Literatur

Regionale Literaturwelt im Umbruch

Die starken Veränderungen in der Buchbranche erreichen nun auch kleine unabhängige Verlage. Der Fachtag Literatur beleuchtete daher die Bedingungen unabhängiger Publizisten und gab einen kleinen Ausblick auf die fortschreitende Digitalisierung.
Schöne Aussichten: Deutsches Literaturinstitut Leipzig

Unter dem Titel „Schöne Aussichten“ fand am Freitag der Fachtag Literatur in Leipzig statt. Ausgerichtet wurde er als ein Gemeinschaftsvorhaben des Sächsischen Literaturrates e.V. und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und wandte sich an alle Akteure des Literaturbetriebes und Literaturinteressierte.

Dass die Buchbranche im steten Wandel ist, sollte für viele nichts Neues sein. Die Möglichkeiten des Veröffentlichens werden immer vielfältiger. Gleichzeitig ist es für den Einzelnen immer schwieriger, sich im Strom der Veränderungen zurechtzufinden.

Die Veranstalter der Podiumsdiskussion unternahmen nicht nur eine aktuelle Standortbestimmung, sondern wollten auch die veränderten Bedingungen für eine erfolgreiche Arbeitsgrundlage der Autoren und Übersetzer in Mitteldeutschland weiter ausloten. Daher rückten neben dem Dauerbrenner-Thema „Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung“ ganz gezielt auch die Arbeitsweisen und Strategien der unabhängigen Verlage in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Im ersten Forum wurde die Arbeit unabhängiger Verlage vorgestellt. Hierbei wurden drei Themenschwerpunkte besonders beleuchtet, die als charakteristische Merkmale des Verlags und der Verlagsarbeit hervortreten. Zum einen die Entscheidung über einzelne Buchprojekte, den Vertrieb und schließlich der Verbreitung des fertigen Buches.

Doch neben typischen Fragen wie zum Beispiel warum ein Verlag ausgerechnet dieses anstatt ein anderes Buch zur Veröffentlichung auswählt, wie die finanziellen Gegebenheiten in Verlagshäusern oft aussehen und welche Personen außer dem Verleger noch in den Entscheidungsprozess eingebunden sind, ging es auch um die Probleme und Widrigkeiten unabhängiger Verlagshäuser, denen sich kleinere Verlage momentan stellen müssen. Besonders der Konkurrenzdruck um Multinationale Konzerne wie Amazon oder riesige Ketten wie Thalia macht den regionalen und unabhängigen Verlagen in und um Leipzig besonders zu schaffen.

Die Entscheidung über ein Manuskript jedoch, ob es dann tatsächlich veröffentlicht oder verworfen und weiter nach kreativen Schriftstellertalenten gesucht wird, obliegt letztlich oft einzig dem Verleger. Er muss als letzte Instanz von einer Lektüre oder einer Veröffentlichung gefesselt sein, sagt Dr. Rainer Höltschl vom Open House Verlag.

Wie groß das Spannungsfeld zwischen kleineren Verlagen und populären Verlagsfirmen wirklich ist, wurde auch diskutiert. So sind sich alle Beteiligten klar, dass gerade unabhängige Verlage mehr und mehr wirkungsvolle Strategien zur Kundenbindung und Autorenerhaltung entwickeln. Doch ganz so ausweglos ist die gespannte Buchbranche nicht, denn besonders hier liegen viele Stärken gerade kleinerer Verlage und Buchhäuser.

Denn diese bieten insbesondere jungen und aufstrebenden Schriftstellern eine individuelle Betreuung und legen großen Wert auf ein menschliches und familiäres Klima. Sie können besonders intensive Arbeit am Text und eine ganz eigene Betreuung für jeden Künstler bieten, und nehmen sich dabei wesentlich mehr Zeit, die Schwächen und vor allem Stärken ihrer Schützlinge herauszuarbeiten und weiterzuentwickeln, als es bei großen Verlagen der Fall ist. Dennoch scheuen auch sie sich immer noch, größere Risiken im Vertrieb einzugehen und sich mehr abseits des Mainstream zu bewegen. Daher müssen sie wie auch der Buchhandel dringend gezielter auf die Wünsche und Interessen der Leserschaft eingehen und ihre Neigungen am Buchmarkt erspüren.

Die zweite Vortragsreihe dann beschäftigte sich mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung. Gerade darüber wurde in den letzten Jahren im Literaturbetrieb, mehr noch in der Buchbranche, ja sehr viel geredet. Begriffe wie E-Book und Social Media rufen allenfalls bei notorischen Transformationsskeptikern noch Nervosität oder Abwehrgesten hervor – bisher hat einem schließlich niemand das Papier aus der Hand gerissen. Man bekommt den Eindruck, der Nebel hätte sich ein wenig gelichtet: Die digitale Literaturvermittlung kann längst Tendenzen beschreiben und auf gute Beispiele verweisen. An diese Entspannung wurde hierbei angeknüpft und diskutiert. Im Mittelpunkt standen Fragen wie „Welche literarischen Formen passen zum digitalen Lesen?“ „Kann man bereits von einer Renaissance der kurzen Prosa sprechen, wie sie ja zunehmend auch außerhalb des Internets publiziert wird?“ oder welche Strategien sich aus all dem Neuen für das klassische Buchgeschäft ableiten lassen.

Besondere Einsichten des Fachtages waren vor allem Erkenntnisse um zeitliche Dimensionen moderner Literatur. Im Netz geht es nicht mehr um das fertige Werk, um das Ergebnis, was man möglicherweise ganz am Ende eines langen Schöpfungsprozesses als Leser in den Händen halten kann, um so den unverwechselbar charakteristischen Geruch einer nagelneuen Lektüre zu erschnuppern. Nein, es gehe um was ganz anderes. Es geht um den Augenblick des Schreibens, um den flüchtigen Moment, in dem sich etwas ereignet und der Schreiberling dies ad hoc seinen Followern oder seinen Facebook-Fans mitteilen muss, ansonsten geht die fragile Momentaufnahme einer Idee, eines besonderen Momentes vorbei und verstreicht sachte im Fluss der Zeit, oder auch „Flow der Timeline“, wie es auf Facebook sehr eindrucksvoll veranschaulicht werden kann. Genauso erging es seinerzeit Goethe, der uns mit der berühmten Phrase in seinem Werk Faust lehrt: „Moment, verweile doch, du bist so schön!“. So ist gerade das Internet mit seinen sich ständig aktualisierenden sog. Streams auf Facebook, Twitter oder Instagram oft dem Vorwurf der Unvollständigkeit ausgesetzt, das etwas fehle, wird moniert und man sich ständig Einschränkungen unterwerfen und reduzieren müsse. Doch gerade darin liegt der große Gewinn, der Nutzen für die Botschaft. Man muss sich beschränken und reduziert sich dadurch auf lediglich das Nötigste, so werden dem Konsumenten genau die Inhalte dargeboten, die ihn interessieren.

Das Gedruckte ist heutzutage ein Service, etwas scheinbar Flüchtiges bekommt Präsenz, indem es aus dem Internet gesammelt und in Form von E-Books für die Nachwelt auf virtuelle Buchseiten gebannt wird. Dies machen sich viele neue Beitragsformen zu eigen und schwimmen mit auf der Welle des Flows, die die Literatur unter den Druck zur Neuerfindung, aber auch nach gerade alten, für manche vielleicht auch antiquierten Darstellungsformen suchen lässt.

Kulturoptimisten haben hier exemplarisch den Begriff der Renaissance der Aphorismen gesprochen. Gemeint sind hiermit neue, moderne Darstellungsformen von Lektüre als Sammlung von vielerlei verschiedenen Gedanken oder Sinnsprüchen, die von unterschiedlichen Künstlern und Poeten auf Twitter oder dergleichen Plattformen dargeboten werden. Avantgardistische Begriffe wie „Twitteratur“ oder „Cat-Content“, gemeint sind hier die allseits beliebten Videos von Katzen, die jedwede unterhaltenden Tätigkeiten darstellen, sind bereits in Expertenkreisen verbreitet.

Dennoch ist beim Fachtag Literatur deutlich klar geworden, dass sich diese neuartige Leserschaft gerade erst bildet und diese vielfältigen Darstellungsformen der Literatur erst einmal für die breiten Massen erschließen müssen. Noch existieren gerade aufseiten der Leserschaft zu viele Berührungsängste mit solchen Darbietungen der Lektüren und abschließend gesagt ist der Literaturmarkt ohnehin nicht repräsentativ genug, um solche feinen Strömungen und Bewegungen des Marktes in naher Zeit vorauszusagen.

mephisto 97.6-Reporter Marvin Fadil über die Literaturfachtagung in Leipzig.
Literaturfachtagung
 

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