Gespräche auf dem Roten Sofa

Völkisches, Allzuvölkisches

Rechte Montagsdemos auf den Straßen, Angriffe auf Asylbewerber und die AfD mit zweistelligen Wahlergebnissen: Ist das deutsche Volk gefährlich für die Demokratie? Der Essayband „Vorsicht Volk!“ sucht Antworten und hinterlässt viele Fragen.
Manja Präkels und Markus Liske im Gespräch mit Alexander Moritz
Manja Präkels und Markus Liske im Gespräch mit Alexander Moritz

Islamhasser, Rechtsextreme und Reichsbürger: unter dem Slogan „Wir sind das Volk“ laufen sie seit über einem Jahr durch Dresden, Leipzig und Magdeburg. Mit PEGIDA haben sich die neuen Rechten eine Stimme in den Medien geschaffen, die die AfD nun auch in die Parlamente tragen will – befeuert von den spektakulären Ergebnissen bei den vergangenen Landtagswahlen. Und im Internet sind Hetze und Verschwörungstheorien ohnehin keine Grenzen gesetzt. Es scheint, als kranke die Demokratie am Grundsätzlichen: dem Volk.

Gefährdet das Volk die Demokratie?

„Vorsicht Volk!“ warnen folgerichtig die Herausgeber Markus Liske und Manja Präkels schon im Titel ihres Sammelbands aus journalistischen Essays, Kommentaren und satirischen Texten. Über allen steht die Frage: Wer geht da eigentlich auf die Straße und hetzt ungehemmt in Internetforen? Die Autoren beleuchten die neue „völkische Bewegung“ aus ganz unterschiedlichen Richtungen: Das Buch vereint Texte über die rechtsextreme Szene in Sachsen, genauso wie über Abtreibungsgegner, die Naturschutz- und Friedensbewegung oder rechte Tendenzen in der Piratenpartei. Verfasst sind die Texte von linken Politikern, Forschern, Journalisten und einigen Mitarbeitern der Amadeu Antonio Stiftung für Zivilgesellschaft.

„PEGIDA ist ein völkisches Aktionstheater“

Mit „Kaltland“ haben Markus Liske und Manja Präkels vor fünf Jahren gemeinsam einen ähnlichen Sammelband vorgelegt. Damals versuchten sie, die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in den Neunzigern aufzuarbeiten. „Vorsicht Volk!“ wirkt wie die ungewollte Fortsetzung. Wieder eine Welle rassistischer Gewalt, wieder in Ostdeutschland. „PEGIDA ist ein völkisches Aktionstheater“, zu dem die Dresdner Altstadt ein „stimmiges Bühnenbild“ abgibt, befindet der Mitherausgeber Markus Liske. „Vorsicht Volk!“ macht zuerst bewusst und dann verständlich, wieso der Osten ein so großes Problem mit Rechtsextremismus hat. Und gibt dem Westen – den westlichen Politiker insbesondere – eine Mitschuld an diesem Zustand.

Es bleibt Ratlosigkeit

Geschrieben aus einer linken Perspektive widersprechen die Autoren der beschwichtigenden Auffassung vieler Konservativer, wie dem Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt, der PEGIDA als Vertreter eines legitimen Anliegens versteht. Und auch im eigenen politischen Spektrum legen Liske und Präkels den Finger in die Wunde, zum Beispiel indem sie die unheilige Allianz linker Friedensaktivisten mit Rechtsnationalisten analysieren. Eine umfassende Zusammenschau – und doch bleibt am Ende vor allem Ratlosigkeit: Was sollen wir tun? Wie sollen wir mit den neuen Rechten umgehen? Abgesehen von den oft gehörten Appellen zu mehr zivilgesellschaftlichem Engagement bleiben die Autoren eine Antwort schuldig.

Auf dem Roten Sofa 

Auch im Interview können Liske und Präkels keine Antwort auf das Problem der rechten Bewegung in Deutschland geben. 

Ressentiments lassen keine Argumente zu.

Diese Bewegung hat laut der beiden ein unglaubliches Ausmaß angenommen und die AfD ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Trotzdem hoffen sie, dass sie mittels ihres Buches zum Gespräch anregen. Es geht ihnen darum, den Leuten zu vermitteln, dass sich hier eine tatsächliche Gefahr für die Demokratie entwickelt und dass es gerade jetzt darauf ankommt, diese ernst zu nehmen.

Markus Liske und Manja Präkels im Interview mit Alexander Moritz
Markus Liske und Manja Präkels im interview mit Alexander Moritz

 

 

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Alexander Moritz
20.03.2016 - 14:52
  Kultur

Markus Liske (*1967 in Bremen) ist freier Autor (u.a. für Jungle World, Junge Welt, Titanic), Herausgeber und Kulturveranstalter in Berlin. Seine Texte sind mal experimentell, mal satirisch. In diesem Jahr erscheint im Verbrecher Verlag sein erster Roman.

Manja Präkels (*1974 in Zehdenick/Mark) ist freie Autorin, Journalistin und Sängerin der Band „Der singende Tresen“. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen für ihre Musik und 2005 das Alfred-Döblin-Stipendium für Schriftsteller der Akademie der Künste Berlin. Seit Herbst 2015 veröffentlicht sie einen Fortsetzungsroman in der taz.

Die beiden Autoren veranstalten gemeinsam als „Gedankenmanufaktur Wort + Ton" diverse Kulturveranstaltungen.

"Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn?" Verbrecher Verlag Berlin, 2015. 192 Seiten. Preis: 18 Euro.