Rotes Sofa: Anne Reinecke

Taumel zwischen emotionalen Extremen

Kunst und Liebe – wie passt das zusammen? Anne Reinecke malt in ihrem Debütroman "Leinsee" ein ehrliches, feines Bild über Beziehungen in der Kunstwelt und nimmt die Leser*innen mit auf eine emotionale Reise zwischen tiefer Trauer und großem Glück.
Interview mit Anne Reinecke
Redakteurin Lisa Tuttlies hat Autorin Anne Reinecke auf dem roten Sofa interviewt.

Vielleicht bin ich ja auch nur der erfundene Freund eines verrückten Kindes, dachte er.

Leinsee, S. 74

Karls Leben gerät gerade ins Wanken. Dabei hatte er sich mittlerweile ziemlich gut mit den Dingen arrangiert. Zum einen mit dem Verhältnis zu seinen Eltern, Ada und August Stiegenhauer. Dem großen Künstlerpaar, das eigentlich nie Platz hatte für einen Sohn in ihrer symbiotischen Beziehung. Ewig nach der Liebe der Eltern strebend, nabelt er sich schließlich ab.

Und auch mit seiner eigenen Rolle in der Kunst hatte Karl einen Weg gefunden. Immer im Schatten der Eltern, machte er sich inkognito einen Namen als Künstler in Berlin. Er vakuumiert Gegenstände und stellt diese aus. Mittlerweile in immer größeren Galerien.

Dann kehrt er zurück nach Leinsee. Dramatische Umstände zwingen ihn zu diesem Schritt. Karls Mutter, Ada Stiegenhauer, ist schwerkrank. Ein faustgroßer Tumor wächst in ihrem Kopf. Da sich August Stiegenhauer, Karls Vater, ein Leben ohne Ada nicht einmal ausmalen will, nimmt er sich in seinem Haus in Leinsee das Leben. Und hier fängt die Geschichte an.

Eine Liebesgeschichte, die mehrere Beziehungsebenen öffnet. Eine der maßgeblichen Beziehungen ist die von Karl zu seinen Eltern und zu dem Ort Leinsee, zu dem Haus, der „Villa“ wie sie immer genannt wurde, in die er nun zurückkommt. Die Fremde und Vertrautheit zugleich ist.

„Aber nein, nein, nein, das ging nicht. Wie sollte das gehen, er konnte sich ja nicht einfach in ein Gästezimmer legen, er war kein Gast und wollte auch keiner sein, sein Kinderzimmer gab es längst nicht mehr, das Bett der Eltern kam überhaupt nicht in Frage, das stand da, groß und grau wie tausend Jahre und starrte ihn an, und im Salon hing das Seil, das war wirklich zu viel, das ging einfach nicht, er musste hier raus.“

Leinsee, S. 28

Als wäre man in seinem Kopf

Anne Reinecke schafft es, auch ohne Ich-Perspektive, durch ehrliche, raffinierte Sprache und natürlich gebaute Sätze, den innerlichen Kampf und die Gedanken von Karl stark darzustellen. Auf eine ganz natürliche Weise wechseln sich mehrzeilige Aneinanderreihungen mit Ein-Wort-Sätzen ab. Wie ein Gedankenfluss. So gelingt es ihr, die Leser sehr nah am Protagonisten zu halten. Karls Beziehung zu sich selbst und seine persönliche Entwicklung sind die prägende Linie in dem Roman, die man als Leser*in von der ersten Zeile an mitverfolgt. Umso brutaler fühlen sich auch für die Leser*innen die Schicksalsschläge von Karl an, die man beim Lesen förmlich mitfühlt.

Faszination und Neugierde

Nicht nur für die Leser*innen, auch für Karl, bleibt die zweite Hauptfigur Tanja ein immerwährendes Rätsel. Das wiederum lässt die Leser*innen noch ein Stück näher an Karl rücken. Von der ersten Begegnung an, wird Karls Faszination für Tanja spürbar. Und auf skurrile Art und Weise, mit Formen der non-verbalen Kommunikation entwickelt sich Tanja für Karl zum dem Menschen, der ihn weitermachen lässt. Der ihn das alles durchstehen lässt. Dabei ist sie doch nur ein Kind, von dem er nichts weiß, außer dass sie in der Nachbarschaft wohnen muss und da plötzlich bei ihm im Kirschbaum sitzt.

„Auf den ersten Blick war das nicht zu erkennen gewesen, aber es war ein Mädchen, das sah er jetzt. Ihre Brauen, ihre Wimpern und ihre Augen waren braun. Sie sah nicht erschrocken aus, sie lächelte auch nicht, sie schaute ihn nur an, ganz ruhig. Und Karl hielt das aus, er wollte das aushalten, er stand ganz still und sah sie an und ließ sich ansehen. Lange. Und dann ging er ins Haus, langsam und ohne sich umzudrehen. Er stellte sich ihren Blick vor auf dem seinem Rücken, und er wunderte sich, denn ihr Blick war ein Trost.“

Leinsee, S. 40

„Leinsee“ ist eine Geschichte über die Liebe, über die Kunst und die Herkunft. Ein Buch, das auf phantasievolle und bildliche Weise Menschen und einen Ort zeichnet, so real, dass man von der ersten Zeile an dabei ist und mit Karl leidet, mit Karl trauert, mit Karl lacht.

Anna Reinecke erzählt im Interview mit Redakteurin Lisa Tuttlies auf dem Roten Sofa von Märchenkitsch, zwischenmenschlichen Beziehungen und dem „Brüten“ über eine Geschichte:

Redakteurin Lisa Tuttlies im Gespräch mit Anna Reinecke.
1503 Leinsee
 

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"Leinsee" von Anne Reinecke:

erschienen im Diogenes Verlag

368 Seiten

Preis: 24 €

Für das Manuskript für ihren Debütroman "Leinsee" wurde Anne Reinecke mit dem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet. Der Roman ist nominiert für den Debütpreis der LitCologne.