Stadt teilen: Stötteritz

"Russenspiel" im Südoststadion

Im Juli 1927 kamen zehntausende Zuschauer zum Länderspiel ins Stötteritzer Südoststadion: deutsche Arbeiterauswahl gegen die Sowjetunion. Heute erinnert ein kleines Denkmal an die Begegnung und an einen Sportverband, den es gar nicht mehr gibt.

 

Im Südoststadion spielt der SVV Stötteritz mit seiner Herrenmannschaft demnächst in der Stadtklasse Leipzigs. Vor fast hundert Jahren spielte man am selben Ort noch in den höchsten Spielklassen um nationale Titel. Die tradtionsreiche Spielstätte befindet sich am Ende der Oststraße gleich neben Freibad Südost.

Auf dem Gelände befinden sich Trainings- und Spielstätten, sowie die Gaststätte des Vereins. Wenn man sich ein wenig umschaut entdeckt man schnell ein kleines Denkmal. Es bezeugt ein Spiel zwischen der Arbeiterauswahl Deutschlands und einer Mannschaft der Sowjetunion im Jahr 1927. Die Begegnung ging als "Russenspiel" in die Geschichte ein.

Zeitreise mit Twitter

Das Spiel gegen die Sowjetunion endete damals übrigens mit einem 2:8 für die Gäste. Zehn Toren in einer Partie sprechen nicht nur für ein bewegtes Spiel, sondern auch für eine intensive Berichterstattung. Wie die in Zeiten von Twitter und Co. ausgesehen haben könnte, haben wir auf der linken Seite illustriert. Im Netzjargon der 20er versteht sich.

Arbeiterauswahl?

Der Begriff Arbeiterauswahl wird den Wenigsten etwas sagen. Die Arbeiterauswahl war keine Mannschaft des Deutschen Fußballbundes, der um 1900 in Leipzig gegründet worden war. Die Mannschaft war eine nationale Auswahl des Arbeiter- Turn- und Sportbundes. Der ATSB umfasste als Sportverband deutschlandweit Vereine verschiedenster Disziplinen des Arbeitersports. Er hatte auch eine Fußballabteilung. Im Gegensatz dazu verstand sich der DFB als reiner Fußballverband, bürgerlich noch dazu. Leipziger Klubs waren aber in beiden Verbänden zu finden. Der VfB Leipzig wurde 1903 sogar erster deutscher Fußballmeister des DFB.

Zur Zeit des "Russenspiels" war Leipzig eine Hochburg des Arbeiterfußballs. Ab Anfang der 20er wurden Spiele der höchsten Spielklasse des ATSB im Südoststadion ausgetragen. Und das vor mehreren zehntausend Zuschauern. Der VfL Südost, der sich heute SSV Stötteritz nennt, wurde dort ab 1921 dreimal in Folge Bundesmeister. 

Länderspiele in Stötteritz

Nach dem Spiel gegen die Sowjetunion fanden bis 1932 noch drei weitere Länderspiele gegen England, Polen und Finnland in der Spielstätte an der Oststraße statt. Dabei waren in der Ländermannschaft des ATSB ab 1925 durchgehend Spieler aus Stötteritz vertreten. 

Im Nationalsozialismus wurde der ATSB aufgelöst und enteignet. In diesem Zusammenhang löste sich sich auch der VfL Südost auf, bevor er 1945 als SG Stötteritz neu gegründet wurde. 

Im geteilten Deutschland wurde der ATSB nicht neu aufgebaut und besteht heute nicht mehr. Das kleine Denkmal im Stötteritzer Südoststadion erinnert aber an den traditionsreichen Leipziger Arbeiterfußball.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Leonard Müller, Moritz Wetter
15.10.2015 - 13:05
  Sport

Weitere Informationen:

Frommhagen, Rolf: Die andere Fußball-Nationalmannschaft: Bundesauswahl der deutschen Arbeitersportler 1924-1932. Göttingen: Verlag die Werkstatt, 2011

Fuge, Jens: Ein Jahrhundert Leipziger Fußball: Die Jahre 1883-1945. Leipzig: Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 1996