Frisch Gepresst: Soccer Mommy

Sommerzeit Traurigkeit

Soccer Mommys zweites Album „color theory“ legt einen Sepiafilter über die Traurigkeit.
Soccer Mommy
Soccer Mommy

Zwei Jahre ist es her, dass Soccer Mommy mit ihrem Debütalbum „Clean“ zur neuen Hoffnungsträgerin des seichteren Indierocks wurde. Eine Platte voller Traurigkeit, die trotz allem nahbar wirkte.

„color theory“ ist aber noch wesentlich ambitionierter als sein Vorgänger „Clean“, vor allem wegen des Albumkonzepts. In drei farblich abgetrennte Abschnitte ist das Album aufgeteilt: blau für Depression („bloodstream“, „circle the drain“, „royal screw up“, „night swimming“), gelb für körperliche und seelische Krankheit („crawling in my skin“, „yellow is the color of her eyes“, „up the walls“) und grau für Verlust und Dunkelheit („lucy“, „stain“, „grey light“). Ein Konzept, das komplizierter klingt, als es tatsächlich ist.

Schmerzhaft schön

Denn zusammengehalten wird „color theory“ weniger durch das Albumkonzept, sondern durch seine Instrumentalisierung. Nahezu jeder Song wird um die Gitarre aufgebaut, vor allem im ersten Teil des Albums. Schon die ersten Sekunden auf „bloodstream“ machen das deutlich: Über Akustik- und E-Gitarre formt Soccer Mommy Bilder, die Depression schmerzhaft schön und akkurat auf den Punkt bringen.

Happiness is like a firefly on summer free evenings
Feel it slipping through my fingers
But I can't catch it in my hands

Soccer Mommy in "bloodstream"

Und auch die Vorabsingle „circle the drain“ ist ein echtes Highlight. Die frühsommerlichen Akkorde, der melodische Breakdown in der Bridge, der explosive Refrain mit übereinander gelegten Vocals: In einer früheren Zeitrechnung wäre der Song auf dem Soundtrack eines leicht vergilbten amerikanischen Coming-Of-Age-Highschool-Films oder die absolute Nummer 1 der Radioairplaycharts im Jahr 1999. Vielleicht liegt das auch ein wenig an der Ähnlichkeit zu Natalia Imbruglias Riesenhit „Torn“.

Der kleine Haken

Aber: Obwohl vieles auf dem Album zusammenläuft, drückt manchmal die Eintönigkeit etwas aufs Gemüt. Oft sind es die repetitiven Gesangsmelodien („royal screw up“) oder die fehlende Experimentierfreudigkeit („night swimming“), die diesen Effekt hervorrufen. Die Songs treiben immer wieder ein wenig ziellos vor sich hin. Wenn einmal Abwechslung angedeutet wird, dann werden diese Experimente sofort wieder abgebrochen (etwa die Streicher in „royal screw up“). Das ist schade, denn: Diese kleinen, diffusen Momente enden zu schnell. Ein bisschen mehr Ausgestaltung, mehr Mut hätten den Songs und dem Album gutgetan.

Nichtsdestotrotz hat das Album auch echte Gänsehautmomente. „yellow is the color of her eyes“ behandelt Soccer Mommys Schuldgefühle, ihrer sterbenden Mutter nicht nahe sein zu können, weil sie auf Tour ist.

I'm thinking of her from over the ocean
See her face in the waves, her body is floating
And in her eyes, like clementines, I know that she's fading
And the light of the sun is only a daydream

Soccer Mommy in "yellow is the color of her eyes"

Der letzte, graue Teil des Albums verfällt dann ein bisschen in oberflächliche Dunkelheit. „lucy“ ist zwar ein toller Song, passt aber inhaltlich mit seinen verführerischen Teufelsvergleichen gar nicht so richtig auf „color theory“. Und auch das ist ein (zugegebenermaßen abstraktes) Problem der Platte: Soccer Mommy krallt sich zu sehr an 90er-Ästhetiken, die zwar schön anzusehen sind, inhaltlich mit dem Album aber nicht wirklich etwas zu tun haben. „color theory“ möchte in seiner Ästhetik die Antithese zu heutigen Fast-Food-Social-Media-Trends wie TikTok sein, wirkt aber auch nur wie ein Tamagotchi.

Fazit

Dennoch ist „color theory“ ein toller Nachfolger zu Soccer Mommys Debütalbum. Tragisch schöne, eindrückliche Texte, die Gitarre als instrumentaler MVP und riesige Hochs in Form von Songs von „circle the drain“ oder „yellow is the color of her eyes“. Aber noch ein bisschen mehr Experimentierfreudigkeit, Waghalsigkeit und Ambition hätte „color theory“ durchaus gutgetan. Was nicht heißt, dass die Platte nicht gut ist: Das ist sie. Trotzdem hat Soccer Mommy noch viel Potenzial. Und das ist ja auch eine gute Nachricht.

 

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Soccer Mommy: color theory

Tracklist:

1. bloodstream

2. circle the drain

3. royal screw up

4. night swimming

5. crawling in my skin

6. yellow is the color of her eyes

7. up the walls

8. lucy

9. stain

10. gray light

Erscheinungsdatum: 28.02.2020
Loma Vista Recordings