Rotes Sofa: Simon Schwartz

Skurrile russische Doppelbiographie

Simon Schwartz' neuer Comic "IKON" beruht auf wahren Begebenheiten, auch wenn man das manchmal nur schwer glauben kann. Es geht um die letzte russische Zarenfamilie, psychische Krankheit, Projektion und Ikonisierung.
Redakteur Moritz Lünenborg im Gespräch mit Autor Simon Schwartz.
Redakteur Moritz Lünenborg im Gespräch mit Autor Simon Schwartz.

"IKON" ist eine Geschichte über zwei Menschen, die der Brutalität des 20 Jahrhunderts ausgesetzt sind und dabei verrückt werden. Simon Schwartz’s enigmatischer und kurioser Comic basiert auf den Biografien der polnischstämmigen Franziska Czenstkowski, die sich als die ermordete Zarentochter Anastasia ausgibt, und dem Sohn des Leibarztes der Zarenfamilie, Gleb Botkin. "IKON" ist mit Zeichentusche, die auch mal über das Bild spritzt, und dickem schwarzen Buntstift gezeichnet. Schwartz bedient sich einem rauen und schmutzigen Stil, der Spaß macht. Die Figuren sind reduziert dargestellt aber bewegen sich vor einem meisterhaft gezeichneten und detaillierten Hintergrund.

Gleb Botkin mit seinem Vater im Zarenpalast
Gleb Botkin mit seinem Vater im Zarenpalast

Vom Zarenpalast ins amerikanische Exil

"IKON" erzählt die Geschichte des Russen Gleb Botkin, dem Sohn des Leibarztes der russischen Zarenfamilie. Gleb wird zum engen Freund der Zarentochter Anastasia. Doch in der Oktoberrevolution 1917 verliert er alle seine Bindungen. Sowohl sein Vater, als auch seine beste Freundin Anastasia werden getötet. Gleb kann jedoch fliehen, kommt bei einem russisch-orthodoxen Ikonen-Maler unter und emigriert schließlich in die USA.

Im amerikanischen Exil, trifft Gleb dann auf die psychisch kranke Franziska Czenstkowski, die vorgibt, seine verlorene Freundin Anastasia zu sein und Anspruch auf den russischen Thron erhebt. Die arme Frau kann nicht einmal Russisch und trotzdem werden viele Exilrussen, deutsche Adlige und Künstler ihre Fürsprecher. Auch Gleb glaubt der verrückten Hochstaplerin und macht sie zu seiner Ikone, die er verehrt wie die Göttin seiner neuheidnischen Religion. Aphrodite.

Gleb Botkin betet die Göttin Aphrodite an
Gleb Botkin betet die Göttin Aphrodite an

Wiedermal ein historisches Thema

IKON - Simon Schwartz 2
IKON - Simon Schwartz 2

Wie schon in früheren Werken bleibt der preisgekrönte Comiczeichner Simon Schwartz bei seiner Themenwahl historisch. Seine bisher erschienen Comics "drüben!", "Packeis" und "Vita Obscura" beruhten genauso wie "IKON" auf wahren Begebenheiten. Und auch bei seinem neuen Werk ist es wieder eine so kuriose Geschichte, dass sich die Leser*in sie sich nur schwer hätte ausdenken können. Darin ähnelt "IKON" dem Sammelband "Vita Obscura", der aus Comicstrips besteht, die Schwartz für die Zeitung "der Freitag" schuf. Auch hier handelt es sich um kaum bekannte, aber sehr unterhaltsame Biografien berühmter Persönlichkeiten.

Schwartz neuer Comic "IKON" unterscheidet sich aber auch deutlich von seinen früheren Werken. Er ist mit einem raueren und wilderen Strich gezeichnet. Auch inhaltlich geht IKON weiter als  Schwartz' frühere Werke. Die eigentliche Handlung von „IKON“ wird immer wieder durch Doppelseiten unterbrochen, auf denen die Geschichte der Ikonenmalerei erzählt wird. Die russisch-orthodoxe Ikonenmalerei hat erst mal nur wenig mit der Handlung zu tun. Aber durch diese Unterbrechungen wird das Bedürfnis des Protagonisten nach einer Projektionsfläche für sein Seelenheil in einen historischen Zusammenhang gebracht. Dabei wird auch das Verlangen der Menschen nach Ikonen im Allgemeinen verhandelt. Nebeneinander stehen die ikonisierte Anastasia Romanov und die Ikone der Jungfrau Maria.
Russisch-orthodoxe Ikonenmalerei
Russisch-orthodoxe Ikonenmalerei

Skurril, düster, lesenswert

"IKON" ist eine sehr kuriose Doppelbiografie, die meisterhaft gezeichnet und konsequent durchdacht erzählt ist. Leichte Kost ist das nicht. Gerade anfangs fordert der Comic etwas von den Lesern ab. Die Handlung springt zwischen den Kontinenten, den Zeitebenen und den zwei Protagonisten hin und her. Das kann durchaus verwirren. Was aber gar nicht mal schlecht ist, denn schließlich geht es um psychisch kranke und traumatisierte Menschen. Und es ist keine leichte Aufgabe psychische Krankheit literarisch und zeichnerisch darzustellen. Hier ist es aber überzeugend gelungen.

Spätestens am Ende des Comics löst Schwartz dann die Verwirrung des Lesers auf. Im beigelegten historischen Archiv wird der „echte“ Fall der Anastasia Romanov erklärt und die Zusammenhänge im Comic werden klar. Man möchte dann am liebsten gleich noch mal von vorn beginnen. Es ist toll, dass die Realität manchmal absurder und skurriler sein kann als die Fiktion.

IKON  - Simon Schwartz
IKON - Simon Schwartz

Moritz Lünenborg hat auf der Leipziger Buchmesse mit Simon Schwartz gesprochen. Im Interview geht es unter anderem darum, ob Ikonen verehrt werden sollen oder nicht. Außerdem sprechen die beiden über Anastasia, den ersten Popstar des 20. Jahrhunderts und die Ästhetik von Buchcovern:

Redakteur Moritz Lünenborg im Gespräch mit Autor Simon Schwartz.
1603 Simon Schwartz
 

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"IKON" von Simon Schwartz

erschienen im avant-verlag