Appletree Garden Festival

Tanzend unter Apfelbäumen?

Das Appletree Garden Festival im Rückblick: Wir lassen das vergangene Wochenende Revue passieren und schwelgen in musikalischen Erinnerungen, die uns manchmal Ohrwürmer bescherten, aber auch manchmal mit dem Kopf schütteln ließen.
Das Gelände des Appletree Garden Festivals liegt mitten in einem kleinen Wald.
Das Gelände des Appletree Garden Festivals liegt mitten in einem kleinen Wald.

Die Landidylle

"Appletree Garden" - das klingt nach Natur pur. Natürlich dürfen da die Apfelbäume, die Früchte tragen und Schatten spenden, nicht fehlen. Unter den Bäumen wächst die wilde Wiese, die kniehoch mit Blumen übersäht ist. In dieser Landidylle kann eigentlich auch nur die Sonne scheinen, man hört ab und zu ein Vogelgezwitscher oder ausnahmsweise, für ein paar Tage im Jahr Musik aus Lautsprechern. Diese Klänge lassen dann eine fröhliche, gut gelaunte und womöglich leicht angeschwipste Meute apfelessend unter den Apfelbäumen hin- und herwippen. Genau so sieht der perfekte Traum des Appletree Garden Festivals aus. Aber am vergangenen Wochenende sollte alles ein bisschen anders kommen.

Das Erwachen

Aus diesem schönen Tagtraum müssen wir am Donnerstag erwachen, als das Autonavi sagt: "Sie haben ihr Ziel erreicht!". Von der erträumten Landidylle ist nur relativ wenig zu erkennen, was vor allem daran liegt, dass sich der Scheibenwischer viel zu schnell hin- und herbewegt. Die großen dicken Regentropfen versperren uns die Sicht aus dem Autofenster und so bleibt nur zu erahnen, dass wir mitten auf einem gerade frisch gemähten Acker stehen. Auch das Abwarten im Auto ändert nichts daran, dass der Regen weiter auf das Auto prasselt. Diese ersten Töne des Festivals könnten besser klingen aber es hilft alles nichts und so kramen wir die Regenjacken aus den Taschen und ziehen die halbwegs wasserdichten Schuhe an.

Die Zeltlandschaft

Die Wege zwischen den Zeltwiesen sind matschig, fast bleiben die Schuhe in dem tiefen und nach Dung riechenden Schlamm stecken. Links und Rechts des Wegesrandes sind die Zelte schon dicht an dicht aufgebaut und unter den geschmückten Pavillons sitzen viele Leute, die sich vor dem Regen verstecken und das erste Dosenbier öffnen. Es haben also schon einige geschafft, ihre Zelte vor dem Regen aufzuschlagen. Auf dem Zeltplatz stehen leider entgegen der erträumten Landidylle keine Apfelbäume und statt der Blumen leuchten die grünen, blauen und roten Zelte und Pavillions, von denen einer aufwendiger und einfallsreicher geschmückt ist als der nächste.

Diese Festival-Behausungen schmiegen sich bis an die akkurat gestutzten Gartenhecken einer Häuserreihe. Denn die Zeltwiese ist den Rest des Jahres eine kleine Lichtung direkt hinter der letzten Neubau-Siedlungs-Häuserreihe. So haben die Diepholzer an diesem Wochenende viele neue Nachbarn, die direkt vor ihren Haustüren campieren. Auch wir suchen uns eine Lücke zwischen den schon stehenden Zelten, um nach dem Regen unsere kleine Behausung in Windeseile aufzubauen. Danach ist es Zeit das Festivalgelände zu erkunden.

Bühnen zwischen Bäumen

Das Festivalgelände ist über einen einzigen Eingang zu erreichen. Es braucht allerdings ein wenig Geduld, da die Sicherheitskontrolle an diesem Eingang sehr genau genommen und jeder einzelnd abgetastet wird. Es staut sich ein bisschen. Die Zeit in der Schlange nutzen einige, um noch schnell die letzten Tropfen aus dem Dosenbier zu leeren. Das Warten geht doch schneller als gedacht und auf einmal steht man mitten in einem kleinen Wald.

Der Schriftzug "appletree" steht zwischen den Bäumen und markiert den Beginn des Festivalgeländes. Hier liegen Mainstage, Waldbühne und Zirkus, der kein Zelt, sondern auch eine kleine Bühne darstellt, nah beieinander. Die Bühnen fügen sich perfekt zwischen die Bäume und da alles so überschaubar ist, können wir das Gelände schnell erkunden. Neben den Bühnen giebt es die typischen Festival-Fressbuden, an denen man auch noch zu später Stunde einen Leckerbissen bekommt. Aber an keinem Stand werden Äpfel verkauft. Man kann also nicht apfelessend unter einem Apfelbaum sitzen oder tanzen. Das liegt auch daran, dass der Wald nicht aus Obstbäumen besteht, sondern eben aus hohen und großen Waldbäumen. Zwischen die Bäume ist eine Slackline gespannt, über die sich von Klein bis Groß alle wagen, manche mit stützender Hand, manche die sich an ihrer Bierflasche festhalten. Direkt daneben kann man sich die Zeit mit jonglieren und Diabolo spielen vertreiben. Wem das zu anstrengend ist, der kann seine müden Augenringe mit Glitzer überschminken, sich einen Blumenkranz basteln oder aber einfach nur faul in einer Hängematte zwischen den Bäumen schaukeln.

Schon am Donnerstag fällt auf, dass viele Leute wohl nicht zum ersten Mal auf dem Appletree Garden Festival sind. Ausgestattet mit Shirts und Beuteln der letzten Jahre laufen sie quer durch den Wald. Ein eigener Merch-Stand lässt einige Apfelherzen höher schlagen und so kann man sich egal ob mit Pulli, Shirt oder Beutel eindecken. Das tuen sehr viele und so läuft gefühlt jeder Dritte im passenden Outfit über das Gelände. Das Apfelmotto kann in den verschiedensten Ausführungen wiederentdeckt werden: ob große Diskokugel, Fotorahmen oder Kopfbedeckung in entsprechender Form, das Motto wird konsequent durchgezogen.

Die Klänge aus dem Wald

Aber nun zu den Tönen, die am Wochenende aus dem Wald schallen. Schließlich fährt man doch deswegen auf ein Festival, oder? Beim Appletree Garden Festival weiß man das nicht so genau. Es scheint viele Besucher jedes Jahr aufs neue anzulocken, egal wer dann wirklich auf der Bühne steht. Mal freuen sich die Leute mehr über die Auftritte, mal weniger. In diesem Jahr sind einige mit dem Line Up nicht so richtig zufrieden, gekommen sind sie trotzdem. Sie erzählen, dass ihre Festival-Familie hier jedes Jahr zusammenkommt und man schon einige Zeltnachbarn kennt. Das Appletree Garden Festival sei einfach so schön, entspannt und klein.

Wenn man sich die Running Order im Vorfeld anschaut, fallen ein paar Lücken auf: Zum einen gibt es das sogenannte "tba - to be announced", das sind Auftritte, die an dem jeweiligen Tag bekannt gegeben werden. Im Vorfeld scheint es als gebe es drei tba-Künstler. Auf dem Zeitplan wird allerdings noch einiges hin und hergeschoben, sodass es eigentlich auf nur noch zwei tba-Auftritte hinausläuft. Zum anderen gibt es für den Samstag Abend eine große Lücke im Zeitplan. Der "Secret Act" soll bis zu dem Moment, in dem die Band auf die Bühne kommt geheim und somit eine große Überraschung sein. Aber die ersten Gerüchte und Vermutungen verbreiten sich schnell auf dem Zeltplatz, dazu später mehr. Diese Besonderheit beim Appletree Garden Festival kann also sowohl als spannendes Lockmittel für die Besucher verstanden werden oder aber zeigen, dass dieses Festival viel mehr ausmacht, als die Musik alleine.

Tag eins: Warm-up

Der Donnerstag kann als Aufwärmphase für die zwei folgenden Tage verstanden werden. Die Auftritte beginnen am frühen Abend und enden nicht weit nach Mitternacht. Also alles eher ein wenig ruhig, gemütlich und entspannt. Passend dazu heißt auch eine Band des Abends "The Slow Show", die wir ganz nett fanden, aber noch keinen Freudenschrei auslösen. Auch "Von wegen Lisbeth", die einer der beiden tba-Auftritte sind, liefern eine solide Nummer ab aber mehr eben auch nicht. Und dann gibt es da noch den Auftritt der Band "Goose". Was ist das? Die Beine wollten zappeln, sich bewegen und auf den Beat tanzen aber als der Gesang beginnt will sich nur noch der Kopf schütteln. Es klingt wie ein Auftritt beim Eurovison Song Contest, einfach zu gegelt. Aserbaidschan, Mazedonien und Serbien hätten bestimmt Höchstpunktzahl verliehen, aber uns reisst es nicht vom Hocker. Umso größer ist die Freude über einen entspannten und guten Abschluss des Abends mit "Monolink". Dabei bewegen sich noch einige Körper vor der Bühne, ehe der erste, wenn auch nur halbe Festivaltag schon vorrüber ist.

Tag zwei: Heimliche Favouriten

Schon ist der Freitag da und es ergeben sich ein paar Änderungen im Line Up, statt einer Lesung kann man als Auftakt den "Drei ???" lauschen. Direkt im Anschluss legen die beiden ersten Bands des Tages "Woman" und "Her" zwei richtig gute Auftritte hin, die einen schon am Nachmittag zum Tanzen animieren. Dagegen können die beiden darauf folgenden Acts "We are the City" und "Sara Hartmann" absolut nicht mithalten, das wirkt alles etwas zu langweilig für uns. Ehe dann die Powerfrau "Georgia" die Bühne stürmt und nach ihrem letzten Song ihre Drumsticks in die Menge wirft - was vielleicht einen Tick drüber ist, aber trotzdem Spaß macht. Bei "Me and my Drummer" ist das Publikum unruhig, was vielleicht dem etwas zu langsamen Auftritt ohne Energie und mit zu langen Pausen zwischen den Liedern geschuldet ist.

Im Nachhinein können dabei sehr gut die Kräfte gesammelt werden, für den am Freitag wohl besten Auftritt von "Oddisee". Das Publikum lässt sich richtig mitreißen und tanzt wie wild vor der Bühne. Das sind wohl die besten Klänge des Waldes für diesen Abend auch wenn danach "AnnenMayKantereit" auf die Bühne kommen. Sie spielen vor einer gröhlenden Masse, die sich bei einigen Liedern lautstark einklingt und mitsingt. Zu späterer Stunde wird der Gesang weniger und die tanzbaren Beats werden ausgepackt. "David August" beginnt gut, "Django Django" ist tipptopp und damit ein weiterer Favorit des Tages und zum Schluss lassen "Slow Magic" und "Tobias Thomas" die Menge unter den beleuchteten Bäumen vor sich hin tanzen.

Tag drei: Der große Peng

Der letzte Tag kommt schneller als gedacht und wir sind ganz gespannt, was er noch zu bieten hat. Nachdem das Festivalgelände ab 14 Uhr sein Tor öffnet, versammeln sich viele lauschende Ohren beim Zirkus und hören sich auf Paletten oder dem Boden sitzend die Lesung von Dirk Gieselmann an. Die ersten musikalischen Klänge des Tages spielt "Faber". Auch wenn man das Gesicht des jungen Schweizers unter seinen Haaren nur erahnen kann, lockt er die tanzwütige Meute mit seinen ironischen Texten vor die Bühne. Dieser Start ist ebenso, wie die Opener am Freitag, äußerst gelungen. Während "Lilly Among Clouds" mehr zum Kopfschütteln, statt zum Körperschütteln anregt plätschern die nächsten Acts so vor sich hin. Der spontan als tba-Act eingesprungene "Ian Fisher", der ohne Band etwas verloren auf der Bühne steht, kann ohne großes Tamtam überzeugen.

Die Steigerung des Abends beginnt mit "Roosevelt" und gipfelt in "Käptn Peng & Die Tentakeln von Delphi". Die lieferen eine große Show ab, bei der keiner still steht und wohl alle Besucher des Appletree Garden Festivals vor der Bühne auf- und abhüpfen. Das ist definitv der große Peng des Festivals. Direkt im Anschluss soll das Geheimnis gelüftet werden. Aber so eine richtige Überraschung ist der "Secret Act" eigentlich nicht mehr, denn die Gerüchteküche brodelt schon länger.  Es betreten, wie schon einige ahnten oder wussten, "Bilderbuch" die Bühne. Auch sie lieferen eine ordentliche Show ab und legen sich mächtg ins Zeug. So werden alle Farben der Lichter ausprobiert, der Sänger hüpft auf der Bühne auf und ab und mal werden die Frauen, mal die Männer und dann ganz Diepholz zum mitsingen aufgefordert. Aber den Peng hatte es vorher schon gegeben und so können alle Bemühungen diesen bei uns kein zweites Mal auslösen.

Einen würdigen Abschluss des Appletree Garden Festivals bereiten "RSS Disco" mit gut gemischten und tanzbaren Beats. So konnte man noch ein letztes Mal auf der schon leerer werdenden Tanzfläche in Bewegungen versinken und die langsam verstummenden Klänge des Waldes genießen.

 

 

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