Interview: Kaśka Bryla

Schreiben als Aufzeigen des Möglichen

Die Autorin Kaśka Bryla im Gespräch über ihren Debütroman "Roter Affe", die Herausforderungen der Literaturvermittlung, literarische Lektorate und Konkrete Poesie als Werkzeug mehrsprachigen Erzählens.
Kaska Bryla
Die Leipziger Autorin Káska Bryla im Interview bei mephisto 97.6.

Das Interview zum Nachhören:

Kaśka Bryla im Gespräch mit Moritz Schlenstedt

Als wir oben auf dem Fockeberg ankommen, wo wir unser Gespräch führen wollen, merke ich schon, dass ich wohl nicht alle Fragen stellen kann, die sich bei der Beschäftigung mit Kaśka Brylas Arbeit auftun - so vielfältig sind ihre Herangehensweisen und Perspektiven auf das Thema Sprache. Die weiten Strecken ihres Aufwachsens zwischen Wien und Warschau scheinen sich auf Denkbewegungen übertragen zu haben, denn nach ihrem Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) beschäftigte sie sich nicht nur mit ihrem eigenen Schreiben, sondern auch beeindruckend viel mit Texten anderer Menschen. 

Noch am Institut ruft sie die Zeitschrift PS-Politisch Schreiben/Anmerkungen zum Literaturbetrieb ins Leben und betreut u.a diese noch heute als Redakteurin, moderiert Lesungen, führt Regie bei der Inszenierung szenischer Texte, gründet ein Lektoratskollektiv mit Carolin Krahl für "Literarische Lektorate" und arbeitet als Literaturvermittlerin mit Menschen mit Migrationshintergrund und Inhaftierter der JVA Leipzig. 

Über ihren Debütroman

Es sind auch die Wechselwirkungen dieser Beschäftigung mit ihrem eigenen Schreiben, die "Roter Affe" zu einem besonderen zeitgenössischen Roman machen, in Form wie Inhalt. 

Kaśka Bryla erzählt souverän, in Kapiteln die uns in gut geschnittenen Bildern und Szenen und einem, an machen Stellen fast lakonischen, personalen Erzähler durch eine spannungsreiche Geschichte führen. 

Wir begleiten die Gefängnispsychologin Mania auf der Suche nach ihrem Kindheitsfreund Tomek, der plötzlich aus Wien verschwindet. Seine zurückgelassenen Notizen kommen sind in den Roman eingebettet und lassen sie uns gleichzeitig mit Mania entdecken und werden dadurch als Leserin an der Suche beteiligt. Immer mehr stellt sich dabei die Frage, ob er überhaupt gefunden werden möchte und in welchem Zusammenhang all das zum Verurteilten Möder Roland K. steht. 

Kaśka Bryla weiß große Themen auf kleinem Raum zu verhandeln, ohne die Geschichte zu überfrachten. So kommt diese vielschichtige Liebesgeschichte nicht ohne Diskurse aus, die sich in der Gegenwart und damit auch in der Erzählzeit des Romans finden, diese aber auch wiederum nicht ohne Übersetzung in die komplexe Figurenentwicklung dieser Road Novel.

Luxus der Unklarheit

Im Gespräch verhandelten wir, wie ihr eine sensible Annäherung an ihre Charaktere gelingt, wie ihre Arbeit in der Literaturvermittlung, auch über Sprachbarrieren hinweg funktioniert und über Schreiben als Aufzeigen des gesellschaftlich Möglichen. Das öffnet Raum für viele grundsätzliche und aktuelle Fragen zu Erzählberkeit und Aneignung, einer der Kernpunkt dabei ist die Haltung des Schreibenden, wozu Kaśka Bryla abschließend feststellt: 

Keine Klarheit [über seine Haltung] zu habe, ist ein Luxus, den sich nur wenige überhaupt leisten können.

Kaśka Bryla

 

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Kaśka Bryla
in Wien geboren, zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor_innennetzwerk PS-Politisch Schreiben mitbegründete. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge, erhielt 2013 das STARTStipendium, 2018 den Exil Preis für Prosa. Seit 2016 gibt sie Kurse zu Kreativem Schreiben in Gefängnissen und für Menschen mit Migrationshintergrund. 2019 inszenierte sie in Leipzig die Reihe Szenogramme. „Roter Affe“ (2020) ist ihr erster Roman.

Ihre Webseite: www.kaskabryla.com