Konzertbericht

Skandalrocker unerwartet zahm

Nach etwa 15 Jahren war Marilyn Manson wieder in Leipzig zu Gast. Anlass war seine The Hell Not Hallelujah-Tour. Wir waren im Haus Auensee dabei und verraten, ob der Auftakt der abschließenden Europatermine überzeugen konnte.
Marilyn Manson gibt auf Stelzen "Sweet Dreams" zum Besten
Marilyn Manson gibt auf Stelzen "Sweet Dreams" zum Besten

Erwartungen

Wenn man den Namen Marilyn Manson hört, denkt man zunächst an geschminkte Fratzen und Provokation. Sein Ruf eilt ihm voraus. Dementsprechend sind die Erwartungen an den Abend hoch. Es soll mein erstes Konzert beim Gruselrocker sein, deshalb stelle ich mich auf alles mögliche ein - von Blutregen über Horror bis hin zu Glam und nackter Haut. Eine abgedrehte Freakshow, deren Bilder sich ins Hirn brennen, einen nicht mehr ruhig schlafen lassen. Wobei ich probiere, mir vor Augen zu halten, dass es, was Skandale angeht, in den letzten Jahren ruhiger um den gealterten Manson geworden ist und der Fokus zunehmend auf der Kunst liegt. Klappt aber nicht so ganz, ich will trotzdem Krasses sehen.

Erster Eindruck

Die mittelgroße Konzerhalle Haus Auensee ist ausverkauft und zum Bersten gefüllt. Denn über 3000 Menschen wollen an diesem Abend beschallt werden. Das Publikum ist überraschend vielfältig. Man sichtet sowohl junge Erwachsene verschiedenster Szenen, meistens dunkel gekleidet, als auch Normalos von nebenan und zahlreiche Rocker-Opis. Dafür wird schon in den Minuten vor der Show Nebel durch den Saal gepustet, bevor einem erst ein Gospel-Country-Lied die Worte "Satan is real", dann ein Hip Hop-Song "Devil is a lie" verkündet. Noch eine Runde klassische Musik, die Dramatik steigt, das Licht auf der Bühne geht an und da, irgendwo hinter dem Nebel, ist laut den aufflammenden Jubelschreien wohl Marilyn Manson auf die Bühne gekommen.

Musik

Dass die Musiker auf der Bühne können, was sie da tun, steht außer Frage. Obwohl das Konzert unter dem Stern der Promotion von "The Pale Emperor" steht, wird dem neuesten Album mit zwei Liedern nicht viel Zeit eingeräumt. So besteht die Setlist mit rund 13 Songs zum Großteil aus dem Best-of alter Klassiker wie "Sweet Dreams", "Antichrist Superstar" oder "The Dope Show". So dürften besonders alteingesessene Fans in den eineinhalb Stunden auf ihre Kosten gekommen sein. Als die Masse bei "Disposable Teens" mitschmettert, scheint die Situation angesichts des deutlich höheren Altersdurchschnitt ein wenig ironisch.

Show

Das Bühnenbild ist insgesamt eher schlicht gehalten, dafür wartet die Show mit Nebelschwaden und einer Lichtshow auf. Zwischen den einzelnen Liedern gibt es leider mitunter minutenlange Pausen, in denen die Bühne umgebaut wird oder Marilyn Manson einen Gaderobenwechsel vornimmt. Das kühlt die Stimmung jedes Mal wieder herunter, wobei die Show an Zusammenhang und Einheit verliert. Manson selbst läuft mal auf Stelzen durch die Gegend, wirft Hüte und Sonnenbrillen ins Publikum - scheinbar sortiert er gerade bei sich zu Hause aus - oder stellt sich hinter ein Pult, wo er die Bibel verbrennt. Aber allein die Requisiten können die Show nicht zu einem wirklichen Spektakel machen. Positiv überraschend ist hingegen die Nähe zum Publikum. Oft stellt Manson sich beim Singen in den Graben, läuft zu den Massen hin und spricht zu den Leuten. Für Besucher in den ersten Reihen sicher ein einmaliges Erlebnis, diejenigen weiter hinten dürfen sich in der Zeit die nebligen Silhouetten der restlichen Bandmitglieder ansehen. Zumindest meinen Erwartungen wird die Show nicht gerecht, sodass Marilyn Manson nicht in meine Hall of Fame der Konzerte darf.

Was in Erinnerung bleibt

Marilyn Manson ist mein erstes Konzert jemals, auf dem es keine Zugabe-Rufe gibt. Dabei liegt dies sicherlich nicht einmal an der Lust oder Unlust der Besucher, sondern an dem abrupten Ende des Konzerts. Erst macht der dunkle Saal den Anschein, als würde eine weitere Unterbrechung bis zum nächsten Lied anstehen, sodass der Applaus bald erwartungsvoll abebbt. Eine Weile später geht doch plötzlich die große Saalbeleuchtung und Musik vom Band an und die Besucher schauen sich gegenseitig in verdatterte Gesichter. War es das jetzt? Na dann, ab nach Hause. Seltsam.

 

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