Gespräche auf dem Roten Sofa

Revolution oder Evolution?

Geht es um Kapitalismuskritik, geht es meist um Protest. Die bekannteste Protestbewegung ist die Occupy-Wall-Street Bewegung. Und mit solcher Kapitalismuskritik beschäftigen sich Tomáš Sedláček und David Graeber – sie sind gefragte Experten.
Tomáš Sedláček
Tomáš Sedláček auf dem Roten Sofa

Es ist ein Gesprächsband auf sieben Kapiteln, die Analysen zum Markt und dem System dahinter liefern sollen.

Tomáš Sedláček ist Chefökonom der größten nationalen Bank in Tschechien. Und dort Mitglied im nationalen Wirtschaftsrat. David Graeber ist amerikanischer Ethnologe und politischer Aktivist. Heute lehrt er an der London School of Economics. Bekannt ist Graeber als Mit-Initiator der Occupy-Wall-Street Bewegung. Was Sedláček und Graeber gemeinsam haben, ist, dass sie beide Beststeller zur Kapitalismuskritik geschrieben habe. Sedláček wurde für sein Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2012 geehrt und Graeber für "Schulden: Die ersten 5000 Jahre" groß gelobt. Nun treffen die beiden aufeinander und debattieren eben über Fragen zum Kapitalismus, die der Journalist Roman Chlupatý ihnen vorlegt.

Für ein Buch, das sich mit den Strukturen eines komplexen internationalen Finanzsystems auseinandersetzt, ist es sehr verständlich. Das verdankt es nicht allein dem Aufbau des Buches in der Interviewform, sondern auch den Metaphern und aktuellen Bezügen. In sieben Kapiteln dreht es sich um die Veränderung des Systems, um das, was sich eigentlich hinter dem Markt verbirgt, um die Seele des Systems und der Schuldenkrise. Und zuletzt um den homo economicus. Der homo economicus ist ein rationales, auf Gewinnmaximierung bedachtes Wesen, von dem, da sind sich beide Autoren einig, wir uns distanzieren sollten. Aber trotzdem haben wir hier zwei Gesprächspartner mit verschiedenen Positionen, wie das System verändert werden kann. Graeber vertritt die Ansicht, dass der Kapitalismus sich erschöpft habe und eine Alternative nötig ist, Sedláček hingegen hält an dem derzeitigen System fest und sagt ein Umsturz dessen würde für Chaos sorgen. Und trotzdem sind beide sich einig: Die nächste Krise soll verhindert werden.

Das Buch ist ein guter Einstieg, um die Funktionen und die Rhetorik des Marktes zu verstehen. Es soll einen Einblick auf die Entwicklungen der letzten 200 Jahre vermittelt werden – aber keine Antwort auf das Ende des Kapitalismus geben. Ihre Aufgabe sei es nicht, so Graeber, ein vollständig ausgearbeitetes Organisationsmodell für ein anderes System zu liefern. Die Auseinandersetzung mit Institutionen und seinen Akteuren sei wesentlich, um zu verstehen, woran das die Krise des Systems liegen könnte. Nach den Regeln des freien Markts nämlich dürfe man ihn weder regulieren noch sich einmischen noch ihm mit moralischen Kategorien kommen. Doch da geben Graeber und Sedláček uns ausführlich auf 145 Seiten Einblick, wie eine Beeinflussung in den freien Markt aussehen könnte.

mephist 97.6-Redakteurin Paula Drope im Interview mit Tomáš Sedláček .
Tomas Sedlacek

 

 

 

 

Kommentieren

„Revolution oder Evolution: Das Ende des Kapitalismus?“ von Tomás Sedlácek und David Graeber,

erschienen im Carl Hanser Verlag München, erhältlich für 15,90 Euro