Theaterrezension "Brennende Erde"

Theater als Dokument der Gegenwart

Mit „Brennende Erde“ bringt das Schauspiel Leipzig einen dokumentarischen Theaterabend über den Leipziger Braunkohleabbau auf die Bühne. Mit hervorragender Recherchearbeit wird darin nicht nur das Publikum, sondern auch Haltung gefordert.
Fünf Schauspieler auf dem Bühnenbild
Die Leipziger Seenlandschaft, dargestellt als trostloses Idyll

Die Rezension gibt's hier zum Nachhören:

Rezension zu "Brennende Erde" von Anna Bertram
Brennende Erde Rezension

Man könnte sagen, Theater dokumentiere immer ein Stück Gegenwart. „Brennende Erde“ macht genau das. Das Regie-Duo Hans-Werner Kroesinger und Regina Dura montieren in ihrer Uraufführung am Freitag Abend in der Diskothek beeindruckend die Geschichte und Gegenwart des Leipziger Braunkohleabbaus. In neunzig konzentrierten Minuten wird auf der Bühne das Thema gesellschaftspolitische ausgewertet. Und während der Klimawandel auf seine Hochkonjunktur auf den deutschen Bühnen noch wartet, zeigen die Spitzen-Regisseure, was dokumentarisches Theater kann — aber auch, woran es kränkelt.

Braunkohlebriketts und Leipziger Biographien

Die Inszenierung beginnt dort, wo sie beginnen muss: In der Moorlandschaft vor abertausenden Jahren. Als Braunkohle noch nicht als Rohstoffressource dient, sondern lebendig ist. Sanft, nahezu liebevoll bestaunen die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler das Publikum. Wir, das Publikum, sind Lindenbäume, Zimtbäume. Mammutbäume. Und diese Szene bleibt in Erinnerung: Sie ist eine der wenigen zärtlichen Augenblicke an diesem Abend. Denn unversehens beginnt sie, die geraffte Reise durch die Geschichte des Tagebaus in Leipzig-Süd. Es ist 1813. Schutt liegt auf der Bühne, Wägen stehen auf Schienen, darauf liegen Braunkohlebriketts. Man sieht den Rohbau eines kleinen Hauses. Es ist eine unverblümte und direkte Darstellung. Da wird nichts beschönigt. Das Ensemble tritt in weißen Schutzanzügen auf, eine Leinwand wird mit rohen Aufzeichnungen aus dem Tagebau bespielt.

Es ist nicht die visuelle Ästhetik, sondern der Text, der an diesem Abend im Vordergrund steht. Das Team zeigt eine fulminant zusammengetragene Sammlung an Quellen und Perspektiven auf den Leipziger Tagebau. Die Schauspieler präsentieren Interviews, biographische Berichte, Akten, Statistiken und journalistische Recherchen. Damit holt das Regie-Duo gekonnt weit aus und spielt auf vielen Ebenen: Da sitzt zum Beispiel Markus Lerch in einem Stuhl und erzählt überzeugend die Geschichte eines Zeitzeugen, und wie sein Dorf Eythra dem Tagbau weichen musste. Es werden vom Bürotisch aus Stasi-Akten vorgelesen. Oder aber, das Ensemble sitzt eng beisammen auf einem Wagen und erzählt von jugendlichen DDR-Biographien im Tagebau.

"Wem gehört denn die Kohle?"

Der DDR, ihr wird am meisten Raum an diesem Abend eingeräumt. Und gleichzeitig zeigt das Team genauso stark den heutigen Hunger auf Investitionen und Spekulationen. Zum Beispiel wird der tschechische Miliardär Daniel Křetínský, der Eigentümer der EPH ist, vorgestellt. Einem Unternehmen, das mit Braunkohle und auch neuen Energieformen Milliarden verdient. Das Inszenierungsteam betont, wie eng Politik mit wirtschaftlichen Interessen verwoben sind. Es wird Karl Marx zitiert, mit ihm die Frage nach Eigentum und Besitz von Rohstoffen aufgemacht. Aufgeregt, fast schon empört sind die Stimmen der Spielenden, wenn wir in der heutigen Zeit ankommen. Ein paar Luftmatratzen mit Picknickdecke und Sonnenschirmen als Seenlandschaft auf den Ruinen des Tagebaus verbildlichen: Trostlos ist er, der durchgeführte Strukturwandel in Mitteldeutschland. Und klar ist sie, die Haltung des Abends. Die Haltung, die für die Regisseure schlussendlich folgt, wenn man all den Informationen gegenübersteht:

Wir befürworten, dass die Kohle unter der Erde bleibt. Der Boden hat ein Gedächtnis. Auf den Oberflächen hat die Zivilisation Spuren hinterlassen, die der Boden nicht so schnell vergisst. Raubbau. Wachstumswahnsinn. Klimalasten. Da sind hunderte Orte, tausende und abertausende Häusern zerstört. 80 000 Menschen umgesiedelt worden. Gemeinschaft, Kultur und Geschichte vernichtet worden. Weg. Wem gehört denn die Kohle, frage ich mich immer. Wem gehört denn die Kohle?

Fehlende Verbildlichungen

Wenn auch wortreich, so bleiben die Spielenden den Abend über ohne erkennbaren Charakter. Sie spielen immer wieder nur für kurze Momente Figuren und dienen damit vor allem dem Text als Vermittler. Durch das Aufleben des Textes verpassen sie es jedoch, selbst lebendig zu werden. Eine selbsterfüllende Prophezeiung des dokumentarischen Stils vielleicht, doch der Abend kränkelt an den verpassten Möglichkeiten, die Inhalte in eine theatrale Form zu übersetzten. Zu oft wird lediglich nach vorne gesprochen, ohne das Gesagte auf der Bühne zu illustrieren. Aber auch starke ästhetische Seiten gibt es an dem Abend, insbesondere die musikalischen Arbeit von Paul Brody. Unaufdringlich meistert er es, mit atmosphärischen Klängen und Soundinstallationen Bilder auf die Bühne zu zeichnen — auch zum Vorteil der Schauspielerinnen und Schauspieler.

Keine Gefälligkeit, doch starker Inhalt

In „Brennende Erde“ traut sich das Regie-Team eine Haltung zum Thema Braunkohle einzufordern. Und fordert gleichzeitig viel Aufmerksamkeit vom Publikum ein. Denn mit seiner Menge an Informationen will der Abend nicht gefällig sein. Er ist so verdichtet, dass auch ein paar symbolisch hingekritzelte Zahlen auf einer rostigen Tafel nicht helfen, die Inhalte zu verarbeiten. Das Team geht das Risiko ein, die Braunkohle selbst zur Protagonistin werden zu lassen. Und dennoch ist die Recherchearbeit deratig beeindruckend, dass sie die Schlagkraft des Wortes an diesem Abend letztlich siegen lässt. Und so kann man sich dafür entscheiden, darüber hinwegzusehen, dass die theatralen Mitteln auf der Bühne zu kurz kommen - und die Chancen dieses Abends sehen: Dass Theater gegenwärtig, politisch und meinungsstark sein kann.

 

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Premiere: 17. Januar 2020

Spielort: Schauspiel Leipzig, Diskothek

Regie: Hans-Werner Kroesinger und Regina Dura

Ausstattung: Hugo Gretler

Musik: Paul Brody

Besetzung: 
Alina-Katharin Heipe
Daniela Keckeis
Andreas Keller
Markus Lerch
Marie Rathscheck
Brian Völkner

Aufführungstermine:

25. Januar 2020, 20 Uhr

06. Februar 2020, 20 Uhr