Musikalische Komödie

Sprich leise, wenn du Liebe sagst

Auf den Spuren einer ungewöhnlichen Liebe zweier großer Künstler: Alfred Uhrys Musical "LoveMusik" über Kurt Weill und Lotte Lenya feierte am Samstag seine deutsche Erstaufführung an der Musikalischen Komödie Lindenau.
LoveMusik: Kurt Weill und Lotte Lenya
Unzertrennlich: Kurt Weill (Hans-Georg Pachmann) und Lotte Lenya (Anna Preckeler)

Nachdem die Musikalische Komödie bereits zu Beginn der Spielzeit mit der Premiere der selten gespielten komischen Oper Die Piraten von Gilbert & Sullivan den Kurs für die Spielzeit 2016/2017 vorgab, setzte sie diesen Weg mit der deutschen Erstaufführung von LoveMusik fort. Das preisgekrönte Broadway-Musical von Alfred Uhry mit Musik von Kurt Weill erzählt die wechselvolle Geschichte des ungleichen Künstlerpaares.

Szenen einer wilden Ehe

Berlin im Jahr 1924: Der junge Komponist Kurt Weill und die Sängerin und Schauspielerin Lotte Lenya lernen sich kennen und lieben, heiraten, lassen sich scheiden, heiraten erneut und können trotz zahlreicher Affären nicht voneinander lassen. Doch dieses Stück ist weit entfernt von einer banalen Lovestory, sondern eine tiefgründige Geschichte über die komplizierte Liebe zweier großer Persönlichkeiten. Denn das Musical basiert auf dem erhaltenen Briefwechsel Kurt Weills und Lotte Lenyas und gibt so einen einzigartigen Einblick in die Gedanken und Empfindungen der beiden.

Ich glaube, wir sind das einzige Ehepaar ohne Probleme.

Kurt Weill an Lotte Lenya, 1938

Aber nicht nur das: es ist zugleich eine Art zeithistorische Dokumentation und das Abbild einer überaus fruchtbaren künstlerischen Beziehung. Sowohl als Muse als auch als Interpretin nimmt Lotte Lenya eine wichtige Rolle im künstlerischen Schaffen Kurt Weills ein und emigriert 1935 mit ihm gemeinsam nach Amerika, wo Weill als einem der wenigen deutschsprachigen Komponisten der große Durchbruch gelingt.

Für ein Musical enthält das Stück ungewöhnlich viel Text, der nahezu gleichberechtigt neben der Musik steht. Durch die Briefe, die die Protagonisten zeitweise exponiert auf Podesten seitlich der Bühne lesen oder schreiben, entsteht eine ganz eigene und intime Stimmung, die ihre Wirkung auf den Zuschauer nicht verfehlt.

Zwischen Berlin, Broadway und Hollywood

Das  Stück besteht ausschließlich aus einer Auswahl aus Kurt Weills Gesamtwerk, mit Auszügen aus der Dreigroschenoper oder Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Doch auch Songs wie das sanfte "Speak Low" oder das freche Spottlied "Schickelgruber" und weitere Nummern aus verschiedenen Broadway-Musicals wie Love Life sind in dieser musikalischen Lebensgeschichte enthalten und illustrieren die verschiedenen Lebensstationen von Berlin über Paris bis nach New York. Auch die schwierige Zusammenarbeit mit dem streitsamen Dramatiker Bertolt Brecht darf in diesem Stück nicht fehlen, ist sie doch ein wichtiger Teil von Weills Oeuvre. Diese Rolle übernimmt Regisseur Cusch Jung und zeichnet mit schnarrender Stimme und selbstgefälligem Gebaren ein scharfes Bild des zynischen "Ekelpakets" Brecht. Man merkt deutlich, dass ihm diese Rolle gesanglich wesentlich besser zu Gesicht steht als die des Piratenkönigs.

Kurt Weill, Lotte Lenya und Bertolt Brecht
Das Ehepaar Weill und Bertolt Brecht (Cusch Jung)

Weniger ist mehr

Im Gegensatz zu vielen aufwendigen Musicals kommt LoveMusik in der Inszenierung von Cusch Jung mit einer minimalistischen Ausstattung (Bühne: Frank Schmutzler) aus: Ein Klavier, ein Schreibtisch, ein bis zwei Stühle -  mehr braucht es hier nicht. Dezente, aber wirkungsvolle Rückprojektionen zeigen den jeweiligen Handlungsort. Der Szenenumbau erfolgt auf offener Bühne, teilweise auch durch die Sänger, wodurch der Handlungsfluss erhalten bleibt und nicht ins Stocken gerät. Die stilechten Kostüme von Silke Wey vervollständigen das Bild einer historischen Zeitspanne von fast dreißig Jahren.

Der Minimalismus gilt auch für die Orchesterbesetzung, was dem Stück eine zusätzliche intime Note verleiht. Unter der feinfühligen Leitung von Christoph-Johannes Eichhorn erklingen die wundervollen Melodien Weills, wobei man sich fragt, weshalb dieser Komponist nach wie vor nicht die ihm angemessene Wertschätzung erhält, die ihm eigentlich zustehen würde.

Bei einem Musical mit derart biographischem Schwerpunkt ist die Gefahr groß, dass es schnell zäh wirkt, doch LoveMusik schafft es, die Balance zwischen nachdenklichen Momenten und großen Szenen zu halten. Das liegt auch an den Ensemblemitgliedern Anna Evans, Angela  Mehling, Hinrich Horn, Mirjam Neururer, Jeffery Krueger und Michael Raschle, die den Rahmen für dieses Stück gestalten: Mal schlüpfen sie in die Rollen von Familienmitgliedern, mal von Broadway-Stars oder Standesbeamten. Doch sie sind mehr als nur schmückendes Beiwerk, sondern bilden mit ihrer Wandelbarkeit die Basis, ohne die die Darstellung der komplexen Beziehung Weill-Lenya schwerlich funktionieren würde.

Die Premiere von LoveMusik in aller Kürze:

Moderator Nico von Capelle im Gespräch mit Theaterredakteurin Eva Hauk
Studiogespräch zur deutschen Erstaufführung von "LoveMusik"
Auf dem Weg nach Amerika: Kurt Weill und Lotte Lenya
Auf zu neuen Ufern

Ein Stück, das so sehr auf zwei Persönlichkeiten zugeschnitten ist, braucht zwei starke Sängerdarsteller, die in der Lage sind, den Spagat zwischen Schauspiel, Gesang und Rezitation zu meistern. Hans-Georg Pachmann hat nicht nur dank der runden Brille eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Original und überzeugt darstellerisch als etwas unbeholfener, schüchterner Komponist, sängerisch bleibt er seiner Rolle jedoch eine deutliche Charakterisierung etwas schuldig: zu schwach und blass ist sein Komponist. Denn auch wenn Weill ein zurückhaltender Mensch war, so wäre eine differenziertere musikalische Ausgestaltung durchaus möglich gewesen.

Anna Preckeler ist eine starke und leidenschaftliche Lotte Lenya, deren verletzliche Seite ebenso zutage tritt wie ihre düsteren Abgründe, mit denen sie beispielsweise die Ballade der Seeräuber-Jenny ausstattet. Mit viel Temperament und einer breiten stimmlichen Farbpalette von lieblichen, mädchenhaften Tönen über dramatische Ausbrüche bis hin zu scharfem Sprechgesang bietet sie eine gesanglich überaus ausdrucksstarke und nuancierte Leistung und versucht nicht krampfhaft, das ohnehin unerreichte Original zu kopieren.

Fazit

Mit diesem kleinen, aber feinen Stück ist der Musikalischen Komödie ein ausgezeichneter Griff gelungen, zumal es aufgrund seines kammerspielartigen Charakters perfekt in den persönlichen Rahmen des Hauses passt. Am Schluss spendete das Publikum viel Applaus, ein Tipp nicht nur für Kurt Weill-Fans!

 

 

 
 

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Weitere Aufführungen:

31. Januar 2017, 11. Februar 2017, 12. Februar 2017, 18. März 2017, 19. März 2017, 16. Mai 2017, 25. Mai 2017, 10. Juni 2017, 11. Juni 2017