Filmkritik

Star Wars 9: Grandios gescheitert

Eine Ära geht mal wieder zu Ende! Nach "Game of Thrones" und "Avengers" geht 2019 ein weiteres Riesen-Franchise in die letzte Runde. In "Star Wars Episode 9" findet die Skywalker-Saga ihren enttäuschenden Höhepunkt.
Star Wars 9
Rey begibt sich auf ihre letzte Mission.

Hey, Rian, du alter Zerstörer! Politik und Kunst gehen eben doch immer Hand in Hand, was besonders dann deutlich wird, wenn offensichtliche Streitigkeiten hinter den Kulissen auf einmal im Film deutlich werden. Man stelle sich also für eine Weile lang vor, wie Regisseur J.J. Abrams in bester Philipp Amthor - Manier mit dem großen Star Wars - Finale etwas unbeholfen gegen seinen Vorgänger Rian Johnson wettert. Der hatte als Verantwortlicher für Episode 8: Die letzten Jedi einiges an Kritik einstecken müssen und spaltete die Fangemeinde in zwei Lager.

Man kann sich regelrecht vorstellen, wie wohl nun im Hause Disney hitzig debattiert und am Drehbuch herumgeschrieben wurde, wie man denn den einen aufgebrachten Teil der Fans wieder besänftigen und zugleich das größte Filmfranchise aller Zeiten zu einem würdigen Abschluss führen könne. Kurzum: Episode 9: Der Aufstieg Skywalkers führt eindringlich vor Augen, was passiert, wenn eine Trilogie aus dem Boden gestampft wird, bei der offenbar niemand einen Plan hatte, was man überhaupt erzählen möchte. Erschreckender war große Filmstudiopolitik lange nicht mehr im Kino zu erleben.

Wie die Kinder...

Zugegeben, Rian Johnson hat es seinem gleichzeitigen Vorgänger und Nachfolger nicht leicht gemacht, die einzelnen Fäden wieder aufzunehmen, schließlich hatte er in Episode 8 so einige Handlungsstränge radikal abgeschnitten und über den Haufen geworfen. Doch das war gut so! Das Gut-gegen-Böse, das Verehren des Übermächtigen und Unkontrollierbaren wurde ein Stück weit beendet. Na klar, es ging immer darum, seinen eigenen Platz in der Welt zu finden, auf welcher Seite auch immer das sein mag, und seine Fähigkeiten einzusetzen. Johnsons Vision ließ, nicht fehlerfrei, aber mit bemerkenswerter Konsequenz, aber durchschimmern, wie ein Star Wars - Film für unsere Gegenwart aussehen könnte. Nämlich wie eine Auseinandersetzung mit Individuen, die aus genau diesem oftmals simpel gedachten System mit nur zwei Polen ausbrechen, die den Fortschritt wagen und sich von alten Legenden, dämonischen Fieslingen und Heldenfiguren lossagen. Kein Wunder, dass Luke, Leia und Co. da ein Stück weit dekonstruiert werden mussten, sowohl auf der hellen als auch der dunklen Seite der Macht!

Hätte man diese Cleverness ein Stück weit verstanden und hätte man vor allem ein klein wenig Selbstironie bewiesen, würde man in Episode 9 eine andere Geschichte serviert bekommen. Doch Abrams und Johnson liefern sich stattdessen, wie kleine, bockige Kinder im Sandkasten, eine Schlammschlacht. Der eine verwirft die Vision des anderen, der dann im Gegenzug ebenfalls alles wieder revidiert und so zurechtbiegt, dass doch wieder der altbekannte und in diesem Fall leichteste Weg bestritten werden kann. Der Krieg der Sterne gerät in den Hintergrund, hier regiert ein offensichtlich geführter Krieg der Studiobosse, Regisseure und kreativer Visionen, die über ein und dieselbe Sache zu weit auseinandergehen. Schade nur, dass in dem Fall J.J. Abrams das letzte Wort hat, der leider mal wieder beweist, dass er zwar gut darin ist, mit technischen Film-Mitteln umzugehen und seinen Film mit nostalgischem Fanservice vollzustopfen, aber vom Geschichtenerzählen in diesem Fall wohl doch eher wenig versteht. Er scheitert letztlich an der Mammutaufgabe, die er vor einigen Jahren aufgenommen hat.

Star Wars 9
Kylo Ren ist wütend

Rückwärtsgang! 

Disney reicht kein komplexes Charakterdrama. Disney möchte stattdessen das Simple, Verdauliche und möglichst Massentaugliche und uns wieder vorführen, dass die Welt aus Gut und Böse besteht. Alles "woke" und doch enttäuschend altbacken. Jegliche Ambivalenz muss zu Läuterung, zum Ausscheiden aus der Geschichte oder zumindest zur charakterlichen Vereindeutlichung führen. Jeglicher Ansatz fortschrittlichen Erzählens wird wieder zurückgeworfen auf das alte Geplänkel. So darf, wie schom im Vorfeld verkündet, der böse Imperator als Strippenzieher aus dem Nebel der Star Wars - Geschichte auftauchen und seine finsteren Pläne verfolgen. Angenehm gruselig in Szene gesetzt! Ihm gegenüber die Neuen, Rey, Finn und Poe, die für den Widerstand kämpfen und dieses Mal glücklicherweise öfter miteinander interagieren dürfen. Irgendwo dazwischen: Der immer noch großartig aufspielende Adam Driver als zerrissener Fiesling Kylo Ren.

J.J. Abrams verpackt diese finale Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse in große, stark getrickste Bilder, lässt sie an wunderschön ausstaffierten Schauplätzen stattfinden. Ein paar Momente sind dabei, die ins Herz treffen und zum Teil sogar für wässrige Augen sorgen. So ganz kann man sich vor dem Nostalgie-Kitsch dann doch nicht verschließen, auch wenn er mehr Herz als Verstand hat. Allen voran natürlich die wenigen Szenen mit der vor dem Dreh verstorbenen Carrie Fisher, die aus altem Drehmaterial recycelt wurden. Doch viel mehr als auf epische Ausmaße aufgeplusterten Fanservice hat dieses Finale nicht zu bieten.

Star Wars 9
Carrie Fishers letzter Leinwandauftritt

Game of Thrones 2.0

Ein bisschen fühlt man sich an die ebenfalls 2019 beendete HBO-Serie Game of Thrones zurückerinnert, die auf der Zielgeraden ebenfalls für Frustration sorgte. Ähnliches geschieht bei Star Wars: Viel zu überladen mit Figuren und Schauplätzen, viel zu wenig Zeit für die wirklich wichtigen Charakterentwicklungen, auf der anderen Seite unendlich viel unnötiges Füllmaterial, das auf fast zweieinhalb Stunden ausgewälzt wird. Wendungen, die von jetzt auf gleich zurechtgeschrieben werden, um krampfhaft noch einmal zu entsetzen. Überraschungen, die wenige Minuten später doch wieder revidiert werden, weil die letzte Konsequenz fehlt. Bereits Erzähltes wird mit teils ärgerlichen Taschenspielertricks ignoriert oder verspottet. Inneren Regeln folgt das schon längst nicht mehr. Bis Der Aufstieg Skywalkers an seinem großen Bombastfinale angekommen ist, werden unzählige Antworten gegeben, bei denen man vergessen hat, warum die zugehörigen Fragen überhaupt drei Filme lang gestellt werden mussten. Wahrscheinlich war von Anfang an das größte Problem, das alte und neue Figurenensemble in einer Geschichte zu vereinen. Der Generationenkonflikt zwischen diesen Figuren kann immerhin gerade auch als Analogie zu unserer heutigen Gesellschaft verstanden werden.

Tränenreicher Abschied?

Die wunderbar charismatischen neuen Helden werden schließlich zurückgebracht ins Gefängnis alter Vermächtnisse, zu deren Vergötterung sie gezwungen sind. Auf eigenen Füßen durften sie rückblickend selten stehen. Der Funke Hoffnung auf ein neues, reiferes Star Wars, der im Vorgängerfilm aufkeimte, wird erstickt. Was mit Das Erwachen der Macht atmosphärisch und überzeugend anfing und mit Die letzten Jedi noch stärker fortgeführt wurde, endet als überraschungsarmes, mitunter fast lahmes Best Of der Saga. Eine planlose Trilogie, die irgendwie gekonnt mit den alten verwoben wurde. Die mehr überzeugt als die Episoden I bis III, aber bei der am Ende kaum ein Versatzstück zum anderen passen will. Schade um den fabelhaften Cast! Es ist ein wehmütiger und frustrierter Abschied in der sentimentalen letzten Szene, der unbedingt versöhnen will und doch unbefriedigend bleibt. Die Toten, die Legenden und (Kindheits-)Helden der über 40 Jahre langen Erfolgsgeschichte von Star Wars bevölkern diesen vorerst letzten Film der Reihe, erscheinen noch einmal in zahllosen Cameo-Auftritten. Kein Wunder! Die Toten sprechen, heißt es bereits im Vorspann. Doch viel zu sagen haben sie nicht mehr.

 

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Janick Nolting
18.12.2019 - 09:02
  Kultur

Star Wars Episode 9: Der Aufstieg Skywalkers

Regie: J.J. Abrams

Kinostart: 18. Dezember 2019

FSK 12

Cast: Daisy Ridley, John Boyega, Adam Driver, Oscar Isaac, Carrie Fisher, Billy Dee Williams und weitere