Oper

Teufelsarbeit

Für Leipziger eine bekannte Geschichte: die Oper Leipzig erzählt mit „The Rake’s Progress“ wie ein junger Mann mit seinen Wünschen dem Teufel in die Fänge läuft.
Der Sündenpfuhl

Glanz und Glamour

Ein Lamettaartiger Vorhang verhüllt die Bühne und verwandelt den Saal in ein schimmerndes Lichtspiel. Es ist ein glanzvolles Bild, das den Zuschauer bereits beim Eintritt in den Publikumsraum erwartet. Ein Bild, das ihn (fast) den ganzen Abend über nicht loslassen wird – selbst als sich der Vorhang zu heben beginnt und den Prototypen eines Vorortes offenbart, mit einem Grill, dem unnatürlich grünen Rasen und der perfekt getrimmten Hecke.

Und die Moral von der Geschicht‘…

Doch das Auto, das im makellosen Schein parkt, zeigt sich schon als Symbol für die Reise, auf die sich der Protagonist Tom Rakewell begeben wird: Es ist eine Reise in den Sündenpfuhl, in den ihn der Teufel Nick Shadow führt. Eine Reise, die ihn letztendlich in den Wahnsinn treibt, aus dem ihn auch nicht seine treue Geliebte Anne Truelove retten kann. Abschließend bleibt den Hauptfiguren nichts anderes, als sich gemeinsam vor dem glitzernden Vorhang zu versammeln und dem Zuschauer die Moral zu präsentieren: „For idle hands and hearts and minds, the devil finds a work to do.“

Die Geschichte eines Wüstlings

Eine Bilderreihe bildete die Vorlage zu dem Libretto von Wystan Hugh Auden und Chester Simon Kallman. William Hogarth zeigte in acht Kupferstichen die Geschichte eines Wüstlings und illustriert so die Verderbtheit seiner Zeit. Auden und Kallman erschienen die extrovertierten Gesten und Mimiken besonders attraktiv für eine Umsetzung für das Theater, zugleich nahmen sie jedoch einige Änderungen vor: Zum ersten erfanden sie die Figur des Nick Shadow, der zu einer Art Personifizierung von Toms Verfehlungen wurde. Zum anderen rückten sie die Handlung mehr ins Mythische – so wird Anne in der letzten Szene der Oper in den Augen Toms zur Venus. Insgesamt blieb die Geschichte des Wüstlings jedoch das, was sie war: Eine Fabel von Sünden und Verfehlungen.

Der Sündenpool

Mit „The Rake’s Progress“, das als Koproduktion zwischen der Oper Leipzig und dem Teatro La Fenice (Venedig) entstand, gab Damiano Michieletto sein Deutschlanddebüt. Der italienische Regisseur nimmt dabei den Sündenpfuhl regelrecht wörtlich: Er fügt den offensichtlichen Moralitäten einen mit Gold befüllten „Sündenpool“ hinzu, in dem sich leicht bekleidete Personen lustvoll räkeln und über dem in Neon-Lettern auf lateinisch die sieben Todsünden prangen. Es ist die Inkarnation einer Spaßgesellschaft und der Ort an dem sich Tom Rakewell von seiner Geliebten abwenden und mit der eigenwilligen Baba the Turk Ruhm und Geld heiraten wird.

Im dritten Akt sind dann alle Todsünden erloschen und Tom ist in den Trümmern seines Lebens und am Ende seiner Reise angekommen. Der glanzvolle Pool hat sich in einen tiefen Schlund voller Matsch und Rost verwandelt und lässt Tom in seinem Wahnsinn klein zurück.

Voller Körpereinsatz

Das Ende dieser Reise ist Michieletto besonders eindrucksvoll gelungen. Hier zeigt sich, dass er durchaus ein Gefühl für Personenführung hat und die Sänger neben ihrer treffsicheren gesanglichen Leistung auch schauspielerisch einiges zu bieten haben. Vor allem Toumas Pursio gibt sich als teuflischer Nick Shadow beängstigend überzeugend und Karen Lovelius skurril-dickliche Baba the Turk entlockt dem Publikum immer wieder den ein oder anderen Lacher. Auch die beiden Hauptdarsteller, Marika Schönberg als Anne Truelove und Norman Reinhardt, präsentieren eine solide, wenn auch nicht immer überragende Leistung, die gesanglich teilweise etwas zu technisch wirkt. Vor allem bei Schönberg lässt die Darstellung den Betrachter etwas zu kalt. Der Chor beeindruckte hingegen durch seinen körperlichen Einsatz, den er in lustvollen Orgien und als zitternde Irrengestalt bewies.

Was für Mozart gut genug war…

Musikalisch hat Igor Stravinsky mit „The Rake‘s Progress“ den Höhepunkt seiner neoklassizistischen Phase erreicht. Es ist die Rückkehr zu alten Idealen; Arie und Rezitativ geben sich die Hand und zeigen den typischen Aufbau einer Nummernoper. Die Musik ist durchzogen von Anspielungen an Mozart und seine Zeitgenossen. Stravinsky stellt sich die Maxime, dass die Musik der Melodie folgen soll, und so wird die Komposition eine Sängeroper. Doch im dritten Akt mischen sich immer mehr seltsamere Klänge dazwischen, die den wachsende Wahnsinns des Protagonisten widerspiegeln, weshalb man wieder den frühen Stravinsky vermuten könnte.

Top oder Flop?

Michieletto und sein (fast ausschließlich italienisches) Team haben eine schlüssige Inszenierung auf die Bühne gebracht, die jedoch einiges an Tiefe vermissen lässt. Es findet sich kaum eine klare Gesellschaftskritik, das Thema der Oper – Sündenfall – wird mehr generell abgehandelt. Das Bühnenbild präsentiert sich zwar eindrucksvoll und die Kostüme fügen sich wunderbar ein, als Zuschauer kann man jedoch kaum eine Verbindung aufbauen. Der Schauplatz wirkt jeglicher Realität enthoben, sodass kaum etwas daraus mitgenommen werden kann. Das Grundgefühl transportiert sich jedoch - vor allem im letzten Akt entdeckt man viel Dramatik und Gefühl. Der Regisseur beweist, dass er sein Handwerk durchaus versteht und mit den Sängern umzugehen weiß.

„The Rake’s Progress“ ist grandioses Bildertheater, das sich durchaus sehen lässt. Letztlich wird diese Oper nicht viel bewegen, da weder musikalisch noch inszenatorisch ein Wagnis eingegangen wird – Sie garantiert jedoch einen schönen Opernabend. Und die Moral hat Stravinsky am Ende den Sängern überlassen.

 

Kommentieren

Thilo Körting, Cäcilia Sauer
08.04.2014 - 09:33
  Kultur