Musik-Highlights: KW 43

Sanfter Herbstblues

Draußen regnet es und der Herbst ist jetzt wirklich bei allen angekommen. Es ist also Zeit, sich mit einem Kakao und Kuschelsocken die Musikhighlights der Woche durchzulesen!
KW 43
Die Musikhighlights der Woche

Unser Album der Woche kommt von Helena Deland und trägt den Titel "Someone New". Eine ausführliche Rezension findet ihr hier.

Plants and Animals - “The Jungle”

Album-VÖ: 23.10.2020

Schon mit dem Eröffnungs- und Titeltrack ihres neues Albums machen Plants and Animals klar, wohin die Reise geht. Denn “The Jungle” wird vorangetrieben von einer starken Bassline, hypnotischen Drums und verträumten Gesang. Die Indierocker aus Montreal nehmen sich Zeit, ihren Sound voll zu entfalten und laden damit zum gedanklichen Abdriften ein. All die oben genannten Elemente finden sich auf dem Rest des Albums wieder. “House on Fire” und “Sacrifice” bestechen durch die Drums, die an Trommeln indigener Stämme erinnern, während “Get My Mind” musikalisch voll ausgekostet wird. Und “Le Queens”, der einzige französisch-sprachige Track, auf dem Gastsängerin Adéle Trottier-Rivard zu hören ist, ist so wunderbar dahingehaucht, dass man gar nicht anders kann, als die Augen zu schließen und sich ein bisschen zu entspannen. Obwohl die Platte aus nur 8 Songs besteht und damit etwas über eine halbe Stunde lang ist, fühlt sie sich länger an – im positiven Sinne.
Thematisch ist dann der titelgebende Dschungel zu finden. Denn Plants and Animals arbeiten sich durch persönliche Themen wie die Climate Anxiety ihrer Kinder und den Tod von Elternteilen. Gleichzeitig können diese persönlichen Tracks aber auch auf größere Themen projiziert werden. Wie zum Beispiel “Your House is on Fire”, den die Band schrieb, nachdem ein Freund zu viele Drogen nahm und vergaß, seinen Herd auszuschalten. Der Song entstand, bevor Greta Thunberg “Your House is on Fire” als Metapher für den Klimawandel nutzte. Und trotzdem passt der Song thematisch auch in diese Ecke. 

 

Alles in allem haben Plants and Animals mit “The Jungle” ein Album abgeliefert, dass sowohl zum Nachdenken als auch zum Entspannen inspiriert und musikalisch verträumt ist, aber auch eben auch belebend.

 

Charlotte Peters

Loma – Don’t Shy Away

Album-VÖ: 23.10.2020

Vielleicht muss man den Titel des neuen Albums von Loma als selbstbekräftigenden Aufruf an die Band selbst verstehen. Mit „scheu“ ist der Klang des Trios auf ihrem zweiten Album nämlich ganz gut beschrieben. Auch wenn sich einzelne Instrumente mal mächtig aufbäumen, wie bspw. die Bläser im Song „Ocotillo“, wirken die Melodien dabei stets zart bis fragil, wozu auch die hauchende Stimme von Sängerin Emily Cross einen großen Beitrag leistet. Einen Loma-Song zu hören wirkt wie ein einsamer Spaziergang durch die wilde Natur. 

Solche extrem bildlich wirkenden Naturklangwelten erzeugte Songschreiber Jonathan Meiburg schon mit seiner Hauptband Shearwater. Bei diesen stand Meiburg jedoch noch selbst am Mikrofon und ließ die Songs dank seiner Stimme um einiges kraftvoller wirken. Mit Loma erfüllte er sich den Wunsch – da ist wieder die Scheue – musikalisch einen Schritt weg aus dem Rampenlicht machen zu können. Die Zusammenarbeit mit Cross und ihrem Partner Dan Duszynski, die zuvor gemeinsam als Cross Record unterwegs waren, erweist sich als äußerst fruchtvoll. Während sich alle Bandmitglieder an verschiedensten Experimenten in unterschiedlicher Rollenverteilung austoben können, hält vor allem die Sängerin das Werk zusammen. So erweitert „Don’t Shy Away“ das ohnehin starke Oeuvre von Meiburg, dessen Kompositionen in jeder Formation starken Wiedererkennungswert besitzen, um neue, zärtlichere Facetten.

Martin Pfingstl

Adrianne Lenker – „songs+instrumentals“

Album-VÖ: 23.10.2020

Wie klingt eigentlich der Innenraum einer Gitarre? Seit heute gibt es die Antwort auf diese Frage und sie lautet: So wie das neue Album von Adrianne Lenker. Mit ihrer Band Big Thief und deren beiden Alben „U.F.O.F.“ und „Two Hands“ ist sie seit letztem Jahr eine der vielversprechendsten Talente im Folk Rock. Lenkers neues Soloalbum heißt „songs + instrumentals“ und damit bekommt man genau das was draufsteht. Die ersten 11 Lieder sind wunderschöne, introvertierte Gitarrenstücke über Herzschmerz, Leid und ein wenig Hoffnung. Vor allem „ingydar“, „anything“ und „zombie girl“ stechen dabei heraus. 

"His eyes are blueberries, video screens
Minneapolis schemes and the dried flowers
From books half read
The juice of dark cherries cover his chin
The dog walks in and the crow lies in his
Jaw like lead"

Song: „Ingydar“ 

Die letzten beiden Songs, „mostly chimes“ und „music for indigo“, sind lange Instrumentals, die zwischen den Aufnahmen für die restlichen Lieder entstanden sind.
Jeder Song auf „songs + instrumentals“ wurde innerhalb weniger Wochen in einer einsamen Hütte in den Bergen von Massachusetts geschrieben und aufgenommen, nachdem die Big Thief Tour Anfang des Jahres abgebrochen werden musste. Nur mit dem notwendigsten und ohne technisches Schnick Schnack wurden die Lieder dann komplett analog eingespielt. Die Einsamkeit und Rohheit hört man Adrianne Lenkers neuem Album an und ein bisschen so, muss auch das Innere einer Gitarre klingen.

Marie Jainta

HeXer – Reset

Single-VÖ: 23.10.2020

Es gibt wieder neues aus der Leipziger Rapszene. Der 20-jährige Rapper HeXer bringt unsere Stadt wieder auf die Karte!

Mit seiner neuen Single „Reset“ bringt der junge Rapper schon einmal einen Vorboten auf seine nächste EP, die letzte der Triologie. Und das obwohl seine „Reimketten EP“ erst zwei Monate her ist. Man merkt, in HeXer steckt jede Menge Energie. Auf seinem neuen Track hat er sich Unterstützung aus Leipzig geholt, denn als Feature Gast ist der Rapper CPG dabei, der schon auf seiner ersten EP vertreten war.

Thematisch bewegt sich „Reset“ im klassischen Deutschrap-Rahmen. So erzählt uns HeXer eben, wieso er so gut rappen kann und dass er den ein oder anderen Joint raucht. Interessanter ist die Hook, in der er sich auf die aktuelle Corona-Situation bezieht und fragt:

„Ist das hier die Endzeit oder nur ein Reset? Keine Ahnung.“

Song: Reset

Der Nachwuchsrapper feilt auf jeden Fall immer weiter an seinem Flow, denn dieser wird von Release zu Release besser. Auch wenn die gesungenen Hooks vermutlich Geschmackssache sind.

Klar, HeXer erfindet Deutschrap nicht neu und vor allem textlich ist bei dem Leipziger noch ein wenig Luft nach oben. Doch er ist definitiv auf einem guten Weg und wir sind weiterhin gespannt, was da noch auf uns zu kommt.

Emma Dressel

Mirrors – Rejjie Snow, Snoh Aalegra & Cam O´bi

Single-VÖ: 14.10.2020

Vogelzwitschern, eine catchy Hook und ein Blick in den Spiegel – mit Mirrors erscheint Rejjie Snows zweite Single in diesem Jahr. Der ersten Single dieses Jahrs „Cookie Chips“ war nach zweijähriger Pause seit dem Erscheinen seines Debütalbums „Dear Annie“ ein erstes Lebenszeichen. Für den neuen Song holt er sich erneut Unterstützung von Cam O´bi, sowie von Snoh Aalegra. Snows Musik lässt sich nicht in einem Genre definieren. Der Track bewegt sich zwischen RnB-Vibes von Snoh Aalegra und unterschwelligen, aber vollen Bässen in der Hook, die für einen hörbaren Hiphop-Schlag sorgen. Insgesamt ist der Beat etwas schneller als man es von Snow vielleicht gewöhnt ist, doch etwas Uptempo steht ihm gut.

Um was es geht, ist nicht leicht zu sagen. Gesprächsfetzen am Rande lassen vermuten, dass sich jemand an Rejjie Snows Fenster bemerkbar macht.

“here's somethin' knockin' loud on my window
[. . .]
But mirrors all I see
Who could that be at my window?
[. . .]
Sayin' all I see is me”

Song: Mirrors

Doch diesen jemand* kann er nicht sehen, denn er sieht nur sich. Vielleicht versteckt sich hier ein Hinweis darauf, wieso wir die letzten zwei Jahre nichts von ihm gehört haben. War er mit sich selbst beschäftigt? Gewisse Ängste vielleicht zu scheitern, lassen sich jedenfalls durch Lines wie “Tryna get a grip, I don't wanna fall down” erkennen.
Aber ihm scheinen auch andere Dinge durch den Kopf zu gehen:

“You know I can't cut my dreads
You got me missin' my ex
[. . .]
I took a trip to your home
I heard the stereotypin', I quit”

Diese Lines klingen, als habe er seine Erfahrungen mit Diskriminierung durch den Bekanntenkreis eine:r Partner:in auf Grund seines Äußeren gemacht.

Der Gesamteindruck der neuen Single kann einem, auch durch Lines wie „Drown like a fish in the sink“, Flower Boy Vibes geben. Mit dieser zweiten Neuerscheinung scheint sich jedenfalls ein neues Projekt von Snow anzubahnen. Man*Frau will gespannt sein! 

Luis Weidler

 

 

 

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23.10.2020 - 15:55
  Kultur

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Plants and Animals - "The Jungle"

Loma - "Don't Shy Away"

Adrianne Lenker - "Songs + Instrumentals"

HeXer - "Reset"

Rejjie Snow - "Mirrors"