Gespräche auf dem Roten Sofa

Sittsam für die Sekte

Mit 17 Jahren weiß sie nicht, dass sie eine Vagina hat – soll aber verheiratet werden. Das jüdische Mädchen Deborah wächst in der strengsten ultraorthodoxen Gemeinde der Welt auf. Die Autorin Deborah Feldman schildert eigene Erinnerungen.
Deborah Feldman im Gespräch
Deborah Feldman befreite sich aus Zwangsehen, aus einer chassidischen Sekte und erzählt Redakteurin Marie Kraja davon.

Sarah Emminghaus über das Buch "Unorthodox" von Deborah Feldman:

Sarah Emminghaus hat das Buch gelesen

Mitten in Brooklyn, New York, geht es im 21. Jahrhundert noch immer zu wie im Mittelalter. In der chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg herrschen die strengsten Regeln einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde – weltweit. Ihre Mitglieder sehen im Holocaust eine von Gott verhängte Strafe. In Europa hatten sich Juden zunehmend assimiliert, deshalb schickte HaSchem, der Herr und Erlöser, Hitler. Um eine erneute Shoa zu vermeiden, müssen die Juden zu ihren religiösen Wurzeln zurück – so die tiefe Überzeugung. Die Satmarer führen ein vollständig abgeschirmtes Leben nach repressiven Vorschriften. Im Alltag wird Jiddisch gesprochen. Englisch gilt als verdorbene Sprache. Ehen werden arrangiert, wenn die Frauen 17 und die Männer höchstens 20 Jahre alt sind. Sexualität gilt als absolutes Tabu.

Die Autorin Deborah Feldman ist gleichzeitig die Ich-Erzählerin des Buches. Berührend schildert sie Erinnerungen ihrer Kindheit und das entbehrungsreiche Heranwachsen einer jungen Frau. Schon mit elf Jahren hinterfragt sie die strikten Regeln ihrer Gemeinde. Sie wächst bei ihren Großeltern auf. Erst am Ende des Buches erfährt der Leser, warum ihre Mutter von den Satmarern verstoßen wurde. Die vorwitzige und kluge Deborah flüchtet sich in weltliche Romane, die ihr ein Trost in einer trostlosen Welt sind.

Es scheint, als wären nur wenige Minuten vergangen, als ich die schweren Fußtritte meines Großvaters die Treppe raufkommen höre, und so verstecke ich das Buch wieder rasch unter der Matratze und ziehe das Bettlaken zurecht, damit es nicht zerwühlt aussieht. Ich bin ein gutes Mädchen, ich bin ein gutes Mädchen, ich bin ein gutes Mädchen. Ich bringe meine Gesichtszüge wieder in eine Form, von der ich denke, ein gutes Mädchen würde sie tragen – lammfromm, leer, bescheiden. Manchmal habe ich Angst, Zeidi könnte mit seinen bohrenden blauen Augen und seinem leuchtend weißen Bart mein Spiel durchschauen, seine gottgegebene Intuition meine sorgfältig konstruierte Maske durchdringen. Mein Herz würde mir brechen, wüsste er die Wahrheit über mich. Ich bin nicht das eydel Meydel, das sittsame Mädchen, das er so mühsam geschaffen hat.

Deborahs Leben in Williamsburg ist das einer religiösen Sekte. Die gemeinsame Verachtung gegenüber Außenstehenden schweißt zusammen. Männer und Jungen studieren in der Synagoge die Thora, die Frauen und Mädchen kümmern sich um den Haushalt. Nach ihrer Hochzeit rasieren sie sich den Schädel, tragen Perücken und darüber eine weitere Kopfbedeckung. Nur der eigene Ehemann darf sie je ohne sehen. Jedes Fleckchen Haut muss bedeckt sein. Streift der Blick eines Mannes etwa das unbedeckte Schlüsselbein, trägt die Frau die Schuld – denn sie hat ihn zum Sündigen verführt. Sittsamkeit ist für Frauen das oberste Gebot. Im Schnitt bekommt eine ultraorthodoxe Frau acht bis zehn Kinder. Während ihrer Periode gilt sie als niddah, unrein; ihr Mann darf ihr dann nicht einmal einen Teller mit Essen reichen. Eheleute haben sich bis zu ihrer Hochzeit kaum gesehen. Masturbation ist verboten und Fragen zu stellen ohnehin. In der Hochzeitsnacht weiß oft keiner der beiden Frischvermählten, was genau zu tun ist. In so genannten Hochzeitsklassen erhalten sie zuvor nur eine vage Vorstellung. Auch Deborah, im Alter von 17 Jahren:

Noch immer aber verstehe ich nicht, wo überhaupt dieser Punkt, dieser Zugangsweg in meinem Körper liegen sollte. Soweit ich weiß, ist die Stelle, wo der Urin austritt nicht derart dehnbar. Ich unterbreche sie schließlich. „Äh, ich hab‘ das einfach nicht“, sage ich nervös kichernd. Ich bin mir sicher, keine solche Öffnung zu haben, und sollte ich eine haben, wäre sie definitiv nicht groß genug, etwas in der Größe dieses dicklichen Zeigefingers, oder was auch immer er darstellen mag, zu beherbergen. Sie schaut mich an, verblüfft. „Natürlich hast du. Jede hat das.“ „Nein, ernsthaft, ich habe das nicht“. An diesem Punkt werde ich nervöser. Ich beginne, mich selbst zu hinterfragen. Habe ich möglicherweise diesen Hohlweg übersehen, von dem sie spricht?

Wenn Feldman ihre und andere Zwangsehen schildert, führt sie den Leser an den Rand des Erträglichen. Sie macht das so lebensnah, ehrlich und literarisch klug, dass ihr Buch in den USA zu einem New-York-Times-Bestseller wurde. Mit Anfang 20 will sie heraus aus den Fesseln der religiösen Extremisten. Mit dem Leben als Unterdrückte kann sie sich nicht länger abfinden. Man leidet mit ihr gemeinsam und hofft, dass sie die Befreiung schafft. Die Emanzipation von einer Sekte, die gleichzeitig ihre Familie ist. Und die nur funktioniert, weil sie sich isoliert, droht und unterdrückt – alles im Namen Gottes.

Auf dem Roten Sofa

Feldmans amerikanische Verleger dachten nicht, dass das Buch außerhalb New Yorks besonders viel Erfolg haben würde. Zu Unrecht, das Thema sprach viele jüdische und nicht-jüdische Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt an. Und machte Mut. Feldman sieht sich aber nicht als Vorbild:

Jeder trägt die Kraft in sich die beste Version seiner Selbst zu werden. (...) Wir wollen von anderen Geschichten ermutigt werden.

 

Deborah Feldman im Gespräch mit Redakteurin Marie Kraja.
Deborah Feldman im Gespräch mit Redakteurin Marie Kraja.
 

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Deborah Feldman wurde 1986 in New York geboren. Sie wuchs in der chassidischen Satmar-Gemeinde im zu Brooklyn gehörenden Williamsburg, New York, auf. Ihre Muttersprache ist Jiddisch. Sie studierte am Sarah Lawrence College Literatur. Ihre autobiografische Erzählung "Unorthodox" erschien 2012 bei Simon & Schuster und war sofort ein spektakulärer New York Times-Bestseller mit einer Millionenauflage. 2014 folgte ebenso Aufsehen erregend "Exodus", das bei Pinguin erschienen ist. Heute lebt die Autorin als Schriftstellerin mit ihrem Sohn in Berlin.