Krisenberichterstattung

Vergessene Konflikte

Die unerwartete Ukraine–Krise, der blutige Bürgerkrieg in Syrien und der brutale Irak-Krieg: Wie viele Gewalttaten sind in Vergessenheit geraten oder wurden wenig objektiv von den Medien behandelt? Ein Workshop für mehr Ordnung im Nachrichtenchaos.
Willkommen bei Amnesty International

Die Gegenwart der heutigen Gesellschaft ist durch zahlreiche Umbrüche gekennzeichnet. Doch was verbirgt sich hinter der Fassade der Berichterstattung von Konflikten? Wie viele Gewalttaten sind in Vergessenheit geraten oder wurden wenig objektiv von den Medien behandelt? Ein Teufelskreis aus Fragen in der sich der moderne Leser befindet.

Das Event 

Die Veranstaltungsreihe "Vergessende bewaffnete Konfikte" hatte das Ziel mehr Ordnung in das Nachrichtenchaos zu bringen. Amnesty International (Mitgliederorganisation zum Schutz der Menschenrechte) organisierte das Event am 13.11. und 14.11 in der Leipziger Volkshochschule. Der Politikwissenschaftler Professor Andreas M. Bock und erfahrene Journalisten in der Konfliktberichterstattung wie Kostas Kipuros, langjähriger Redakteur der Leipziger Volkszeitung mit dem Schwerpunkt Außenpolitik und Christiane Wittenbecher Video-Redakteurin bei welt.de, dienten als Ansporn für Diskussionen im Publikum. Das Programm beinhaltete zudem eine teils plakative, teils digitale Ausstellung von weltweiten Konflikten und einen Kinderworkshop für „Kinderrechte.“

Wir laden herzlich ein zu unserer Veranstaltungsreihe "Vergessene bewaffnete Konflikte" am 13. und 14. November....

Posted by Amnesty International Stadtgruppe Leipzig on Samstag, 31. Oktober 2015

 

Nachrichtenwert von bewaffneten Konflikten

Rund um die Welt passieren Konflikte. Die Medienlandschaft muss dabei die Rolle eines Scheinwerfers spielen und Meinungsbildung unter den Lesern hervorrufen. Doch angeblich scheint sie daran zu scheitern. Folglich werden viele Konflikte entweder verdrängt oder genießen nur eine kurzfristige Aktualität. Laut Prof. Bock spielt die Betroffenheit eine ausschlaggebende Rolle für die mediale Präsenz. Das verdeutlicht er mit dem folgenden Beispiel:

“Wären drei Deutsche von einem Terroranschlag getroffen worden, wäre die Nachricht bestimmt in Deutschland aktuell.“

Gleichzeitig sind aber Konfliktländer wie Afrika “uninteressant für die Nutzer”, weil sie dem Faktor emotionaler Nähe nicht entsprechen. Ein weiterer Kritikpunkt ist  “der Gewöhnungseffekt an massiven Konflikten”. Damit meint Prof. Bock die ständige Brutalität bei der Berichterstattung mit der die Konsumenten konfrontiert werden. Bald sinkt ihre Empathieschwelle und die Enthauptungen von ISIS auf YouTube erzeugen nur noch wenig Wirkung.

 

Medienrealität bei Konfliktberichterstattung

Ein weiter Punkt ist die Verzerrung der Medienrealität. Nach Untersuchungen der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) wurden 2014 insgesamt 31 Kriege und bewaffnete Auseinandersetzungen geführt. Viele von ihnen erscheinen gar nicht erst in den Medien. Sogar Konflikte, die weltweite Aufmerksamkeit genießen werden nicht objektiv erstattet. Die Zahlen der Toten werden verschwiegen oder manipuliert. Die Zusammenhänge nicht kompetent genug erleuchtet. Nur wenigen Leuten ist bewusst, dass sie durch den Kauf von Smartphones zur Finanzierung des Kongo-Krieges beitragen. Coltan ist der Rohstoff für die Handyherstellung und produziert wird er unter bewaffneter Milizkontrolle in den von den Rebellen okkupierten Mienen.

“Die Verteilung der Länder in Gut und Böse bei Konflikten wie in Ukraine und Russland […], die Verteufelung von Politikern und die Einseitigkeit der Nachrichten führt ebenfalls zum Mangel an adäquaten Information“

Journalist Kostas Kipuros

Soziale Medien als Helfer

Die Wissensbegierde liegt aber tief in der menschlichen Natur verankert. Deswegen versucht man alternative Wege zu finden, um die Informationsflut zu selektieren. Die Video-Redakteurin C.Wittenbecher befasst sich in ihrem Vortrag mit der zunehmenden Rolle der sozialen Medien wie Twitter, Facebook und YouTube. Dank ihnen können die Nutzer selbst die Information filtern, was eine Herausforderung für die Journalisten darstellt. Sie müssen unterschiedliche Techniken anwenden, um die Aufmerksamkeit der Leser zu gewinnen. So gibt C. Wittenbecher ihre persönliche Erfahrung als Beispiel:

“Ich bin mit meinem Handy herumgerannt, habe alles live aufgenommen und die Zuschauer gefragt, was für sie interessant wäre?“

“Live-Streaming ermöglicht das Mitwirken des Publikums an aktuellen Konflikten und sichert mehr Transparenz und Objektivität.“

Die aktive Teilhabe am politischen Leben und einen näheren Einblick ins Kriegsgeschehen bietet Amnesty International, die diese Veranstaltung ermöglicht hat. 

Marlene Kleinod, langjähriges Mitglied von Amnesty und eine der Organisatoren, teilt ihre persönlichen Eindrücke mit:

“Die Recherche über einen Konflikt im Sudan in meiner Jugend hat mich zufällig mit Amnesty vertraut gemacht. In dem Blog der Organisation könnte man unabhängige Informationen über weltweite Konflikte finden und sich dadurch einen wahrhaften Überblick über die Situation verschaffen.”

So entschied sie sich für die Teilnahme an der Organisation, mit deren Ideen sie sich identifizierte.

Besonders beeindruckend fand sie die Möglichkeit einen politisch Inhaftierten aus Myanmar zu unterstützen. Der Menschenrechtsverteidiger wurde allein wegen seines Anspruchs auf Demokratie zur Gefängnishaft verurteilt. Doch dank Amnesty konnte er rechtlichen Beistand und faire Behandlung bis zu seiner Entlassung erhalten.

„Es ist notwendig solchen Leuten den Glauben zu schenken, dass sie nicht alleine in ihrer Ideologie sind”

meint Kleinod. Bis vor kurzem wurden in Myanmar Menschen zur Flucht getrieben und Kindersoldaten engagiert. Menschenrechtsverletzung, Transparenzmangel bei Strafprozessen und Misshandlungen von der Armee gehörten dazu. Erst im Oktober 2015 wurde ein Waffenstillstand zwischen den Rebellen und der Regierung angekündigt. Die Wahl der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi am 13.11.2015 ist aber ein Hoffnungsschimmer. Trotzdem bleibt die Situation in dem, durch bewaffnete Konflikte, erschütterten Myanmar weiterhin angespannt. Ein vielsagendes Beispiel für eine wenig bekannte, aber furchtbar militärische Auseinandersetzung.

 

Workshop für Kinder

Neben dem Podium ist auch einen Kinderworkshop geplant.

“Darauf bin ich gespannt, weil ich glaube, man muss den Kindern die Gleichheitsprinzipien und ein Gespür für Menschenrechte vermitteln. Da sie bereits die Hintergründe für die Flucht dieser Menschen kennen, werden sie toleranter mit der aktuellen Asylkrise umgehen”

erklärt Kleinod.

Die Menschen scheinen leider eine genetische Veranlagung zur Gewalt zu haben. Ein Blick in die aktuellen Tageszeitungen lässt das Blut in den Adern gefrieren. Ein Terroranschlag in Paris mit hunderten Toten und Verletzten. Ein erneuter Verstoß gegen den Frieden. Es bleibt nur noch die Frage: Wie lange wird er in den Schlagzeilen bleiben, bevor er von einem weiteren Massaker verdrängt wird? 

 

 

 

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Aleksandra Mincheva, Stefanie Peschel
16.11.2015 - 15:35