Baum des Jahres 2017

Vom Brotbaum zum Notbaum

In diesem Monat wurde die Fichte zum Baum des Jahres 2017 gewählt. Naturschützer wollen mit der Wahl darauf aufmerksam machen, dass die Fichte den Konsequenzen des Klimawandels nicht mehr lange standhält.
Fichtennadeln und Zapfen
Die Nadeln und Zapfen der Fichte

„Willst du den Wald bestimmt vernichten, pflanze nichts als reine Fichten!“, schimpfte im 19. Jahrhundert ein Forstmann, der mit dem Fichtenbestand in seinem Wald sichtlich nicht zufrieden war. Und hatte Recht?! Heute steht der Baum jedenfalls unter den kritischen Beobachtungen der Naturschützer. Sie behaupten, dass die Fichte besonders durch den Klimawandel keinen guten Bedingungen ausgesetzt sei.

Die Fichte, die in Deutschland eine der am weitesten verbreiteten Baumarten ist, steht vor neuen Herausforderungen:

Gesine Klipstein über den Baum des Jahres 2017: Die Fichte
Beitrag Fichte 2017

Der „Brotbaum“ der Forstwirtschaft...

Zu Beginn der Industriellen Revolution in Deutschland stieg im 19. Jahrhundert die Nachfrage nach Holz an. Damals wurde es zu Holzkohle verarbeitet und als Brenn- und Bauholz gebraucht. Auch der Export von Holz ins Ausland nahm zu. Zudem wurde nach den beiden Weltkriegen in Deutschland nach einer schnellen Variante gesucht, den übernutzten und teilweise zerstörten Wald wieder neu aufzuforsten. Dabei erwies sich die Fichte als geeigneter Baum. Sie hat die Eigenschaft auch auf nährstoffärmeren Böden schnell in die Höhe zu sprießen. Momentan sind etwa 26 Prozent unserer Wälder mit Fichten bedeckt. Das Holz wird umfangreich verwendet, zum Beispiel in der Papier- und Bauholzindustrie. Rund 90 Prozent des Holzernteertrages stammen aus dem Verkauf von Fichten. Die Fichte ist zum „Brotbaum“ der deutschen Forstwirtschaft geworden.

...wird zum „Notbaum“ der Wälder

In Deutschland würde die Fichte ohne menschliches Zutun jedoch nicht weit verbreitet sein. Stattdessen würden unsere Wälder zu 90 Prozent aus Laubmischwald bestehen, der besonders von Buchen und Eichen geprägt wäre. Die Fichte wächst eigentlich an kühlen, feuchten Standorten heran, die sich oberhalb einer Höhe von 1000 Metern befinden.

Also die Fichte ist eigentlich zu Hause in Skandinavien oder in Sibirien. Ja, also wo es kühl ist, entsprechend feucht ist. Also diese sogenannten borealen Areale der Erde, klimatisch gesehen. Und alle Tiere und Pflanzen, die da zu Hause sind, haben natürlich unter der Klimaerwärmung zu leiden. Und dementsprechend sind sie dann die Verlierer des Klimawandels, weil ihre Lebensräume einfach verloren gehen.

René Sievert, Vorsitzender des NABU Leipzig

René Sievert spricht damit ein Problem an, das Naturschützer schon lange beschäftigt. Durch den Klimawandel werden die Sommer heißer und die Trockenperioden länger. Stürme treten immer häufiger und vor allem stärker auf. Für die Fichte ist dies das reinste Horrorszenario. Ihr Wurzelwerk ist sehr flach und reicht nur bis in die oberen Bodenschichten. Bei heftigem Unwetter fällt sie zuallererst um. Im langen, heißen Sommer widerum reicht das gespeicherte Wasser in ihren Wurzeln nicht aus, um den Baum ganzheitlich zu versorgen. Davon profitiert der Borkenkäfer. Er befällt die Fichte, vor allem wenn sie als einzige Baumart, also in Monokulturen auftritt. Für Naturschützer steht fest: die Fichte soll durch standorttypische Baumarten ersetzt werden. In Deutschland hieße das hauptsächlich Laubmischwald, der für eine nachhaltigere Waldwirtschaft sorgen würde. Die Wahl der Fichte zum Baum des Jahres 2017 soll vor allem zum Nachdenken anregen:

Zu so einer Aktion, Baum des Jahres, ja jetzt ausgerechnet die Fichte zu wählen, soll natürlich erst mal darauf aufmerksam machen, dass das ein Problem darstellt. Ein bisschen Bewusstsein dafür schaffen. Und der Klimawandel ist ja in verschiedenen Bereichen immer wieder mal in unseren Köpfen, aber eben noch nicht ausreichend. Also wir sind zu wenig konsequent diesen Trend zu stoppen. Und das ist das A und O.

René Sievert, Vorsitzender des NABU Leipzig

In den 80er Jahren waren es besonders die Schadstoffe großer Industriewerke, die dazu führten, dass ganze Fichtenwälder vom Waldsterben bedroht waren. Saurer Regen ließ sich auf die Bäume nieder, die zunehmend ihre Nadeln verloren. Besonders im Harz, Erzgebirge und  Schwarzwald waren die Folgen sichtbar. Durch bestimmte Filtertechniken in Kraftwerken, konnte die Entstehung des sauren Regens letztendlich gestoppt werden. Der Boden wird aber weiterhin versauert, zum Teil sogar von den Fichtennadeln selbst. Denn die Nadelstreu zersetzt sich nur sehr langsam und ist für den Boden schwer abbaubar. Abgase und zu starke Landwirtschaft führen zudem zur Überdüngung der Wälder.

Und wir haben heutzutage auch andere Schadstoffe, insbesondere muss man da an Ozon denken. Es gibt ja dieses Kuriosum, dass wir einerseits das Ozonloch in den oberen Atmosphärenschichten haben und andererseits aber durch Verkehrsabgase, sozusagen auf unserer Etage, Ozon produzieren. Das ist also für die menschlichen Lungen schädlich, aber auch für die Bäume. Die werden durch Ozon stark geschädigt und verlieren dann auch Laub oder Nadeln.

René Sievert, Vorsitzender des NABU Leipzig

Vor allem die Fichte sei ein Symbol der Veränderungen in der Natur, hervorgerufen durch den Klimawandel.

 

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Gesine Klipstein
27.10.2016 - 15:12
  Wissen

Mehr Wissenswertes zur Fichte gibt es hier nachzulesen:

Baum des Jahres, Dr. Silvius Wodarz Stiftung