Literaturrezension

Schweden, wo das Herz ist

Eine kleine Hütte am See, eine Angelrute und seinen Großvater – mehr braucht Daniel nicht zum glücklich sein. Die Ferien verbringt er mit seinem Großvater in Südschweden, dort lernt er von ihm das Fischen. Doch dann wird sein Großvater krank.
Raubfischen
Matthias Jüglers Debutroman "Raubfischen"

Vergangenen Sommer kippten sich unzählige Menschen Eimer mit eiskaltem Wasser über den Kopf. Die Aktion „Ice Bucket Challenge“ sollte so auf die Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) aufmerksam machen. Dass es dafür aber kein Eiswasser braucht, zeigt Matthias Jügler in seinem Debütroman „Raubfischen“. Auch er beleuchtet die Krankheit, findet dafür aber einen ganz anderen Weg: Er erzählt die Geschichte von Daniel und seinem Großvater.

'Ist Opa krank?', frage ich. Sie legt das Buch auf den Tisch, steht auf und nimmt mich in den Arm. Ich lasse diese mütterliche Umarmung gelten. Ich entziehe mich nicht. Ich bin auf den Tag genau sechzehn Jahre alt. Eine Umarmung meiner Mutter ist ungefähr das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. […] An diesem Tag beginnen wir mit den Lügen. Keine Angst. Es wird wieder gut werden.

ALS ist eine Erkrankung des Nervensystems. Nach und nach verlernt Daniels Großvater das Gehen, Sprechen, Schlucken. Die Familie steht der Diagnose hilflos gegenüber – und schweigt sie mal tot, mal verharmlost sie diese. Jügler beschreibt die emotionale Ausnahmesituation unaufgeregt und klar, wirkt dabei jedoch nie distanziert. Es tut weh, wenn er beschreibt, wie die Familie versucht an der Vergangenheit festzuhalten. Und sich schließlich mit der neuen Situation arrangieren muss.

Die Verräter sind überall. In der Wohnung, im Keller, auf der Straße. Woran sie zu erkennen sind, ist kaum festzumachen. Es dauert Wochen, Monate, bis wir ein Gefühl dafür entwickeln, was eine Gefahr in sich birgt und was nicht. Die Schuhe im Flur zum Beispiel, [...] der Reißverschluss des Rucksacks, jede der acht Stufen, die es bis zur Haustür sind. [...] Loben und bewundern wir eine der Neuanschaffungen, die Großvater mit der Zeit benötigt, nickt er höflich, anschließend schweigt er.

Jügler durchbricht die Hilflosigkeit, mit der Daniel in der Gegenwart konfrontiert ist mit Rückblenden. Da ist der Großvater, der im besten Alter mit seiner Frau eine Hütte in Schweden kauft. Und da ist die Liebe zum Angeln, die Großvater und Enkel teilen. Die Rückblenden verleihen den Figuren Tiefe: Der Leser lernt den Großvater vor seiner Erkrankung kennen, mit mehr als seinen negativen Eigenschaften. Daniel wird durch seine Kindheit und Jugend begleitet. Dabei wird deutlich, wie intensiv die Beziehung der beiden ist – und wie sehr Daniel seinem Großvater helfen möchte. Er findet schließlich einen Weg dazu. Sein Großvater kann inzwischen nicht mehr sprechen oder alleine essen. Daniel macht sich dennoch mit ihm auf zu einer letzten Reise: nach Schweden, dem Sehnsuchtsort der beiden.

Ich sitze neben Großvater. Es ist eng. Ich spüre, wie sein Oberkörper an meinem lehnt. Sein Gesicht ist eingefallen. [...] Die Weste ist inzwischen einige Nummern zu groß. Sie hängt an seinen Schultern wie ein schlaffes Segel. Kein Wind weht hier auf dem Tostaholmen. Wir treiben auf einer Laune der Natur. Hier hat nie irgendein Wind geweht. Ich erinnere mich jedenfalls nicht. [...] Ich ahne, was Großvater mir sagen möchte – die Hechte rauben wieder. Ich sehe es, reagiere aber nicht. Das ist unser Ritual: Großvater liest die Zeichen der Natur, ich lese Großvater. So haben wir es gemacht, als ich noch klein war. So machen wir es jetzt.

Matthias Jüglers Sprache ist klar, verständlich, fast nüchtern – das tut „Raubfischen“ unendlich gut. Zu leicht kann ein Buch über den Abschied von einem geliebten Menschen kitschig werden. Aber „Raubfischen“ ist ohnehin mehr als eine Familiengeschichte: Es ist Roadtrip, Coming of Age Roman und eine Liebeserklärung ans Fischen. Das ist ziemlich viel, vielleicht zu viel. Die Beziehung von Daniel zu seinem Großvater rückt oft in den Hintergrund. „Raubfischen“ wirkt dadurch manchmal ziellos. Dennoch ist es ein liebevoll geschriebenes Buch, das lesenswert ist.

Eine Literaturrezension von Ulrike Biella
 
 

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Ulrike Biella
22.04.2015 - 14:42
  Kultur

Matthias Jügler wurde 1984 in Halle/Saale geboren. Er studierte Germanistik, Skandinavistik und Kunstgeschichte in Halle, Greifswald, Oslo und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Jügler wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Aufenthaltsstipendium des literarischen Colloquiums Berlin. Raubfischen ist sein Debütroman.