Rotes Sofa: Sylvia Geist

Sylvia Geist untersucht die Fremdheit

Gedichte, die auf faszinierende Art und Weise das Erleben eines Stadtmenschen von Natur abbilden. Sylvia Geist schafft es, mit ironischfeinen Wortspielen und Sprachkleinoden den Lesern einen Moment der Ruhe und ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Sylvia Geist
Redakteurin Lisa Albrecht im Gespräch mit Lyrikerin Sylvia Geist.

Die Rehe kommen

Eines der Gedichte, dessen Worte lange im Kopf bleiben, ist "Bilder für". Die Bewohner eines Hauses fühlen sich fremd, unwilkommen und schreiben alles Rehen zu:

Wir einigten uns auf Rehe.

Die umgestoßenen Stühle auf der Veranda,

die Tür, die wir abschließen konnten,

sooft wir wollten. Rehe.

Verschanzt im Gespräch, sahen wir es manchmal fast:

Kleinigkeiten nahmen Rehgewohnheiten an, wechselten

von einer Ecke, Schublade, Tasche in die andere,

ein Kamm, Rasierklingen, eine Tüte voll Dörrfleisch. (...)

 

Ein Selfie mit Worten

Doch die Fremdheit des Menschen ist nur ein Thema in dem fast 100 Seiten zählenden Band. Unterteilt in fünf Kapitel mit jeweils eigenen Überschriften wie "Ideale Krüppel", "In vitro" oder "Uns Chimären" kommen auch immer wieder Gedichte vor, die einen feinen Sprachwitz aufweisen. So zum Beispiel "Selfie als Straßenszene":

(...)

Diese haucht im Bus die Flüche auf der Scheibe frei.

Diese mit den Tüten hat ein Fieber angeflogen.

Diese ist bei aller Liebe nicht mehr zu verkaufen.

Den zieht sein Wacher Hund ins Ferngeflimmer.

Die beherbergt heimlich ein unvermietbares Zimmer.

Diese muss sich im Vertrauten rettungslos verlaufen.

(...)

 

Sehnsucht nach dem Geliebten

Auch die Liebe hat einen Platz in diesem Gedichtband. "Porträt des Geliebten als Setzkasten" schafft es, die Erwartungen und Erinnerungen an "den Geliebten" wunderbar in Worte zu fassen:

Ich sehe dich an dem Tisch, von dem ich vor Minuten

aufsprang, und erinnere mich auf einmal nicht mehr an dich.

Der Laubgeruch deines Pullovers, die eisern bekämpfte

Lichtung auf deinem Schädel (...)

Das bist nicht du. Eher das lange Ausbleiben des Gefühls,

allein zu sein, und was ich sonst noch von mir kenne. Still

im allgemeinen Aufbruch, Dauerzustand in der Abflugzone, (...)

 

Wie der Titel des Gedichtbandes mit Evolution und Natur zusammenhängt, wie eine unheimliche Begegnung zu einem Gedicht inspiriert hat und welche die Herausforderungen es birgt, zeitgenössische Lyrik zu schreiben, hat Redakteurin Lisa Albrecht im Interview mit Sylvia Geist auf dem roten Sofa herausgefunden:

Redakteurin Lisa Albrecht im Gespräch mit Sylvia Geist.
1503 Fremde Felle

"Die Wirklichkeit ist poetisch – genau in den Augenblicken, in denen sie uns fremd vor Augen tritt. In den Augenblicken bricht es heraus und es kommt zum Gedicht."

Sylvia Geist

 

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Lisa Albrecht
15.03.2018 - 13:02
  Kultur

"Fremde Felle" von Sylvia Geist

erschienen im Verlag Hanser Berlin

Sylvia Geist wurde 1963 in Berlin geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Chemie. Seit 1997 veröffentlicht sie Gedichte bei verschiedenen Verlagen und ist auch als Übersetzerin tätig. so brachte sie die Gedichte des US-Amerikaners Peter Gizzi ins Deutsche. Ihre Arbeit wurde unter anderem mit dem ver.di Literaturpreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnet. Heute lebt sie abwechselnd in Vancouver und in der Ueckermark.