Interview

Talkin' About Punkrock Blitzkrieg!

Marky Ramone war 15 Jahre lang Schlagzeuger der Punkrock-Legenden "The Ramones". Seine Autobiographie ist auch auf Deutsch erschienen. Im Interview erzählt er von New York in den 70ern und warum ihm das Rentner-Dasein keinen Spaß macht.
Der Schlagzeuger der Ramones Marky Ramone präsentiert seine Autobiographie.
Der Schlagzeuger der amerikanischen Punkrockband Ramones Marky Ramone (links) mit mephisto 97.6 - Redakteur Simon Köppl.
Marky Ramone im Gespräch mit mephisto 97.6 Redakteur Simon Köppl über sein Buch, den US-Präsidentschaftswahlkampf, Tipps für neue Bands und wie man ein gesundes Rock'n'Roll-Leben führt. (ENGLISCH)
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Wie soll ich dich denn jetzt eigentlich ansprechen? Mister Marc Bell oder Marky Ramone?

Auf keinen Fall Mister. Meine Freunde nennen mich Marky und die Leute nennen mich Marc. Also Marky Ramone passt schon. Das ist der Name unter dem ich bekannt bin.

Hast du das in deinem Ausweis stehen?

Naja, das steht auf 10 Studioalben und 4 Livealben. Es gibt den Film „Rock’n’Roll Highschool“, ich bin damit in der Rock’n’Roll Hall of Fame und einen Grammy Award. Damit bin ich ganz zu frieden.

Das kann ich mir vorstellen. Ich frag nur, weil man in Deutschland seinen Künstlernamen auch in den Pass eintragen lassen kann.

Nein, also in meinem Pass steht Marc Bell. Das ist mein Name. Aber Marky Ramone ist mein Künstlername.

Du bist ja schon zu Ramones Zeiten als Chronist der Band aufgetreten und hast Videos von Touren gemacht.

Ich hab drei Videokameras und 400 H8 und Super 8 Tapes. Ich war der erste, der eine Goldene DVD für die Band geholt hat in vier Ländern. Das brauchten wir damals als Band. Aber ich habe es auch gemacht, um den inneren Kern der Band zu zeigen. Ich wollte den Humor dokumentieren. Aber bin auch sehr dankbar, dass die Leute das sehen wollen.

Der Humor findet sich auch in deinem neuen Buch wieder. Das heißt „Blitzkrieg Rock‘n’Roll“ und ist jetzt gerade auf Deutsch erschienen. Wolltest du schon immer ein Buch darüber machen?

Ich habe 5 Jahre gebraucht um das Buch zu schreiben. Um ein Buch zu schreiben muss man wirklich brutal ehrlich sein und umfassend. Es ist auf jeden Fall das umfassendste Ramones Buch das es gibt. Ich hab sie alle gelesen. Ich will nicht sagen, dass die alle schlecht sind. Aber ich hab 1700 Shows mit der Band gespielt und war 15 Jahre Bandmitglied. Aber das Buch dreht sich ja nicht nur um die Ramones. Es geht auch um meine Zeit mit Richard Hell und den Voidoids, Touren mit The Clash und Wayne County und die Punkszene in New York. Von meinem Aufwachsen in Brooklyn bis hin zur Rock’n’Roll Hall of Fame. Und wie ich mit Phil Spector zusammengearbeitet hab. Da ist soviel drin. Ich könnte hier Tage sitzen und darüber reden. Aber es ist auch das umfassendste Buch. Ich wollte mit ein paar Gerüchten aufräumen. Aber das soll kein Buch für Sensationsgierige sein.

Also was ich bei deinem Buch als Leser mag, ist, dass man das Gefühl hat, man sitzt mit Marky Ramone in einer Bar und bekommt die ganzen Geschichten erzählt. Also es ist sehr erzählerisch geworden. Ist das Buch am Schreibtisch entstanden?

Also ich hab es mit drei Autoren probiert. Der eine hat eine extrem abgehobene Sprache. Und ich bin nun mal kein Shakespeare-Darsteller. Der zweite war Nikotinabhängig und wollte aller 10, 15 Minuten eine Zigarettenpause machen. Das hat total den Flow ruiniert. Das hab ich nicht ausgehalten. Und dann hab ich endlich Richard gefunden, der hat dann das Buch in meinem Stil geschrieben. So wie ich eben klinge.

Du bist in New York in den siebziger Aufgewachsen. Eine wahnsinnig kreative Zeit in der es sehr viele bekannte Künstler in New York aktiv waren. Wie hast du die Zeit in Erinnerung?

New York war ziemlich herunter gekommen. Also ökonomisch. Der Vietnamkrieg war gerade zu Ende. Dafür hat Amerika viel Geld ausgegeben. Es gab viel Arbeitslose und viele Obdachlose und keine Auftrittsmöglichkeiten. Aber Hilly Kristal, der Eigentümer hat uns im Club CBGB's spielen lassen. Uns, Blondie, Talking Heads, Richard Hell, Patti Smith, die ganzen großen Bands. Television auch. So haben wir eine Heimat für unsere Musik gefunden. Viele andere Clubs wollten unsere Musik nicht spielen. Einfach weil sie so neu war, damals. Deshalb ist es toll, dass es das CBGBs gab. Aber das ist auch irgendwann zu klein geworden. Weil die Bands größer wurden. Und dann kamen Leute von überall her in dieses kleine Loch in der Wand.

Malcom McLaren zum Beispiel. Der hat das Image von Richard Hell genommen und es nach London für die Sex Pistols mitgebracht. Die haben sich die langen Haare abgeschnitten und er hat ihnen gesagt, dass sie sagen sollten, dass sie Hippies hassen. Das war lächerlich, weil sie selber Hippies waren (lacht).

Marky Ramone über die Sex Pistols

Auch mit den Sicherheitsnadeln. Die Voidoids hatten einfach kein Geld für neue Klamotten und haben deshalb Sicherheitsnadeln benutzt. Und McLaren kam eben aus der Mode zusammen mit Vivienne Westwood. Die haben schicke Sachen gemacht. Aber es war eben Fashion. In England hatten sie damals ähnliche Probleme wie in den USA. Und die Sex Pistols, die sind damit politisch umgegangen. Wir dagegen wollten, dass die Leute die ganzen Probleme für einen kurzen Moment vergessen können. 

Ich hab durch das Buch das Gefühl du bist so ein bisschen das Rückrat der Band. Einerseits als Schlagzeuger die präzise Maschine. Aber auch als psychologischer Vermittler bei den unterschiedlichen Charakteren in der Band.

Ich hab versucht, Joey und Johnny ein bisschen zusammen zu bringen. Die mochten sich wirklich nicht. Einige Leute kommen einfach nicht miteinander aus. Wir waren wie Brüder. Da gibt es auch mal Streit. Auch in einer Band natürlich. Aber am wichtigsten bei einem Streit ist, das man sich anschließend wieder versöhnt. Und Joey und Johnny haben sich nie versöhnt. Aber vielleicht haben diese Spannungen auch für genau den Sound der Ramones gesorgt. Aber auf der Bühne haben wir den privaten Scheiß hinter uns gelassen und alles gegeben. Und darauf kommt es an.

Du bist mit deinem aktuellen Bandprojekt auf der ganzen Welt unterwegs, du hast jetzt das Buch geschrieben. Du hast eine Firma für Lebensmittel, das klingt nicht nach jemandem, der sich so einfach zur Ruhe setzt und seine Rente genießt.

Ich hab es ein Jahr als Rentner versucht. Das war echt beschissen. Man sitzt auf seinem Arsch und macht nichts. Na klar, man hört Musik und trifft Freunde, verabredet sich zum Essen. Aber man fliegt nicht, man macht nichts, trifft keine Leute. Aber was mir am meisten auffällt bei Leuten, die in Rente gehen: Die werden alt. Ziemlich schnell. Die atmen schon diese Erleichterung aus, dass jetzt das ganze Leben zu Ende und warten auf den Tod. Und das kann ich einfach nicht. Ich bin zu hyperaktisch. Das kann ich einfach nicht. Ich steh auf, ich toure, mache dieses, mache jenes. Das hält dich fit. Dein Körper sagt dir schon irgendwann, wann es genug ist. Aber dazu ist es noch nicht gekommen.

Lass uns doch noch mal über den Punkrock sprechen. Du hast schon gesagt, dass die Sex Pistols eher eine politische Band waren.

Ja, bei uns sollten die Leute Spaß haben. Und es standen immer die spaßigen Texte im Vordergrund. Wir hatten einen politischen Song über Ronald Reagan. Aber der ist jetzt auch irgendwie überholt, diese Zeit ist vorbei. Deshalb spiele ich ihn auch nicht. Ein guter Song. Die Jugend weiß gar nicht, wer Reagan ist. 'Bonzo goes to Bitburg' – was soll das überhaupt bedeuten. Bei uns ging es um Spaß.

Aber denkst du heute, dass wir Punkrock und politische Texte noch brauchen?
Na klar, heute mehr als jemals zu vor. Für mich gibt es keine Länder mehr, es geht nur noch um Großkonzerne. Die halten die Fäden in der Hand. Aber was ich nicht sehe, ist dass sich Leute dagegen aussprechen. Klar im Hip Hop passiert das öfter. Aber im Rock irgendwie nicht. Die Künstler haben vielleicht einfach Angst, vor den Konsequenzen – Das es Stress gibt mit dem Label. Oder das sie als Sozialisten abgestempelt werden. Aber wir brauchen auf jeden Fall Leute, die sich auf die Straße trauen. Und die nicht nur bei Facebook und an ihren Smartphones hängen. Sie sollen socializen und Sachen gemeinsam machen. So wie früher. Nur so kann man Dinge ändern. Es ist toll, dass man sich über das Internet vernetzen kann und dass man sich bilden kann. Technologie ist da sehr nützlich, aber wenn man nur zu Hause vorm Computer sitzt und Pornos schaut, dann ändert sich nichts.

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Simon Köppl
15.02.2016 - 21:11
  Kultur

Die Autobiographie von Marky Ramone heißt „Punkrock Blitzkrieg – Mein Leben mit den Ramones“ und ist im IP Verlag erschienen. Die 336 Seiten kosten 22,90 Euro.

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Marky Ramone ist natürlich auch auf Facebook unterwegs. Da gibt's ne Menge Celebrity-Pics und das eine oder andere Drum-Solo.

Der Musiker ist sich für keinen Spaß zu schade. In einem Video erklärt er, was man gegen Menschen tun kann, die auf Konzerten Smartphone-Videos machen.

Das Marky Ramone gerne redet, beweist er auch im Interview bei Noisey. Dort erzählt er, wie er einen kläffenden Chiwawa beruhigt und welche politischen Differenzen es zwischen Johnny und ihm gab.