Literatur

Um uns die Toten

Mit seinem Buch „Um uns die Toten – meine Begegnung mit dem Sterben“ beschreibt Bartholomäus Grill seine zahlreichen Aufeinandertreffen mit dem Ende eines Menschen.
Bücherstapel
"Um uns die Toten" von Bartholomäus Grill

Obwohl es kein Thema ist, mit dem wir uns gerne beschäftigen, ist es trotzdem allgegenwärtig: der Tod und der Weg dorthin. Der Bundestag debattiert über Sterbehilfe, Palliativmedizin und Patientenverfügungen. Im Fernsehen laufen Talkshows und Themenabenden und auf den Bestsellerlisten stehen Bücher über das Sterben: Der Tod lässt sich gut vermarkten. Auch „Um uns die Toten – meine Begegnung mit dem Sterben“ von Bartholomäus Grill ist so ein Buch. Auf den ersten Blick unterscheidet es sich nicht von anderen. Es erzählt vom Tod im engsten Familienkreis und von den Erfahrungen des Autors als Auslandkorrespondent in Afrika.

Immer ist er da: Der Tod 

Mit dem Tod hat Grill sich viel zu oft auseinandersetzen müssen. Seine Erfahrungswelt beginnt im erzkatholischen Bayern, wo der Tod ihn besonders in der Auseinandersetzung mit seiner konservativen und religiös geprägten Erziehung beschäftigt. Er beginnt, die Werte seines Elternhauses zu hinterfragen und gegen sie zu rebellieren. 

Neben der schon als Kind gestorbenen Schwester, der Mutter und dem Vater, nahm sich sein krebskranker Bruder das Leben und Grill half ihm dabei.
Sterbehilfe ist ein Thema, dass emotional und hitzig in den Medien diskutiert wird und so auch in Grills Buch. Das Für und Wider wird abgewogen – zu einer Entscheidung kommt es nicht. Jeder entscheidet für sich. Grill leistet Hilfestellung, indem er die Entscheidung seines Bruders zum Weg in den Tod, erklärt. Obwohl das nicht der Sinn des Buches sein soll, wie Grill am Ende sagt. Die Kapitel seines Werkes bilden keine Chronologie seines Lebens. Sie beschreiben Stationen, indem ihm der Tod begegnet ist und was es ihm bedeutet hat. 

Nicht hadern, handeln.

Insgesamt wirkt „Um uns die Toten“ wie ein Tagebuch, wie ein innerer Monolog ohne einen weiteren Adressaten in der Außenwelt. Dementsprechend langatmig sind auch die Passagen, indem er von seiner erzkatholischen Kindheit, den Gottesdiensten, dem Glauben und den religiösen Riten seiner Familie erzählt. Ein geduldiger Leser begreift am Ende, warum diese Rückschlüsse wichtig für den Autor sind. Die wirklich berührenden Passagen thematisieren die Tode seiner Geschwister und den unfassbaren Völkermord in Ruanda. Doch obwohl er in seinem Leben schon viele ihm nahestehende Menschen verloren hat, hadert Grill nicht mit dem Schicksal. Er verzweifelt nicht, er handelt. Er stellt sich seinen Ängsten und setzt sich mit dem Tod auseinander.

Distanziert, nicht emotional.

Der Leser erstaunt, erschrickt beinahe, wie reflektiert Grill über den Tod spricht. Zwar beschreibt auch er seine Angst und seine Trauer, doch das Buch spiegelt einen sehr rationalen Menschen wieder. Jemanden, der viel mit sich alleine ausmacht und erst im Nachhinein darüber spricht. Grill nimmt den Tod, wie er kommt. Nicht ohne Widerwillen, aber als etwas Unausweichliches. Und damit nähert er sich dann doch wieder ungewollt den Wurzeln seiner Erziehung – zwar nicht in religiöser, wohl aber in ethischer Hinsicht.

Sich daran erinnern.

Auch Grills Konsequenz lautet: Carpe diem – memento mori. Nutze den Tag, bedenke, dass du stirbst. Keine wirklich neue Erkenntnis – aber ein Daranerinnern.

„Um uns die Toten“ ist ein Buch, das sich mit der Urangst des Menschen auseinandersetzt: dem Tod. Ob gewaltsam zugefügt, natürlich eingetreten oder selbst gewählt. Es schlägt Lösungswege vor, die den Tod erträglicher machen können. Es berührt und wirkt nach – jedoch nicht sofort. 

"Um uns die Toten" – eine Buchrezension von Ricarda Schoop
 
 
 

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