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Sex - ein gesellschaftliches Tabuthema?

Einen Orgasmus haben - das scheint das Hauptziel von Sex zu sein. Einige Frauen können jedoch nur selten oder sogar nie einen Orgasmus erleben. Wie wichtig ist Frauen der vermeintliche Höhepunkt und wie offen verläuft ihre Gesprächskultur über Sex?
Kommunikation ist der beste Weg zum Höhepunkt.

Es passiert an ganz unterschiedlichen Orten, in verschiedenen Stellungen und für viele Menschen ist es eines der wohl schönsten und natürlichsten Dinge auf der Welt - die Rede ist von Sex. Allein in Deutschland schläft ein heterosexuelles Paar durchschnittlich 3,2 Mal pro Woche miteinander. Der Geschlechtsakt verläuft dabei oftmals ganz zielorientiert und mit dem Wunsch so intensiv stimuliert zu werden, bis die jeweiligen Sexualpartner einen Orgasmus haben. Das Fachblatt "Archives of Sexual Behaviour" hat dazu über 50.000 Menschen befragt. Dabei kam heraus: 

 

Knapp 95 Prozent aller Männer haben beim Sex einen Orgasmus
- bei Frauen handelt es sich lediglich um 65 Prozent.

 

Der weibliche Orgasmus selbst kann dabei ganz vielfältig und in unterschiedlichen Formen ausgeprägt sein. Frauen erfahren den Orgasmus oft über die Stimulation der Klitoris, auch vaginal oder sogar anal. Außerdem wird zwischen wellen- und talförmigen Höhepunkten unterschieden. Einige Experten, wie beispielsweise die neuseeländische Sexologin Olivia Bryant, sprechen sogar davon, dass auch die Zervix, der Gebärmutterhals, bis zum Orgasmus stimuliert werden kann. Trotz all dieser Möglichkeiten und Forschungsergebnisse gibt es bisher wenige Studien darüber wie glücklich die Frauenwelt tatsächlich mit ihrem Sexleben ist. Auch gibt es wenig Erkenntnisse darüber, wie offen die Kommunikation über Orgasmen, sexuelle Triebe, Wünsche oder Bedfürnisse abläuft. Allein bei einer Umfrage hier in Leipzig stoße ich auf viel Verschlossenheit. Klassische Absagen wie 

 

"Nein, dafür hab' ich keine Zeit!" und "Zu diesem Thema möchte ich mich nicht äußern!" 

 

höre ich dabei von über 50 Frauen. Vor allem ältere Damen scheinen allein bei dem Wort "Sex" schnell desinteressiert zu sein. Manche schauen peinlich berührt auf den Boden, sind beschämt und nehmen schnell die Füße in die Hand. Dass Sex selbstverständlich für viele ein intimes Thema bedeutet, wird gar nicht infrage gestellt. Doch die wenigsten wollen ihre Ansichten teilen, nicht einmal anonym. Trotzdem gab es vereinzelt auch Frauen - die meisten von ihnen Studentinnen in den Zwanzigern - wollten sich sehr gerne zu ihren Einstellungen und Sichtweisen äußern. Sie haben mir erzählt, was Sex für sie bedeutet:

 

Für mich ist es eine Art der Entspannung und der Befriedigung. Es ist einfach was ganz Schönes! - Liebe. - Spaß! - Meistens eine Art des Zusammenseins mit einer Person, also intim zusammen zu sein und sich kennenzulernen. - Was sehr sehr Schönes, es macht Spaß! - Vor allem extreme körperliche Nähe.

 

Umfrage  in Leipzig

Außerdem wollte ich wissen, wie wichtig es ihnen ist, einen Orgasmus beim Sex zu bekommen. Für fast alle Befragten sei ein Orgasmus dabei nicht zwangsläufig notwendig, da er nicht allein den Wert des Geschlechtsverkehrs steigert. Sie beschreiben ihn teilweise als sogenanntes " i-Tüpfelchen" das schön ist, wenn man es genießen kann. Wichtig sei der gesamte Sex - das Drumherum - inklusive Vorspiel, Zärtlichkeiten oder auch persönlichen Interessen. Nur zwei Befragte waren der Ansicht, dass der Orgasmus ja das Ziel beim Sex sei und es schon sehr entttäuschend wäre. Diese Annahme unterstütze jedoch ein großer Teil unserer Gesellschaft, meint Sexualtherapeut Helfried Lohmann. Diese Mehrheit der Menschen sei nämlich der Auffassung, dass der Orgasmus das wichtigste Element beim Sex sei.

Ich persönlich glaube, dass es  bei den Paaren und auch in unserer Gesellschaft eine Orgasmusfixierung gibt. Wir haben so eine Leistungskultur und dann wird ständig verglichen - hat man einen Orgasmus oder hat man ihn nicht. Und das ist schlichtweg bescheuert!

Sexualtherapeut Helfried Lohmann               

Beim Geschlechtsverkehr wird der männliche Orgasmus in den meisten Fällen herbeigeführt. Dabei bestimmt dieser meist auch die zeitliche Begrenzung, da er den Sexualakt häufig beendet. Im Allgemeinen sei es für Frauen bekanntlich oft schwieriger einen Orgasmus zu bekommen. Manche von ihnen haben eine sogenannte 'Anorgasmie' – eine Orgasmusstörung, bei der sie nur selten oder sogar nie zum Höhepunkt kommen können. Damit steige für Frauen häufig auch die Hemmschwelle sich frei und ohne Scham über ihr Sexualleben zu äußern. Um sich nicht angreifbar zu machen, werde das Thema häufig fallen gelassen oder gar nicht erst angesprochen, meint Lohmann. Die Frauen meiner Umfrage suchen vor allem das Gespräch mit engen Freunden, teilweise auch sogar direkt mit ihren Sexpartnern.

Mit Familie oder flüchtligen Bekanntschaften bzw. Freunden eher weniger bis gar nicht. - Mit meinen Bettgeschichten kommuniziere ich das schon direkt und ehrlich was ich will und achte auch darauf, dass die Bedürfnisse vom Mann beachtet werden. Es findet dann meistens ein Kompromiss statt, mit dem beide sehr glücklich sind! - Mit meinem Freund spreche ich sehr offen über unsere Bedürfnisse, was wir ausprobieren wollen und was wir nicht so mögen, sodass wir beide mit der Situation okay sind. Und mit richtig engen Freunden spreche ich auch offen über solche Themen. - Eigentlich spreche ich da meistens nur mit ganz engen Freundinnen drüber. - Sex ist eigentlich nur bei ganz engen Freunden ein Thema.

Umfrage in Leipzig

Sexuelle Vorlieben und Bedürfnisse müssen demnach also nicht totgeschwiegen werden. Viele Frauen suchen das Gespräch vor allem mit engen Vertrauten, um Erfahrungen auszutauschen, sich Tipps oder Empfehlungen geben zu lassen. Helfried Lohmann berät tagtäglich Menschen aus Leipzig. Dabei versucht er ihnen ein guter Ratgeber rund um Fragen zur Sexualität und Partnerschaft zu sein. Von Lohmann wollte ich wissen, ob Sex in seinen Augen noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist.

Das glaube ich nicht! Im Gegenteil – der Orgasmus wird überbewertet und auch in den Medien sehr gehypt. Ich glaube, dass das angemessene Sprechen im Persönlichen über Erregung und über den Orgasmus schwierig ist. Das ist sensibel und das lernen wir nirgendwo. Wenn man etwas anspricht und eine Abfuhr kriegt, spricht man es lieber nicht noch einmal an. Und dann wird es zum Tabuthema. Also gesellschaftlich in den Medien wird es sehr gehypt und persönlich muss es gelernt werden.

Sexualtherapeut Helfried Lohmann

Im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Sex und auch die Kommunikation darüber schon deutlich modernisiert. Sexualberaterin Julia Sparmann sieht besonders für die Frauenwelt eine klare Veränderung. Hinter uns liege eine lange Tradition, in welcher Frauen ihre Sexualität abgesprochen wurde. Dabei ging es um eheliche Pflichten. Außerdem lag der Fokus zunächst allein auf dem Mann. Diese Entwicklung hin zur selbstbestimmen Frau sei ihrer Meinung nach ein langsamer Prozess. Viele Themen über Sex, Bedürfnisse und Befriedigung seien bereits ein Stück weit enttabuisiert. Heute liege die Verantwortung bei beiden Sexualpartnern. Jede Person und jedes Paar müsse eine eigene Sprache entwickeln und sich das individuelle Sexualleben so aneignen, dass es zur eigenen Seinsart auch passt. Diese Ansicht unterstützt auch Lohmann.

Frauen müssen sich nicht mehr alles gefallen lassen. Männer geben sich immer mehr Mühe und leben nicht mehr nur eine egoistische Form von Sexualität aus. Die Frauen in unserer Gesellschaft wissen immer mehr darum, welche Möglichkeiten des Genusses im Sex stecken und suchen auch konkret danach. 

Sexualtherapeut Helfried Lohmann

Damit einhergehend hätten sich auch die Rollenbilder der Sexpartner gewandelt. Mittlerweile könnten immer mehr Frauen Dominanz beim Sex austrahlen, Machtpositionen ausleben und weiche Rollen über Bord werfen. Männer hingegen ordnen sich vermehrt unter, zeigen Emotionen und kommunizieren auch ihre Schwächen. Beide Geschlechter, aber vor allem Frauen, sind neugieriger geworden und wollen beim Sex auch mehr ausprobieren.

Ich habe eigentlich immer Lust auf was Neues! Man muss sich nur wohl dabei fühlen, das hat auch viel mit dem Partner zu tun. - Naja geht so, ich bleib glaub ich lieber beim Standard. - Einfach mal was Neues ausprobieren, vielleicht hat der Sexpartner auch neue Ideen und dann gefällt es einem oder es gefällt einem eben nicht. Das muss man dann einfach kommunizieren! - Dabei ist es nur ganz entscheidend, zu sagen das lief gut oder das lief schlecht, hauptsache man sagt es ganz ehrlich!

      Umfrage in Leipzig

Offene Kommunikation – das ist und bleibt für viele Frauen und auch Männer der Schlüssel zu gutem Sex.

Sex und Orgasmen - der komplette Beitrag zum Nachhören von Finný Anton

Finný Anton: Spreche

O-Ton-Geber: Helfried Lohmann, Julia Sparmann, Umfrage-Teilnehmerinnen

 

 

 

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