Die Kolumne

Von allem zu viel

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Marisa Becker über vorbildliche Schweden, Weihnachtsstress und die Götter von morgen.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Von allem zu viel – die Kolumne von Marisa Becker
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Das Komasaufen ist in Sachsen wieder auf dem Vormarsch. Immer mehr Jugendliche finden hier laut einer Statistik Gefallen daran, sich hemmungslos die Birne wegzukippen. Das ist natürlich ein Problem. Hast Du eine Idee, wie man die Jugendlichen von der Flasche bekommt?

In Deutschland wird es Jugendlichen sehr einfach gemacht, sich so richtig zu besaufen. Alkoholische Getränke sind durch Spätis und Tankstellen praktisch 24/7 verfügbar und dazu noch spottbillig. Für ein Sterni zahlt man nur rund 80 Cent – das ist zwar toll, wenn man als Erwachsener knapp bei Kasse ist, in dem Fall aber nicht sonderlich förderlich. Denn: Junge Leute haben meistens auch nicht so viel Geld, und wenn der Alkohol dann erschwinglich ist, wird er eben gekauft. Vielleicht sollte man es mit dem Alkohol wie mit Benzin handhaben: Es ist schädlich, also erheben wir höhere Steuern darauf. Das würde nicht nur den Jugendlichen helfen, sondern auch allen anderen Suffköpfen: Mehr als elf Liter Reinalkohol pro Kopf werden nämlich durchschnittlich in einem Jahr in Deutschland versoffen. Das ist ungefähr doppelt so viel wie in Schweden. Die haben aber auch deutlich strengere Alkoholgesetze und beweisen damit mal wieder, dass sie mehr als nur Mandelkuchen und Pressspanmöbel gut können.

Der Leipziger Weihnachtsmarkt wurde diese Woche feierlich eröffnet. Schade nur, dass nun alles voller Fressbuden, billigem Glühwein und Passanten ist. Was machst Du, um diesen Weihnachtsstress zu umgehen?

Ich versuche ehrlich gesagt erst gar nicht den Weihnachtsstress zu umgehen. Ich lasse mich mehr von ihm wie auf einer Wolke durch den kommenden Monat tragen. Nach Feierabend mache ich es mir einfach auf dem Weihnachtsmarkt bequem, kombiniere Abendessen und den Geschenkkauf-Marathon mit einer heißen Schokolade mit Sahne. Ich stelle mich an den Tisch neben dem Langosstand, der gleichzeitig ein Mülleimer ist, und halte Ausschau nach kitschigem Krimskrams, den ich verschenken kann. Aus der Ruhe bringen kann mich da nichts – außer der Tatsache, dass ich ständig befürchten muss, dass jemand seinen Müll versehentlich in meinen Kakao wirft, weil er vor Stress nicht mehr klar sehen kann. Wenn alle anderen dann schon wieder zuhause sind und die Buden kurz vorm Schließen, mache auch ich mich auf den Weg. Die Stadt ist frei, keiner tritt mir auf die Füße. Was soll denn der ganze Stress? Ich zumindest weiß nicht, was ihr meint.

Kolumnistin Marisa Becker
Unsere Kolumnistin Marisa Becker empfindet Weihnachten nicht als stressig – sie liebt es!

In Schkeuditz kam es zu einem erstaunlichen Fund. Dort haben Archäologen eine mehr als 5000 Jahre alte Siedlung ausgegraben. Wenn in 5000 Jahren Forscher die Ruinen von Leipzig ausgraben, was werden sie da wohl finden?

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob in 5000 Jahren überhaupt noch gegraben wird. Wahrscheinlich ist es bis dahin ohnehin möglich, mit der modernsten Technik den Boden zu scannen und virtuell zu rekonstruieren, wie es heute in Leipzig aussah. Warum sollte man auch seine Hände benutzen, wenn Maschinen das Gleiche können? Schließlich gibt es hier eh nichts Spannendes zu finden: Weder Larry Page noch Steve Jobs liegen hier begraben und das werden schließlich die Götter von morgen sein. Schon heute ist Google unser Gehirn und das iPhone unser Schädel, in dem wir es herumtragen. Sollten sie aber doch graben, dann hoffe ich, dass sie Goethe, Lessing und Fontane wieder für sich entdecken. Denn, wie es in Faust heißt: „Du gleichst dem Geist, den Du begreifst“.

Und nächste Woche?

Ist Alkohol immer noch total billig und ich schon so überfressen von Kräppelchen, Poffertjes und Co., dass ich ganz entspannt nach Ladenschluss über den Weihnachtsmarkt rolle.

 

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