

Nadja Bascheck über die Documenta in Athen
BmE Athen
Eines der Graffitis an der Athens School of Fine Arts
Eines der Graffitis an der Athens School of Fine Arts

 

 

 

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Nadja Bascheck
19.06.2017 - 11:42
  Kultur

Die Website der Decumenta finden Sie hier.