DOK 2020

RIFT FINFINNEE

Mit ausdrucksstarken Bildern und einer distanzierten Erzählweise gibt der Dokumentarfilm "Rift Finfinnee" einen langsamen und atmosphärischen Einblick in Prozesse der rasanten Urbanisierung rund um die äthiopische Hauptstadt Adis Abeba.
Dokumentarfilm "Rift Finfinnee"

Wir tendieren ja gerne dazu, die Probleme einer bestimmten Region als dort inhärent zu betrachten. Bestimmte Prozesse sind nur aufgrund der besonderen Dynamiken in Geografie, Historie, Politik, Kultur möglich. Mit Rift Finfinnee schafft es der deutsche Filmemacher Daniel Kötter diesem Denken entgegenzuwirken, westliche und nicht-westliche Welt zu verbinden, gemeinsame Problematiken aufzuzeigen. Der Film wurde zwar ausschließlich in Äthiopien gedreht, zeigt aber ebenso Defizite in Deutschland, den USA, Indien und vielen weiteren Länder.

Äthiopien im Wandel der Turbo-Urbanisierung

„Wie lange brauchst du zur Schule?“ – „2 Stunden“ – „Würdest du lieber in der Stadt wohnen?“ – „Nein, lieber auf dem Dorf“.

Mit dieser Konversation zwischen einem älteren Mann und einem kleinen Jungen beginnt der Film Rift Finfinnee. Zu dem Zeitpunkt sehen wir als Zuschauer*innen lediglich ein breites Tal, von Stadtleben keine Spur. Doch im Verlauf des Films entfaltet diese Anfangsfrage noch eine besondere Bedeutung. Nachdem die ersten Minuten langsamen Kameraschwenks der ländlichen Umgebung gehören, wird darauffolgend vor allem die Stadt Adis Abeba gezeigt.

Dabei begleitet man nicht etwa Charakter*innen in ihrem Alltag, man sieht vor allem eins: Steine. Der Film zeigt verschiedene Bauarbeiten, begonnene Konstruktionen, Verarbeitung von Beton. Es werden immer wieder zahlreiche schuftende Männer gezeigt, ohne dass ihnen aber ein Gesicht gegeben wird oder ihnen als Individuen Eigenschaften zugeschrieben werden können. Die Personen, die zu Wort kommen, werden nie gezeigt, zumindest nicht von vorne. Der Film folgt dabei keiner konventionellen Dramaturgie, sondern versucht lediglich eine Momentaufnahme der Realität in und um Adis Abeba zu sein.

Langsame Erzählung großer gesellschaftlicher Fragen

In einer sehr langsamen, auf Bilder konzentrierten Erzählweise werden die Gegensätze zwischen Dorfleben und Stadtleben gezeigt und die fortschreitenden Arbeiten an Gebäuden, die bei den Zuschauenden irgendwann die Frage auslöst: Was ist eigentlich so toll an diesem ‚modernen‘ Stadtleben? Rift Finfinnee zeigt die Entfremdung seiner Menschen nicht nur von ihrer Arbeit, sondern vor allem von der Expansion der eigenen Stadt. Es kommen Menschen zu Wort, die Urbanisierung und Modernisierung nicht erstmal als etwas positives sehen, sondern sich den Prozessen zum Teil hilflos und willenlos gegenübersehen. Denn die Entscheidungen für die zahlreichen Bauvorhaben werden zumeist woanders getroffen: in den noblen Häusern der Investor*innen.

Ist Leben in der Stadt immer erstrebenswerter als auf dem Land? Was hat die Modernisierung mit uns gemacht und wem nutzt sie? Wer trifft Entscheidungen für wen? All diese Fragen macht der Film auf und lässt sie offen für weiterführende Überlegungen der Zuschauer*innen. Defizite der turbohaft getriebenen Urbanisierung sind immerhin auch ein Problem vor der eigenen Haustür – die sich beispielsweise in Wahlergebnissen hierzulande manifestieren.

Rift Finfinnee, der Name bezieht sich auf das Tal (rift) vor Adis Abeba (in der Stammessprache der dort lebenden Oromo: Finfinnee), ist Kontrastprogramm zu jedem Hollywood Blockbuster. Der Film mag mitunter zäh und schleppend wirken, doch besticht er gerade in dieser Langsamkeit und der nüchternen Darstellungsweise als Stilmittel. Daniel Kötter ist ein Film gelungen, der zum Nachdenken bringt – angesichts der Flüchtigkeit der Moderne ist nur die Frage für wie lange.

 

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RIFT FINFINNEE feierte seine Weltpremiere auf dem 63. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

 

Regie: Daniel Kötter

Laufzeit:  79 Minuten

Land: Äthiopien, Deutschland

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