Rezension

A Terrifying But Wonderful Night

Fast auf den Tag genau zwanzig Jahre ist es her, da stürmten Placebo mit ihrem Debütalbum die britischen Charts. Der Rest ist Musikgeschichte. Grund genug, die Londoner Alternative Rock Band mit einem MTV Unplugged in den Musikolymp zu erheben.
Placebo bei ihrem MTV Unplugged Konzert in den London Studios in London.
Placebo bei ihrem MTV Unplugged Konzert in den London Studios in London.

Was mit einer schicksalshaften Begegnung in einer Londoner U-Bahn-Station begann, sollte die Welt um eine der spektakulärsten und polarisierendsten Bands aller Zeiten bereichern. Wir schreiben das Jahr 1994, als sich Sänger Brian Molko und Bassist Stefan Olsdal nach ihrem Schulabschluss an derselben Luxemburger Privatschule das ersten Mal wiedertreffen – ausgerechnet an einem Bahnsteig in der South Kensington Station. Es ist ein unglaublicher Zufall, denn während ihrer Schulzeit haben beide kaum Kontakt miteinander. Während Stefan als Musiker und Sportler von der In-Crowd anerkannt ist, fristet der an Schauspiel interessierte Brian ein Dasein als Außenseiter und Rebell. Schon damals gilt der androgyne Sänger als Exzentriker, pflegt seine Vorliebe für feminin geschnittene Kleidung, experimentiert mit dem Make Up seiner Mutter und bringt mit seinem oft losen, rhetorisch aber durchaus geschickten Mundwerk den ein oder anderen Kirchenältesten zur Weißglut. Mit seinem provokanten Auftreten schafft Brian bewusst einen Gegenpol zum religiösen Konservatismus seiner Eltern. Gefangen im goldenen Käfig eines wohlhabenden, aber restriktiven Elternhauses und ohne Anknüpfungspunkte im Außen, flüchtet sich Brian in die Musik. Im zarten Alter von sechzehn Jahren bringt er sich selbst im stillen Kämmerlein das Gitarre spielen bei – zu revolutionären Anti-Establishment-Platten von Bands wie Dead Kennedys, Pixies und Sonic Youth.

Sex, Drugs & Rock 'n' Roll

Sechs Jahre später, mittlerweile in London um an der Goldsmiths University Schauspiel zu studieren, steht vor Brian nun also dessen ehemaliger Schulkamerad Stefan Olsdal. Spontan lädt Brian den Musik studierenden Stefan zu einem seiner Gigs mit Drummer Steve Hewitt ein. Chemie und Musik stimmen auf Anhieb, sodass das Dreiergespann fortan zusammen auftritt, anfangs noch als Ashtray Heart. Nach ihrem ersten offiziellen Liveauftritt im Londoner The Rock Garden und der Veröffentlichung ihrer allerersten Single „Bruise Pristine“ unterschreiben Placebo 1996 ihren ersten großen Plattenvertrag bei HUT Records. Wenig später erscheint ihr Debütalbum „Placebo“. Mit der Singleauskopplung zu „Nancy Boy“ katapultiert sich die Band auf Platz 4 der britischen Charts.

Placebo - Nancy Boys

Mit einer Mischung aus treibendem, dissonantem Gitarren-Punk, provokantem Glam-Rock und bittersüß-melodischer Melancholie erfasst die Placebo-Welle schon bald den Rest von Europa. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei vor allem Sänger Brian Molko, der seine Androgynie nun offen auf der Bühne ausleben und seine Botschaft von sexueller Freiheit und Toleranz in die Welt hinaus tragen kann. Frei nach dem Motto „Liebe ist keine Frage des Geschlechts, sondern eine Frage der Anziehungskraft“ sorgt die vermeintliche „Brianna“ vor allem beim männlichen Publikum für gehörige Denkanstöße.

Wo wir hingehen, hinterlassen wir eine Spur aus Blut und Sperma.

Brian Molko

Freche Sprüche gepaart mit extravaganten Bühnen-Performances im Kleid und auf Plateauschuhen, Songs, die von Sex, Drogen und jugendlichen Existenzängsten nur so wimmeln – mit ihrem ungestümen Auftreten sorgen Placebo in jungen Jahren für jede Menge Schlagzeilen in Great Britain's Yellow Press. Beeindruckt von der Frische der Band und ihrem eigentümlichen dissonanten und dennoch harmonischen Sound nimmt Musiklegende und Verwandlungskünstler David Bowie aka „Ziggy Stardust“ Placebo unter seine Fittiche. Neben Auftritten im Vorprogramm seiner Europa-Tour dürfen Brian, Stefan und Steve anlässlich von Bowies 50. Geburtstag im Madison Square Garden auf einer Bühne mit ihren Helden von Sonic Youth und The Cure abrocken. Spätestens mit der Singleauskopplung zu „Every You Every Me“, dem Soundtrack zum Teenie-Streifen „Eiskalte Engel“, und dem dazugehörigen Album „Without You I'm Nothing“ im Jahr 1998 werden Placebo zu einer weltweit agierenden Musikgröße.

Placebo - Every you every me

Von da an jagt eine Rockhymne die nächste - Titel wie Special K, Slave To The Wage, The Bitter End, Song To Say Goodbye, Ashtray Heart und zuletzt Too Many Friends brennen sich in mehr als nur ein Gedächtnis ein. Die Konzerte werden zu Tausenden größer, die Weltourneen mit zwei Jahren am Stück spürbar ausgedehnter und die Band mit jedem ihrer sieben bislang veröffentlichten Top10-Studioalben ein Stück erfolgreicher. Mittlerweile sind Placebo beim Major Label Universal Music unter Vertrag – Europa haben sie schon lange fest in der Hand, nun gilt es auch noch den Rest der Welt zu erobern.

Der Placebo-Faktor

Neben hunderteinprozentiger Festivaltauglichkeit, einer melancholisch-seufzenden Grundstimmung und Männern in Frauenkleidern verbindet man mit Placebo vor allem eines: die hohe, nasale Stimme von Sänger Brian Molko, dissonant gestimmte E-Gitarren und eine gesunde Portion intelligenter Zynismus, der sich gut in die bisweilen kryptisch anmutenden Songtexte einfügt. Doch was davon ist geblieben, zwanzig Jahre nachdem alles begann? Das MTV Unplugged gibt die Antwort.

Dezenz statt Dekadenz

Der Konzertsaal ist in schier undurchdringliche Dunkelheit gehüllt. Auch die Band, die da oben auf der Bühne steht, ist farblich nicht wirklich froher gestimmt. Ganz in Schwarz und ganz ohne Schnickschnack präsentieren sich Placebo auf der MTV Unplugged Bühne in London. Die Frauenkleider, die Plateauschuhe, all die androgynen Spielereien aus unendlich fern wirkender Vorzeit sind endgültig passé. Die einzigen optisch vertrauten Begleiter, die nicht dem Zahn der Zeit weichen mussten, sind der dunkle Lidschatten über Brians Augen und die schwarzen Haare, die ihm in gewohnter Mittelscheitel-Manier glatt auf die Schultern fallen. Ich komme nicht umher, auch weiterhin die natürliche, schier ewig währende Androgynie des Sängers zu bewundern. Damals wie heute wirkt er wie ein Wesen von einem anderen Stern – als könnten seiner Präsenz weder Zeit noch Raum etwas anhaben. Der ehemals so rastlose, vorlaute Brian strahlt heute eine fast meditative Ruhe und Gelassenheit aus. Professionalität. Vormals provokante Attitüden sind einer introvertierten Nachdenklichkeit gewichen. Placebo sind erwachsen geworden - und nicht mehr länger nur zu dritt. Neben dem neuen Drummer Matt Lunn und einem Streichorchester haben Brian und Stefan auch ihre drei Tour-Mitglieder, Violinistin Fiona Brice, Bassist Bill Lloyd und Gitarrist Nick Gavrilovic mit im Gepäck.

Emotionale Nähe trotz physischer Distanz

Bühne und Publikum sind durch einen transparenten Vorhang voneinander getrennt. Als die Band die ersten dumpfen Takte zu Sinead O'Connors „Jackie“ anstimmt, ist es totenstill im Saal. Brians klagende Stimme durchschneidet die Stille wie ein Schwert und besingt dabei einen auf hoher See verschollenen Liebhaber, dessen Tod er nicht wahrhaben will. Fast hat man das Gefühl, man befinde sich auf einer Beerdigung – ist der Band ihr zwanzigjähriges Jubiläum etwa nicht ganz geheuer? Macht es ihr Angst? Vielleicht, aber das tut nichts zur Sache, denn als eingefleischter Placebo-Fan komme ich nicht umher, die Coverversion von „Jackie“ als schön zu empfinden. Schaurig, aber schön, einfach, weil es mich tief im Innersten berührt. Mein Herz füllt sich mit noch mehr Licht und Liebe als Placebo einen ihrer ältesten, aber goldensten Tracks aus dem Schatzkästchen holen - „36 Degrees“ erklingt in bittersüßer Harmonie mit dem Piano und den Streichern und wirkt dabei fast wie eine feierliche Hymne. Der Song ist eine Ode an das eigene emotionale Unterkühlt-Sein - die Angst vor Verletzungen schwingt als Echo mit. Auch das selbsterklärende „Because I Want You Too“ reißt mich in seiner bombastischen Emotionalität mit. Die Sehnsucht in Brians Stimme macht den Song erst zu dem, was er ist. Ein Meisterstück. Mein Herz macht mehrere Male einen kleinen Hüpfer – auch deshalb, weil nun weiß-blaue Funken auf das Transparent projiziert werden und die Band in prasselndem Scheinregen steht. Placebo und das Publikum sind sehr gut gelaunt. Immer wieder spricht Brian mit den Zuschauern und reißt mit schelmischem Grinsen den ein oder anderen anzüglichen Witz - trotz räumlicher Distanz zum Publikum.

All it takes is one decision, a lot of guts, a little vision to wave your worries and cares goodbye.

Placebo - Slave To The Wage

Den All-Time-Klassiker „Every You Every Me“ geben Placebo zusammen mit der gerade einmal 25-jährigen dänischen Singer-Songwriterin Majke Voss Romme aka Broken Twin zum Besten. Nicht nur die Pagenkopf-Frisuren der beiden harmonieren in perfektem Einklang – auch die Stimmen machen zusammen so Einiges her. Majkes dunkle, aber sanfte Stimme bildet einen reizvollen Kontrast zu Brians hohem, eindringlichen Stimmklang. Nicht zu viel und nicht zu wenig – die beiden begegnen dem Song mit genau der Portion nüchterner Entschlossenheit, die es braucht, um die Teenager-Hymne der 90er Jahre glaubwürdig zu performen. Weitere toll umgesetzte Hits sind „Song To Say Goodbye“,„The Bitter End“ und "Without You I'm Nothing". 

Strange infatuation seems to grace the evening tide, I'll take it by your side. Such imagination seems to help the feeling slide, I'll take it by your side. Instant correlation sucks and breeds a pack of lies, I'll take it by your side. Oversaturation curls the skin and tans the hide, I'll take it by your side.

Placebo - Without You I'm Nothing

Placebo spielen an diesem Abend auch eine fantastische Coverversion des Pixies-Songs „Where Is My Mind?“, die zumindest klanglich durch vergnügte Leichtigkeit besticht und das sonst eher düster gehaltene Set um ein paar Nuancen aufhellt. Das noch nie zuvor live gespielte „Bosco“ vom letzten Album „Loud Like Love“ gelingt als schöne Überraschung, obwohl sich bei diesem Track kaum Unterschiede zur Originalversion feststellen lassen, ist der Song doch ohnehin schon eine ruhige Pianonummer. „Protect Me From What I Want“ im Duett mit der New Yorker Sängerin Joan As Police Woman ist - neben „For What It's Worth“ - der einzige Song des MTV Unplugged, der mich leider nicht überzeugen kann. Da hilft es auch nichts, dass Brian die Mundharmonika zückt. Die Stimme seiner Duettpartnerin klingt leicht schräg und ist lang nicht so schön und gehaltvoll wie die von Majke Voss Romme, was den Song etwas anstrengend werden lässt. Ein wahrer Ohrenschmaus hingegen ist die Neubearbeitung von Post Blue. Stefan spielt dabei ein traditionelles arabisches Zupfinstrument, das Kanun, das die Band während eines Tour-Stops in Marokko erstanden hat. Der ganze Track besticht durch orientalisches Flair á la 1001 Nacht und bietet dadurch eine sehr interessante klangliche Abwechslung. Mein absolutes Lieblingsstück unter den insgesamt siebzehn Tracks des MTV Unplugged von Placebo ist „Meds“. Der Song vom gleichnamigen Album ist das Resultat einer Zeit, in der die Band vor einem tiefen Abgrund stand. Entsprechend schonungslos und ehrlich sind die Lyrics - ein Stich mitten ins Herz.

Placebo - Every you every me

"Meds" erzählt die Geschichte eines psychisch instabilen Mannes, der medikamentös eingestellt ist. Jahrelanger Drogenmissbrauch und eine gescheiterte Beziehung lassen ihn jedoch jeglichen Bezug zur Realität verlieren. Er wird paranoid und sieht keinen anderen Ausweg, als sich in den Tod zu stürzen. Der Track beginnt ganz leise mit dem Einsatz des Pianos und Molkos Stimme, sanfte blau-weiße Funken, Muster und Blumen ranken sich das Transparent nach oben, dem Himmel entgegen. Ein Kometenschauer - dann Dunkelheit. Die Streicher setzen ein, erst leise und sehnsuchtsvoll, dann immer lauter und dramatischer. Die Funken steigen immer schneller und in größerer Zahl die Leinwand hinauf und hüllen die Band in einen regelrechten Sternenschauer ein. Dann ist Stille und ich kann mich nicht länger zusammenreißen. Zum ersten Mal an diesem Abend kullern mir Tränen über die Wangen.

Fazit

Wer geglaubt hat, Placebo müssten sich hinter ihrem vormals wilden Image und einer Wand aus elektrisch verstärkten Gitarrenriffs verstecken, der irrt gewaltig. Es sind vor allem die leisen, akustischen Töne, die besonders ins Herz treffen. Um gehört zu werden, braucht die Band heute nichts anderes als ihre Musik. Mit dem MTV Unplugged stellen Placebo ihren hohen künstlerischen Anspruch an die eigene Musik eindrucksvoll unter Beweis - und werden sich und dem Zuschauer dabei mehr als gerecht. Lyrics, so schonungslos ehrlich und messerscharf, wie der Verstand, der sie hervorgebracht hat, lassen Herzen wie Glas in tausend kleine Stücke zerspringen und setzen sie gleichzeitig zu etwas Neuem, Besseren zusammen. Gerade das ist die Magie bei Placebo – diese Achterbahnfahrt der Gefühle, die Salz und Narkotikum zugleich in der Wunde eines jeden Placebo-Fans ist. Placebo sind eben doch nicht nur eine Scheindroge. Sie sind mehr als das – denn ihre Musik zeigt tatsächlich Wirkung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Placebo: MTV Unplugged

Tracklist:

01 Jackie

02 For What It's Worth

03 36 Degrees

04 Every You Every Me (Feat. Majke Voss Romme aka Broken Twin)

05 Song To Say Goodbye

06 Meds

07 Protect Me From What I Want (Feat. Joan As Police Woman)

08 Meds

09 Loud Like Love

10 Too Many Friends

11 Post Blue

12 Slave To The Wage

13 Without You I'm Nothing

14 Hold On To Me

15 Bosco

16 Where Is My Mind?

17 The Bitter End

Erscheinungsdatum: 27.11.2015
Vertigo Berlin (Universal Music)