Obdachlosigkeit

Straße statt Notunterkunft

Draußen ist es wieder richtig ungemütlich. Jetzt im Winter verbringt man gerne einen Abend oder ganzen Tag zuhause im Bett. Doch es gibt in Leipzig auch Menschen, die keinen festen Platz zum Schlafen haben.
Betten unter der Brücke
Schlaflager von obdachlosen Menschen

Den Beitrag zum Nachhören findet Ihr hier:

"Straße statt Bett" - Ein Beitrag von Leonie Soltys und Sarah Sterling

Obdachlosigkeit und Notunterkünfte in Leipzig

Für obdachlose Menschen in Leipzig gibt es die Möglichkeit die Nächte in sogenannten Übernachtungshäusern zu verbringen. Diese Notunterkünfte werden jedoch von einigen Menschen abgelehnt. Zum Teil ist dies ihre freiwillige Entscheidung, zum Teil werden sie durch verschiedene Faktoren aus den Unterkünften ausgeschlossen. Da bleibt dann nur noch die Übernachtung auf der Straße oder in mehr oder weniger geschützen Bereichen in der Stadt. Helen Matzke vom Hilfebus Leipzig trifft immer wieder Leute, die dort nicht schlafen wollen.

Es gibt Leute, die haben schlechte Erfahrungen gemacht mit dem Hilfesystem, oder auch nur was schlechtes gehört über die Übernachtungsstelle, die dann sagen, nö da möchte ich nicht hin.

Helen Matzke, Hilfebus Leipzig

Ein Leben ohne Gewissheit

Dennis ist obdachlos und lebt in Leipzig. Er hangelt sich von einer Schlafmöglichkeit zur nächsten, immer der Gefahr ausgesetzt, wieder verstoßen zu werden. Momentan hat er einen Unterschlupf auf einem Dachboden gefunden, welcher in der Stadtmitte Leipzigs liegt. Doch auch hier ist unklar, wie lange er verweilen kann. Zuletzt schlief er in dem Gartenhäuschen eines bekannten. Da gab es immerhin eine Heizung. Eine Notunterkunft möchte Dennis nicht aufsuchen, da er sich für seine Obdachlosigkeit schämt. Dort unterzukommen, würde für ihn bedeuten, sich als Obdachloser zu outen. Außerdem will er nicht nur von Leuten umgeben sein, die ein ähnliches Schicksal teilen. Er sieht seine Wohnungslosigkeit nur als Übergangsphase nach schwierigen persönlichen Umbrüchen.

Straße statt Bett

Benjamin Müller von der Diakonie arbeitet in der Tageseinrichtung Leipziger Oase. Dort gibt es einen warmen Ort und Mahlzeiten für Menschen in schwieriger Lage. Zum Angebot dieser Einrichtung gehört unter anderem auch die Vermittlung an Notunterkünfte. Benjamin Müller begegnet regelmäßig Leuten wie Dennis, die sich bewusst gegen die Übernachtungshäuser entscheiden. Er kritisiert, dass dafür insbesondere die Lage und Strukturen der Notunterkünfte verantwortlich sind – die Unterkünfte liegen häufig weit außerhalb, es wird in Mehrbettzimmern geschlafen und eine Übernachtung kostet manchmal sogar Geld. Eine weitere Problematik ist nach Müller die Aufsplittung zwischen Tages- und Nachtstätte: Wenn das eine Haus schließt, so müssen die Betroffenen zum nächsten Haus weite Wege auf sich nehmen. Dadurch fehlt diesen Menschen ein Ort zum runter- und ankommen. Im Winter sei es zudem auch schwer Krankheiten auszukurieren. Diese organisatorischen und finanziellen Hürden führen dazu, dass einige der Betroffenen die Straße einem solchen Bett vorziehen.
Neben den mehr oder weniger freiwilligen Gründen, eine Notunterkunft zu meiden, gibt es auch Kriterien, die Menschen von diesen Häusern ausschließen. So werden beispielsweise Menschen mit Haustieren oder auch Paare nicht geduldet.

Die Integration ins Hilfesystem

Das obdachlose Menschen die Notunterkünfte nicht nutzen ist ein Problem, da diese Einrichtungen die Möglichkeiten bieten in das Hilfesystem integriert zu werden. Zusätzlich zu einem Bett gibt es dort die Möglichkeit mit Sozialarbeitenden zu sprechen. Diese beraten die Betroffenen zu Themen wie Schulden, Sucht und längerfristigem Wohnen. Die Nutzung eines Übernachtungshauses kann neben anderen Hilfsangeboten somit der erste Schritt zurück in ein Leben mit festem Wohnsitz sein. 

Straße bei Nacht
Nachts auf der Straße

Was noch zu tun ist

Die Situation der obdachlosen Menschen in Leipzig fordert weiteren Handlungsbedarf. Viele verschiedene Gründe führen dazu, dass Obdachlose in der Nutzung der Schlafangebote gehemmt oder von Notunterkünften ausgeschlossen werden. Die Aufgabe der Stadt wäre nun, diese Hürden abzubauen um mehr obdachlosen Menschen Zugang zu Hilfsangeboten zu gewähren. Benjamin Müller von der Diakonie hofft auf ein zentrumsnahes Übernachtungshaus, welches durch seine Lage niederschwelliger zu erreichen ist. 

Was jede und jeder Einzelne von uns im Alltag tun kann, ist es Menschen auf der Straße anzusprechen und sich nach deren Hilfsbedürfigkeit zu erkunden. Auch wenn niemand gezwungen werden kann Hilfe anzunehmen, ist es wichtig auf die Angebote aufmerksam zu machen. Diese wichtige Aufgabe nimmt der Hilfebus Leipzig wahr. Helen Matzke und die anderen Mitarbeitenden fahren durch Leipzig und versogen Obdachlose Menschen. 
Solltet ihr hilfsbedürftige Menschen sehen, könnt ihr den Hilfebus täglich von 18.00-23.00 Uhr unter 01523 366 10 87 erreichen. 

 

 

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Die Stadt Leipzig erhebt keine Zahlen zu obdachlosen Menschen in Leipzig.

Ihnen stehen täglich 94 Betten zum Übernachten zur Verfügung. Im Winter kann das Angebot bei Nachfrage auch ausgebaut werden. In Leipzig gibt es Tagesanlaufstellen, die Obdachlose mit Essen und Trinken versorgen und bei der Sucht-, Schulden-, und Wohnberatung unterstützen. Am Nachmittag schließen diese Einrichtungen. Zur Übernachtung müssen die Betroffenen in die Notunterkünfte fahren. Auch wenn sie dadurch in Bewegung gehalten werden, fehlt dadurch ein fester Ort um zur Ruhe zu kommen.