Glosse: Nachtleben

Über Sinn oder Unsinn von Sperrstunden

Ignorieren, kontrollieren, abschaffen - sind wir die Leipziger Sperrstunde jetzt tatsächlich los? Oder gibt es da doch noch einen Haken?
Partyszene in Leipzig

Schafft es Leipzig jetzt endlich aus dem Mittelalter in das 21. Jahrhundert? Seit dem Sommer 2017 ist sie ein heißes Thema: die Sperrstunde! Die älteren Leipziger*innen sagen: "Das ist Ruhestörung!" Die Jungen: "Absolut oldschool!"

Und das stimmt, denn die Idee der Sperrstunde kommt aus dem Spätmittelalter, also der Zeit in der auch Hexen verbrannt und Toiletten auf der Straße geleert worden sind und da wundern sich die Herren Politiker, dass die Sperrstunde nicht gut ankommt?

​Eine Beschwerde war der Auslöser

Schauen wir uns mal die Geschichte der Leipziger Sperrstunde an:

Geregelt ist sie in der sächsischen Gaststättenverordnung, in welcher steht, dass öffentliche Vergnügungsstätten zwischen 5 und 6 Uhr geschlossen werden müssen. In Leipzig wurde diese Verordnung nie durchgesetzt, bis zum Sommer 2017. Denn da beschwerte sich EIN Anwohner über die laute Musik im IFZ (Institut für Zukunft).

Und um diesem einen Anwohner nicht seinen Schönheitsschlaf zu versauen, überlegte sich das Leipziger Ordnungsamt dem IFZ und hunderten Clubbesucher*innen die Partynacht zu versauen. So wurde die verschollen geglaubte Gaststättenverordnung wieder ausgegraben. Die Sperrstunde wurde verhängt. Auf so eine tolle Idee kann nur das Ordnungsamt kommen.

Bürokratieland Deutschland

Zum Glück sind unter den Leipziger Politiker*innen auch ein paar, die mitdenken. Die haben nämlich einen Antrag gestellt, die Sperrstunde aufzuheben. Vor zwei Wochen wurde dann tatsächlich über eine Abschaffung abgestimmt.

Das Ergebnis: Es gab keine Gegenstimmen die Abschaffung der Sperrstunde in Leipzig ist beschlossen!

Schön wäre es. Wir leben in Deutschland. Mit einer einfachen Abstimmung im Stadtrat wird hier nix abgeschafft.

Warum?

Die Sperrstunde ist in der sächsischen Gaststättenverordnung geregelt. Das bedeutet, sie ist Landessache. Die Kommunen und Gemeinden dürfen zwar selber entscheiden, wie stark die Sperrstunde kontrolliert wird, aber selber abschaffen? Nein, nein, nein! Nur Ignorieren ist gestattet.

Die Abschaffung der Sperrstunde wurde jetzt an die Verwaltung übergeben, die schnellstmöglich eine rechtsverbindliche Regelung vorlegen soll. Na super. Die Verwaltung ist ja dafür bekannt, immer sehr schnell zu arbeiteten. Aber erst dann kann der Antrag an den Landtag weitergegeben werden. Und dann müssen wir noch hoffen, dass in Dresden auch ein paar Politiker*innen sitzen die mitdenken – sonst heißt es weiterhin: „Es ist 5 Uhr, ab nach Hause!“

Einer würde sich darüber bestimmt freuen, nämlich der Anwohner, der sich beschwert hat, der könnte dann weiter seinen Schönheitsschlaf machen. Kleiner Tipp: Schönheitsschlaf hilft nur von außen – das Innere bleibt im Mittelalter.

Weitere Informationen aus der Sendung:

Eine Glosse von Josephine Kahnt
 
 

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