East Side Gallery

Steine mit Gedächtnis

1990 bemalten 118 Künstler die Berliner Mauer – die East Side Gallery. Ein Film dokumentiert nun erstmals ihre Geschichte. Auch Brigida Böttchers Bild ist Teil der Wand – im Kino bewertet die Leipzigerin den Film und erzählt vom Mauerfall.
Ein bekanntes Motiv ist das Bild des die Mauer durchbrechenden Trabbis

Rote Kinosessel, das dunkler werdende Licht, die sich ausbreitende erwartungsvolle Stille im Saal – ein ganz normaler Filmabend im Leipziger Cineding. Für Brigida Böttcher ist die

Die Künstlerin Brigida Böttcher

Vorstellung an diesem Mittwochabend jedoch anders als sonst: es läuft "Berlin East Side Gallery“, eine Dokumentation, die sich um das längste noch erhaltene Mauerstück dreht. Brigida Böttcher hat es mitgestaltet: als 1990 Künstler erst spontan und dann rund um die Organisatorin Christine MacLean zunehmend organisierter die alte Grenzmauer bemalten, wurde auch die Leipzigerin gefragt, ob sie einige Segmente bemalen wollte. Ihr Entwurf wurde angenommen und so stand sie bald bewaffnet mit Pinsel und Farbe zwischen den anderen Künstlern aus aller Welt an der Mauer, die über 28 Jahre West und Ost getrennt hatte.

 

Die East Side Gallery ist rund 1,3 Kilometer lang

Sechs Jahre drehen für zwei Stunden Film

Die East Side Gallery ist das längste erhaltene Stück der Berliner Mauer. Entlang der Mühlenstraße malten 118 Künstler aus 21 Ländern 106 Bilder und schufen so die längste Freiluft-Galerie der Welt. Weil aber Graffiti und Autoabgase die Bilder beschädigten und überdeckten, malten viele der Künstler 2009 die Bilder neu. Seit dieser groß angelegten Sanierungsaktion begleiteten Karin Kaper und Dirk Szuszies die Geschehnisse an der East Side Gallery. Die Regisseure begannen spontan zu filmen, als sie hörten, dass sich niemand um eine Dokumentation kümmerte. Die Dreharbeiten dauerten sechs Jahre und seit Januar 2015 sind die Regisseure nun mit dem Film auf Tour durch Deutschland.

 

 

Zankapfel seit 25 Jahren

Der Film fasst zusammen, blickt zurück und zeichnet ein stimmungsvolles Bild von der

Die Regisseurin Karin Kaper war zu Gast im Cineding

Gemengelage um das Mauerstück: Künstler, die sich in einer Initiative organisiert haben, um ihre Bilder zu schützen. Passanten, die sich mal mehr oder weniger begeistert die Bilder ansehen und diskutieren. Demonstrierende Aktivisten von "Spreemedia versenken“, die sich gegen die Pläne stellen, ein Hotel auf dem Uferstreifen zwischen Mauer und Spree zu bauen, wozu weitere Mauerteile entfernt werden müssten. Einige Politiker, die sich zu dieser oder jener Gelegenheit vor der Mauer fotografieren lassen oder auf Demo-Wagen mitfahren. Über 220 Stunden Filmmaterial kamen zusammen, dazu Archivaufnahmen Dritter.

 

Regisseurin Karin Kaper im Interview mit Reporterin Christine Warnecke über die Anfänge des Films, die Resonanz des Publikums und Begegnungen an der Mauer
Regisseurin Karin Kaper im Interview mit Reporterin Christine Warnecke über die Anfänge des Films, die Resonanz des Publikums un

Ein Mythos für für Realität

Der nun fertige Film "Berlin East Side Gallery“ reduziert das alles auf zwei Stunden, die aber trotzdem beeindrucken, findet Brigida Böttcher. Der Film schaffe es, die Unmöglichkeit von Freiheit und Unfreiheit in einem, Schönheit und Hässlichkeit der Mauer, darzustellen. Für die 63-jährige, die unter anderem bei Tübke und Heisig lernte, war so auch schnell klar, was sie malen würde: Flora, die römische Göttin der Blüte. Der Osten und Leipzig, wo Brigida Böttcher damals wohnte, sei hässlich und grau gewesen, die stinkenden Abgase hätten alles verseucht.

"Ich hab den einzigen Balkon in der Straße gehabt und da mit Pflanzen versucht, gegen das Grau anzukommen – aber die Flora hatte uns schon verlassen“, erklärt sie nachdem der Film vorbei ist im Foyer des Kinos. Sie lacht viel an diesem Abend, ihre Erinnerungen an die East Side Gallery sind gute.

118 Künstler aus aller Welt verewigten sich an der Berliner Mauer

Kunst überlagert Kunst

So stutzt man im ersten Moment, wenn sie sagt, dass sie den Säuberungsaktionen durchaus zwiegespalten gegenübersteht. Einerseits sollten die ursprünglichen Bilder natürlich erhalten bleiben. Aber: "Diese Kritzeleien sind ja auch Kunst, die könnte man auch analysieren: Wer schreibt dort wo was hin - das ist auch Ausdruck der Zeit!“

Wie mit den Kritzeleien umzugehen ist, ist eine ebenso offene Frage, wie die, wie es mit dem geplanten Hotel am Spreeufer weitergeht.

Mit "Berlin East Side Gallery“ wurde erstmals die Geschichte der Galerie festgehalten. Die Regisseure Karin Kaper und Dirk Szuzies rechnen damit, dass im Herbst, wenn sich der Jahrestag des Mauerfalls nähert, das Interesse an ihrem Film neu aufflammen wird. Die gebürtige Bremerin und der Dortmunder wollen ihren eigenen Worten zufolge aber keine Partei für irgendeine Seite ergreifen. Sie werden einfach verfolgen, wie es mit der East Side Gallery weitergeht. Vorerst stellen sie den Film aber in verschiedenen Kinos in Deutschland vor. In Leipzig ist "Berlin East Side Gallery“ noch bis zum 1. April im Cineding zu sehen.

 

Mephisto 97.6-Reporterin Christine Warnecke hat Brigida Böttcher beim Kinobesuch begleitet und hat Reaktionen auf den Film und persönliche Momente eingefangen
mephisto 97.6-Reporterin Christine Warnecke hat Brigida Böttcher beim Kinobesuch begleitet und hat Reaktionen auf den Film und p
 

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