Kinostart

Rosinen, Fair-Trade, Wellentanz

Was passiert, wenn eine Gruppe von erwachsenen Hipstern plötzlich Verantwortung übernehmen muss? Marie Kreutzer gibt ab heute in ihrem neuen Film "Was hat uns bloß so ruiniert?" die Antwort.
"Bobo"-Versammlung in der Kindergruppe
"Bobo"-Versammlung in der Kindergruppe

Drei Paare, Mitte 30. Sie verkörpern sämtliche Klischees der sogenannten bourgeoisen Bohème. Zwischen Apple-Produkten, selbst gezüchtetem Gemüse und lokal geröstetem Kaffee zählt vor allem eins: ja nicht spießig werden. Doch das Leben der sechs "Bobos" wird komplett auf den Kopf gestellt, als Stella (Vicky Krieps) und Markus (Marcel Mohab) beim Abendessen verkünden, dass sie ein Kind bekommen. Die anderen überlegen, sofort mit den werdenden Eltern mitzuziehen. Doch schon bald fühlen sich alle Beteiligten restlos von der Situation überfordert. Wie verändern sich bisher gepflegte Werte, wenn man plötzlich erwachsen werden muss? Wie wirkt sich das Elternsein auf die Freundschaft aus? Wie wird man endlich glücklich? Und wie macht man aus sich die perfekte Familie?

Wenn Erwachsene erwachsen werden...

Der Titel des Films stammt aus einem Lied der deutschen Band „Die Sterne“, das laut der Regisseurin zur Hymne ihrer Generation wurde. Der Film selbst überzeugt durch ein sehr natürliches Schauspiel des gesamten Ensembles. Leider ist das der einzig wirklich positive Punkt. Denn was nützen überzeugende Schauspieler, wenn das Drehbuch versagt? Ein Spannungsbogen ist in der Tragikomödie gar nicht vorhanden. Generell wird man den Eindruck nicht los, dass die Regisseurin keine Geschichte im klassischen Sinne erzählen, sondern vielmehr ein Lebensgefühl der Mittdreißiger darstellen wollte. Alle Zuschauer, die nicht zu dieser Generation gehören, dürfte das gezeigte Szenario völlig kalt lassen. Jedoch wird sich vermutlich selbst besagte Zielgruppe öfter fragen, ob die gezeigten Szenen wirklich als allgemeingültiges Generationenporträt funktionieren. Kreutzers Charaktere handeln zum Teil nämlich extrem unglaubwürdig, vor allem wenn es um den Umgang mit ihren Kindern in der Öffentlichkeit geht. Dabei funktioniert weder der dramatische noch der verkrampft lustige Teil des Films.

"Fühlt sich eine Geburt wirklich so an, als würde man einen Ziegelstein kacken?"

Die Regisseurin zeigt auf der einen Seite bewusst skurrile Situationen, wenn die Eltern in der „Kindergrupp Kartoffelsupp“ über die Schädlichkeit von Rosinen im Kindermüsli diskutieren oder im Geburtsvorbereitungskurs den „Wellentanz“ trainieren. Doch bei all diesen überzeichnet wirkenden Szenen sind die Probleme der Charaktere absolut belanglos bis kaum nachvollziehbar. Was hat uns bloß so ruiniert? ignoriert völlig deren soziales Umfeld. Dass die sechs „Bobos“ anscheinend komplett in ihrer eigenen, seltsamen Welt zu leben scheinen, wird kaum hinterfragt. So kann man am Ende weder über die Figuren lachen noch sind sie ernst zu nehmende Charaktere. Sie sind einfach unnahbar. Wenig Sinn ergibt außerdem der Rahmen der Geschichte. Stella ist nämlich Filmstudentin und möchte das Leben ihres Freundeskreises filmisch dokumentieren. Egal wie sehr sich die Gruppe durch diverse Konflikte voneinander entfernt, findet sich jeder immer wieder vor ihrer Kamera ein, um in pseudo-kunstvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen bedeutungsschwangere Sätze über sein schweres Dasein zu verlieren. 

Fazit

Was hat uns bloß so ruiniert? hätte viel Potenzial für eine bissige Gesellschaftssatire über ein angeblich so stark verbreitetes Phänomen gehabt. Doch der Film verliert sich schon nach kurzer Zeit in völlig unlustigem Humor und aufgesetzter, belangloser Dramatik. Als Fernsehfilm würde er vielleicht seine Zielgruppe finden, vom Gang ins Kino kann man aber nur dringend abraten.   

 

 

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Janick Nolting
09.02.2017 - 18:12
  Kultur