59. DOK Leipzig

Schwimmen lernen heißt leben lernen

Die Dokumentation "Trockenschwimmen" begleitet einen Seniorenschwimmkurs und zeigt, wie es ist, im Alter noch einmal etwas zu wagen.
Trockenschwimmen
Sigrid hat einen Traum: Schwimmen lernen!

Schwimmenlernen gehört heute zum Sportunterricht in der Schule dazu. Das war aber nicht immer so. Karin, Sigrid und Manfred gehören einer Generation an, in der nicht jedes Kind das Schwimmen gelernt hat. Die Gründe dafür sind ganz verschieden. Karin hat seit einem traumatischen Erlebnis am Meer schreckliche Angst vor Wasser. Bei Manfred kam der Krieg dazwischen.

Mein Vater war damals im Krieg und er kam nach Hause auf Urlaub. Da hat mein Vater meiner Schwester das Schwimmen beigebracht. An diesem einen Tag. So Manfred, du kommst das nächste Mal dran, hat er dann gesagt. Aus dem nächsten Mal wurde aber nichts. Er musste dann wieder an die Front. Manfred Glöckner

Einen Traum für das Alter

Die Regisseurin Susanne Kim hat diesen Seniorenschwimmkurs mit der Kamera begleitet. Entstanden ist eine sensible Dokumentation, die zeigt, dass es nicht nur um das Schwimmen geht. Es geht darum, sich seinen tiefsten Ängsten zu stellen. Der Angst vor dem Wasser, aber auch vor dem Scheitern, dem Untergehen, dem Sich-hin-Geben. Der Film lässt den Zuschauer eintauchen in die Welt älterer Menschen. Er blickt tief in die Vergangenheit und lässt die Protagonisten aus ihrem Leben erzählen. Ein Leben, in dem es nicht um Selbstverwirklichung ging. Sondern darum sich unterzuordnen, zu funktionieren und seiner Rolle gerecht zu werden. Es ist ein Film über das Alt werden, über Vergänglichkeit und über Träume.

Die Träume der Jugend reichen nicht aus fürs Leben. Du brauchst auch einen Traum fürs Alter. Sigrid Fiebinger

 

Denn im Alter stellen sich erneut Fragen, für die es lange keinen Raum gab: Was will ICH eigentlich? Warum sind die eigenen Träume auf der Strecke geblieben? Und was kann ich tun, um nicht unterzugehen? Da ist die Antwort klar: Schwimmen lernen! Um sich noch einmal etwas zu beweisen, etwas zu tun, auf das man stolz sein kann. 

Unter der Oberfläche

Gelegentlich weicht der Film vom rein dokumentarischen ab. Surreale Sequenzen veranschaulichen Angstgefühle, die im Alltag unter der Oberfläche verborgen bleiben. So sieht man Karin zurückgelassen in einem leeren Schwimmbecken. Sie versucht panisch zu entkommen, ziellos läuft sie umher. Durch dunkle, gedämpfte Farben wirken die Szenen albtraumhaft. Auch diese Szenen tragen zum Tiefgang bei. Der Zuschauer tritt sehr nahe an die Protagonisten heran. Die Kamera ist überall dabei: in der Dusche, unter Wasser und abends im Hotelzimmerbett. Sie macht keinen Halt vor faltiger Haut oder tief sitzenden Ängsten. So entlockt der Film dem Zuschauer auch das ein oder andere Schmunzeln über die fast kindliche Unbeholfenheit der Teilnehmer.

Der Traum vom Schwimmen

Damit ist die Dokumentation Trockenschwimmen ein Film, der auf sehr sensible Art ein Verständnis für ältere Menschen schaffen will. Ein Verständnis für ihre Vergangenheit aber auch für ihrer Ziele und Träume, die sie immer noch haben. Zurück bleibt ein sehr lebensbejahendes Gefühl und die Erkenntnis: Alt werden ist doch gar nicht so schlimm. Man darf nur nie aufhören, Träume zu haben und an ihnen zu arbeiten.

 

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Tina Küchenmeister
01.11.2016 - 12:31
  Kultur

Mehr Infos zum Film finden sie HIER

Noch eine schöne Dokumentation zum Thema ist der Film "Herbstgold" aus dem Jahr 2010. Er erzählt die lebensbejahende Geschichte von fünf Leichtathleten, die sich auf eine Weltmeisterschaft vorbereiten. Ihre größte Herausforderung ist das Alter: Die potentiellen Weltmeister sind zwischen 80 und 100 Jahre alt.