CD der Woche

Verklebte Welt

Manche Bands scheitern auf der Suche nach einem guten Namen. Liima haben ihn gefunden. Was auf Suomi Kleber heißt, beschreibt die Band ganz gut. Sie verbinden düstere Atmosphäre mit fesselnder Tanzstimmung.
Liima begegnen düsterer Atmosphäre mit Tanzstimmung. Auch, wenn man ihnen das nicht so recht ansieht.

Manchmal ist es für eine Band einfach das Beste, sich zu trennen. Oft suchen sich die ehemaligen Kollegen dann neue Projekte, mit denen gleich alles anders wird. Bis hierhin ist die Geschichte der einstigen Band Efterklang eine ganz gewöhnliche. Ungewöhnlich hingegen ist, dass alle ehemaligen Bandmitglieder Teil einer neuen Band sind: Liima. Was auf Suomi Kleber heißt, beschreibt die Band ganz gut. Seit Efterklang vor ein paar Jahren den finnischen Percussionisten Tatu Rönkkö traf, können die vier Musiker nicht voneinander lassen. Und das, obwohl ein Teil der Band in Berlin lebte, ein andere jedoch in Kopenhagen. Weil zusammen Musik zu machen über die Distanz zwar möglich, aber wohl irgendwie blutleer ist, trafen sich Liima deswegen mal in Finnland, Deutschland oder der Türkei, um gemeinsam Songs zu schreiben. Ende des letzten Jahres hatten die vielen Reisen dann ein Ende. Statt um die Welt zu proben, trafen sich die vier dieses Mal in einem Studio in Berlin.

Die eigene Perfektion

Aus Rücksicht auf den Schlussstrich, den die Jungs von Efterklang gezogen haben, gibt es an dieser Stelle nur einen Vergleich zwischen den beiden Bands: Liima klingt nicht im Geringsten nach Efterklang. Trotzdem hat der Sound des Debutalbum ii genau das, was Efterklang immer ein bisschen gefehlt hat: Es fesselt. Und das mit der Romantik eines Gewitters. ii beginnt brachial, wenn im Opener Your Heart schwere Beats wie Donner jede Aufmerksamkeit an sich reißen. Synthesizer und Gesang beginnen zwar mäßig, verschmelzen und entladen sich jedoch zum Ende des Songs in ebenso kraftvollen Melodien. Mit dem zweiten Song Amerika nimmt das Album noch mehr an Fahrt auf. Wieder lassen sich Liima Zeit, um Rhytmen und Melodie aneinander aufzureiben. Das klingt bedrohlich, doch bevor man sich dem Song entziehen kann, ist man mitten in einer Welt, die bedrängend wirkt und ständig in Bewegung ist.

 

Liima – Amerika from Olivier Groulx on Vimeo.

Tanzmusik mit Tiefgang

Das Ganze klingt so vielleicht erst mal nach verkopfter Musik für Verschwörungstheoretiker. Dabei haben Liima mit ii eigentlich ein Tanzalbum geschaffen. Das liegt zum einen daran, dass ii voller elektronischer Spielereien steckt. Anstelle eines Macbooks bedienen Liima allerdings allerlei Instrumente und schaffen auf der Bühne einen organischen Elektrosound mit Tiefe. Und dann wären da noch die Beats des Schlagzeugers Tatu Rönkkö. Was für die einen Krach ist, ist für die anderen eines der feinsten, detailreichsten Percussions der Gegenwart. Zusammen mit Rasmus Stolbergs Bassspiel entsteht so in beinahe jedem Song ein Beat, zu dem man alleine im dunklen Zimmer tanzen möchte, nein, muss. Zum Beispiel im Song Roger Waters, einer Hommage an den legendären Sänger der Band Pink Floyd. Der Song ist eine kafkaeske Mischung aus feindseliger Rastlosigkeit und ästhetischer Bewegungslust.

Nichts ist in Ordnung

Liima meistern ihre Melange in Liedern wie Trains in the Dark oder You Stayed in Touch with the Wrong Guy. Zeit zum Durchatmen lassen sie zwischen den Tracks nicht. Liima genießen die Ekstase. Dass ihnen das so eindrucksvoll gelingt, liegt auch daran, dass sie trotz bester Tanzlaune nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Stattdessen bewegen sie sich zwischen Vertrauen und Misstrauen, Bedrängnis und dem Bedürfnis, sich von jeglichen Fesseln zu befreien. Leider schafft es diese Spannung nicht ganz bis ans Ende des Albums. Der Song Black Beach verliert sich in der zweiten Hälfte beinahe in alltäglichen Popsphären. Der Schlusspunkt Change of Time ist zwar musikalisch auf der Höhe des Albums. Allerdings wirkt der Song mit seiner aufbauenden Stimmung am Ende einen so düsteren Platte wie ein Kuchen nach einem Yogakurs.

Fazit

Liima müssen sich keine Vergleiche gefallen lassen – auch nicht mit der Vorgänger-Band Efterklang. Selbst wenn die ihren Fans sicherlich in bester Erinnerung sind, ist spätestens jetzt Schluss mit Kummer. Liima meistern die Synthese aus düsterer Atmosphäre und mitreißender Tanzstimmung. Trotzdem ist ii keine Platte für die wilden Momente. Sondern ein Album, das man nur für sich anmacht.

 

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Lars-Hendrik Setz
21.03.2016 - 01:05
  Kultur

Liima: ii

Tracklist:

1. Your Heart
2. Amerika*
3. Roger Waters*
4. Russians
5. Trains In The Dark
6. Woods
7. 513
8. You Stayed In Touch With The Wrong Guy*
9. Black Beach
10. Change Of Time

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 18.03.2016
4AD/Beggars Group

Liima im Web 2.0:

Im Oktober 2015 spielten Liima im Leipzig - und das kurz vor ihrem Ausflug ins Studio. mephisto 97.6 hat damals mit ihnen gesprochen. Gottseidank war eine Kamera mit dabei.

 

Liima machen nicht nur gute Musik - sie haben auch einen guten Musikgeschmack. Das beweist eine Playlist, die sie vor kurzem für Nordic Playlist kuratiert haben. Die gibt's hier.

 

Willkommen im 21. Jahrhundert: Über ihre Social-Media-Kanäle suchen Liima die Nähe zu ihren Fans. Ein Blick auf die Facebook-Seite der Band lohnt sich quasi täglich.