CD der Woche

Schonungslos melancholisch

Dass Emotionen unglaubliche Kraft haben, hat jeder irgendwann mal selber gefühlt. Sich durch melancholische Songs träumen passiert auch oft. Doch die Songs von "Daughter" treffen einen wie eine Welle aus dunklem, stillen Wasser und reißen einen mit.
Daughter: das ist viel Gefühl im Gesang von Elena Tora, getragen von Igor Haefeli's Gitarrentönen und Remi Aguilella's Beats.

Drei junge Londoner Musikstudenten, von denen niemand annahm, dass sie über den Newcomer-Status hinauskommen. Ihre Songs handeln von gescheiterten Beziehungen, Vermissen und von Einsamkeit. Klingt erstmal nicht nach etwas Besonderem. Doch Daughter haben sich ihre eigene Nische gebaut, aus einer verletzlichen Stimme, klaren Gitarrenmelodien und tragenden, tiefen Basedrum-Einheiten.

Schon das Debütalbum "If you Leave" verursachte beim Hören einen Kloß im Hals, der nunmal leicht entsteht, wenn man mit derartigen Emotionen konfrontiert wird. Früher wurde das Trio irgendwo im Indie-Folk verortet. Zwar ging Daughter 2013 irgendwie als junge Newcomer-Band in der Musikszene unter, trotzdem bauten sie sich schon 2011, nach ihren ersten EPs "His Young Heart" und wenig später "The Wild Youth" zumindest in Großbritannien eine breite Fanbase auf. 

Mit ihrem neuen Album "Not to Disappear" sind sie schon längst nicht mehr nur Geheimtipp in der Szene eingefleischter Indie-Melancholiker.

Our minds are troubled by the emptiness

Atmosphärisch, schwermütig, meditativ. So fühlen sich Daughter-Songs an. Spätestens nach "Youth", der 2013 erschienenen Single, die von der Existenzangst einer verlorenem Jugend auf der Suche nach sich selbst erzählt, kann man sich mit der Musik besonders gut identifizieren, wenn man einen Hang zum Nachdenklich-Traurigen hat.

'Cause most of our feelings, they are dead and they are gone.
We're setting fire to our insides for fun.

"Youth"

Sängerin Elena Tora singt bevorzugt über negative Gefühle, beschreibt Verzweiflung und Traurigkeit, was in schmerzhaft guter Harmonie steht zu ihrer zwar sanften aber sehr kraftvollen Stimme. Man spürt die Verletzlichkeit, die dahinter steht und obwohl sie zeitweise sehr nachdrücklich singt, ist der Gesang nicht präsent genug um einen nicht abschweifen zu lassen. Man kann Trauer, Existenzangst und das Gefühl von Tränen in den Augen intensiv nachfühlen.

Daughter - Youth

Getragen wird der Gesang von Gitarrenmelodien, für die neben Sängerin Elena Tora auch Gitarrist Igor Haefeli zuständig ist. Die Riffs und klaren Töne erinnern an Sterne, die am Himmel in einer kalten Winternacht weiß glitzern, oder an eisige Tropfen auf der Haut. Das musikalische Fundament wird vervollständigt durch die Bässe und Rhythmen von Schlagzeuger Remi Aguilella, die in ihrer Tiefe und Konstanz an Herzschläge erinnern - die ab und zu aussetzen, was die Inhalte der Texte nur noch mehr unterstreicht. Nicht nur die Texte, auch die Musik an sich ist Poesie, jedes Wort und jeden Ton nimmt man den Musikern sofort ab, denn die Intimität wirkt ganz und gar nicht künstlich.

Emotionen auszudrücken ist eine Stärke

Dem neuen Album hört man das Herzblut und die Leidenschaft, welche die drei investiert haben, sofort an. "Not To Disappear" ist hochemotional.

Angekündigt wurde das Album mit Musikvideos in Form von Kurzfilmen gedreht, in Zusammenarbeit mit Iain Forsyth und Jane Pollard. So beispielsweise das Video zu "Doing The Right Thing" - der Song, mit dem Sängerin Elena Tora die Demenz ihrer Großmutter verarbeitet. Oder der Single "Numbers", in dem es um Gefühllosigkeit und Einsamkeit geht.

Daughter - Numbers

Dreampop ist wohl eine passende Bezeichnung für Daughters Musik. Es ist fast Geborgenheit, die man in den nun viel elektronischeren Sounds findet. Denn das ist neu: Die Band experimentiert im Bereich des verträumten, schwermütigen Electrogenres, dem man auch The XX zuordnen kann. Die Instrumentalisierung ist elektronischer, und die Melodien sind dichter. Kein jugendlicher Indie-Folk mehr, sondern ausgewachsene Melancholie in den Texten gegenüber atmendem Electro-Indie.

Auch gibt es epischere Momente, größere Gefühlsausbrüche in gewisser Weise. Schonungsloser thematisiert Elena Tora die Inhalte, weniger Poesie, hinter der man sich verstecken kann. Mehr denn je wird die Musik zum Spiegel ihrer Seele.

Expressing your emotions isn't a weakness but a real strenght. I think with this album, there's less hiding. I used to hide a lot of my themes in poetry, but now, there's no veil.

sagt Sängerin Elena Tora über "Not to Disappear". Und sie hat Recht: Gefühle auszudrücken ist keine Schwäche, sondern eine Stärke, und Emotionen haben eine enorme Kraft, die auf dem aktuellen Album sogar noch mehr zu spüren ist als auf dem Debütalbum.

Zum Teil ist die Musik überraschend laut und intensiv, an anderer Stelle zart und leise, ebenso wie die Gefühle, die sie ja ausdrückt. Akzente sind nach wie vor eindrucksvoll gesetzt, vor dem inneren Auge sieht man tränenreiche Abschiedsszenen, Regentropfen, die eine Scheibe hinunter rinnen und Glitzersterne, die in die Luft geworfen werden.

Intensivere Klänge

Sounds und Klänge werden im neuen Album viel mehr übereinander gelagert. Die Ambivalenz zwischen hoffnungsvoll und melancholisch ist vielschichtig, nicht nur mit den Inhalten der Texte sondern auch der musikalischen Arbeit.

To me, music is like a fragile Jenga

beschreibt Gitarrist Igor Haefeli die neuen Klänge. Nehme man ein Teil heraus, müsse man auch ein anderes entfernen, u die Balance wiederherzustellen - ähnlich wie bei einem Jenga-Turm. Er erzählt, für Sängerin Elena Tora zähle oft der Moment, diesen wolle sie einfangen.

Und so trifft das Ausbalancieren der Klänge auf den rohen Moment der Emotion, was eine spannende Mischung ergibt.

Und man wird auch überrascht: Döst man beim Hören des Albums weg, rütteln einen die schnellen Drums und das nun doch flotte Gitarrenriff zu Beginn des Songs "No Care" wieder auf, man landet hart auf dem Boden der Realität: und trotz der scheinbar eher Daughter-untypischen musikalischen Mittel fügt sich auch das wunderbar ins Gesamtkonzept ein. Denn im Endeffekt sind die Themen, die Elena Tora besingt, harte Realität. Und besonders dieser Song verdeutlicht auch die Experimentierfreude der Band: nichts ist mehr da von der verträumt-traurigen Art. Plötzlich werden die Rhythmen schnell, der Gesang hart, und von Verzweiflung ist nichts zu spüren. Vielmehr eine Kraft, die daraus entsteht, dass man sich seiner eigenen Fehler bewusst wird.

Oh, I'm too drunk to fight, hurlings curses at your surface
Because I'm aware, because it hurts that I'm in love again

"No Care"

Genauso wirkt "Fossa", in dem sich stille, nur von Gesang gezeichnete Stellen mit kratzigen, Drum-lastigen Phasen abwechseln, eingeleitet durch fast erlösende Schlagzeugrhythmen.

Mit Einflüssen aus Shoegaze, Dreampop und Post-Rock ist "Not To Disappear" kraftvoll, treibend - das hat auf dem Debütalbum gefehlt. Die neuen Songs plätschern weniger vor sich hin, sind intensiver durch Zeitlupen- und Leerstellentechniken, die durch Laut-Leise-Unterschiede noch betont werden. 

Der Abschluss des Albums durch "Made of Stone" ist etwas lasch, der Song bleibt nicht im Gedächtnis. Was vielleicht auch ganz gut ist, gewissermaßen erlöst er aus der "Traumwelt", wie ein letzter Blick zurück bei einem schmerzvollen Abschied.

Fazit

Auf der Suche nach neuen Klängen scheinen Musiker sich manchmal zu verlaufen. Der Klangteppich wird zu breit und erinnerungswürdige Passagen gehen unter, durch die allzu große Ähnlichkeit der einzelnen Titel in Gesang, Tempo und Instrumentals. Man könnte das Album als "Einheitsbrei" bezeichnen, läge nicht das Augenmerk auf den Inhalten. Und wenn man sich hineinträumt macht das Album als Gesamtwerk sehr viel Sinn, weniger als Konzeptalbum, vielmehr als Nebel, in dem man versinkt, und am Ende wieder auftaucht.

Und man spürt, was Daughter schon in ihrem ersten Album im Song "Human" besangen: Underneath this skin there's a human. Man fühlt sich selbst, mit allen Schwächen, Sorgen, Ängsten - und man fühlt sich damit nicht mehr ganz so allein.

 

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Paula Kittelmann
18.01.2016 - 10:06
  Kultur

Daughter: Not To Disappear

Tracklist:

1. New Ways *
2. Numbers*
3. Doing the Right Thing*
4. How
5. Mothers*
6. Alone / With You
7. No Care
8. To Belong*
9. Fossa
10. Made of Stone

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 15.01.2016
4AD

Daughter im Web 2.0.: 

Ähnlich verträumt und mystisch wie die Songs präsentiert sich die Website der Londoner Musiker: Mit jedem Klick switcht man durch eine Slideshow aus Fotos "hinter den Kulissen", der Weg zu den eigentlichen Inhalten ist versteckt hinter einem unscheinbare Block aus drei Strichen. Schlicht und etwas düster, man kann sich leicht zwischen Videos, Tourdaten und Releases verlieren. 

Scheint irgendwie Garantie zu sein, wenn man sich mit Daughter auseinandersetzt.