Verschwörungstheorien auf der Spur

Reden über Reptiloiden

Was sind Verschwörungstheorien und wie gehen wir am besten mit ihnen und ihren Vertretern um? Redakteur Tristan hat mit Dr. Uwe Krüger über die Thematik gesprochen und ist in die Welt der Verschwörungstheorien abgetaucht.
Verschwörungstheorien und ihre Vertreter
Verschwörungstheorien und ihre Vertreter

Was sind Verschwörungstheorien und wie redet man mit ihren Vertretern? Unser Redakteur Tristan Kühn hat mit Dr. Uwe Krüger gesprochen.

Der Beitrag zum Nachhören:

Ein Beitrag von Tristan Kühn über Verschwörungstheorien
Umgang mit Verschwörungstheorien

Wusstet ihr eigentlich, dass Barack Obama in eine Zeitmaschine gestiegen ist und Dinosaurierknochen vergraben hat, mit dem Ziel die Bibel zu diskreditieren?
Dies ist nur eine von zahlreichen, sehr abgedrehten Verschwörungstheorien, die durch das Netz geistern. Doch scheint es in den letzten Wochen eine regelrechte Hochkonjunktur für unterschiedlichste, mitunter absurd klingende Theorien gegeben zu haben. So spricht Xavier Naidoo von rituellem Kindermord, der von einer geheimen Untergrund Gruppe begangen wird um Adrenochrom zu gewinnen. Adrenochrom ist ein Stoffwechselprodukt des Adrenalins, jedoch aus der Sicht mancher Menschen auch das Elixir ewigen Lebens und ewiger Jugend.

Verschwörungstheorien ziehen sich auch durch die Geschichte. Sei es die Erzählung über die Brunnenvergiftung durch die Juden im Mittelalter oder die Exeter Verschwörung im England des 16. Jahrhunderts. Es gab zum Beispiel auch die Theorie, dass Mozart von den Freimaurern ermordet wurde. Verschwörungstheorien haben also eine gewisse Tradition.

Was ist eine Verschwörungstheorie?

Grundlegend ist es die Annahme, dass sich mächtige Akteure im Hintergrund zusammenschließen um dem Gemeininteresse zu schaden. Als Grund werden meist persönliche Motive unterstellt. Am Anfang einer Verschwörungstheorie steht deswegen immer das Misstrauen zweier gesellschaftlicher Gruppen. Dr. Uwe Krüger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Uni Leipzig, rät dazu weiter zu differenzieren. Der Begriff Verschwörungstheorie sei zu unkonkret und er schlägt vor in die Begriffe Verschwörungshypothese und Verschwörungsideologie zu unterteilen.

Eine Verschwörungshypothese ist erst einmal die Annahme, dass eine Verschwörung existiert. Nach Dr. Krüger ist die bloße Annahme, dass eine Verschwörung existieren könnte eine Frage die durchaus sinnvoll ist sich zu stellen. Es gibt Geheimdienste die im Verborgenen agieren, Akten zu Verbrechen werden für Jahrzente weggesperrt und auch Lobbyismus, sowie Korruption sind reale Probleme. Investigative Journalist*innen oder die Staatsanwaltschaft müssen oft Verschwörungshypothesen aufstellen um ihre Arbeit überhaupt beginnen zu können. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass die Hypothesen, nachdem sie empririsch überprüft wurden, korrigiert oder auch verworfen werden, sollten die erhobenen Daten gegen die Hypothese sprechen.

Dem Gegenüber steht die Verschwörungsideologie. Sie ist in den meisten Fällen monokausal. Komplexe historische und soziale Zusammenhänge werden vereinfacht. Die Verschwörungsideologie ignoriert und blockt Kritik ab. Sämtliche Kritiker*innen werden oftmals sogar als Teil der Verschwörung angesehen. Häufig werden wirtschaftliche Nöte und widrige Umstände auf ein klares Feindbild gemünzt, was für das persönliche Leid zur Verantwortung gezogen werden muss.

Warum glauben Menschen an Verschwörungsideologien?

Ein großes Problem was jedoch simpel klingt ist, dass wir leider sehr viel wirklich nicht wissen. Viele Menschen hatten schon vor Snowden die Sorge und Vermutung, dass die NSA flächendeckend die Bevölkerung ausspioniert. Diese Verschwörungshypothese hat sich bestätigt, jedoch sind wir selten in der Lage zu beeinflussen, wann ein Whistleblower geheime Informationen Preis gibt.
Doch gibt es auch Faktoren, die viele Menschen, die an Verschwörungsideologien glauben, gemeinsam haben. Sehr elementar ist ein fehlendes Vertrauen in die Institutionen, oftmals gepaart mit einem starken Misstrauen gegenüber Eliten. Ted Groetzel stellte 1994 eine Studie auf, die untersuchte, welche Gesellschaftsgruppen vermehrt einem Verschwörungsglauben nachhingen. Es stellte sich heraus, dass marginalisierte Gruppen und ethnische Minderheiten überproportional häufig eine Verschwörung hinter manchen Ereignissen vermuteten. Diese Menschen fühlen sich ohnmächtig gegenüber der Politik und den Eliten und haben das Gefühl keine Möglichkeiten der politischen Partizipation zu haben. Hinzu kommt wirtschaftliche Not, die oftmals nicht direkt selbst verschuldet ist. Dies erzeugt ein Gefühl der Verwundbarkeit. Ein Verstärken der Misstrauenshaltung ist die Folge.

Real existierende Probleme werden gesellschaftlich nicht gehört, aber können oftmals nicht alleine bewältigt werden. Dies führt nicht selten zu sozialer Isolation, gesellschaftlichem Abstieg und wirtschaftlicher Abhängigkeit, sowie Unsicherheit. Um eine Lösung für ein scheinbar unlösbares Problem zu finden, ist es oftmals das einfachste ein Feindbild für die missliche Lage verantwortlich zu machen. Und das ist der Punkt an dem Verschwörungsideologien gefährlich werden. Denn die Frage ist mit welchen Mitteln der Feind bekämpft werden kann und muss.

Verschwörungstheorien haben aber auch eine identitätsstiftende Funktion. Menschen mit Verschwörungsglauben grenzen sich von anderen Gruppen ab. Oftmals hängen sie dem Glauben nach, alleine in der Gruppe auf eine Wahrheit gestoßen zu sein, die den anderen Menschen verborgen bleibt. Es gibt auch wenige Dinge, die eine Gruppenbildung so schnell vorantreiben wie ein gemeinsames Feindbild.

Dr. Uwe Krüger rät auch zu reflektieren, dass wir bei weitem nicht so rationale und intersubjektive Wesen sind, wie wir vielleicht glauben zu sein. Kognition und Emotion sind eng miteinander verknüpft. Wir glauben das was wir gerne glauben wollen. Das ist vielleicht auch einer der Gründe warum Populismus funktioniert.

Wie redet man mit Menschen, die an Verschwörungsideologien glauben?

Prinzipiell ist es immer eine eigene Entscheidung wie Kompromissbereit du bist und über welche Dinge du reden willst und welche nicht. Es ist auch nach Dr. Krüger in Ordnung, wenn die Menschen auch etwas absurderen Theorien nachhängen. In vielen Fällen sind diese von der Meinungsfreiheit gedeckt. Wie Meinungsfreiheit genau aussieht, darüber werden sich Jurist*innen noch Jahrzente streiten, aber solange Verschwörungsideologien nicht zu Gewalt aufrufen und demokratiefeindlich werden, kann man ihnen ihren Freiraum lassen und darüber diskutieren.

Zusätzlich sollten wir uns immer fragen, was ist tatsächlich ein Fakt und was ist nur eine Annahme, die auf Plausibilität geprüft werden muss. Ein Fakt ist ein Beweis, doch oft kann etwas nicht bewiesen werden. Und hier unterläuft vielen Verschwörungsideolog*innen ein Fehler. Denn nur weil ich persönlich nicht weiß, ob etwas wahr ist, heißt das noch lange nicht, dass es deshalb unwahr ist. Nur weil ich persönlich in diesem Moment nicht beweisen kann, dass die Mondlandung tatsächlich existiert, heißt das nicht, dass sie gestellt wurde. Das Argument dahinter ist, dass wenn du behauptest etwas ist tatsächlich wahr, dann muss es beweisbar sein. Doch das Fehlen eines Beweises ist eben niemals der Beweis dafür, dass tatsächlich etwas fehlt.

Des weiteren ist Kommunikation einer der wichtigsten Schlüssel um Zugang zu den Menschen aufzubauen, die Verschwörungsideologien nachhängen. Das wissen um die persönlichen Umstände und das subjektive Verstehen der Gedankengänge des Gegenübers, können helfen die mit unter abstrakten Gedanken besser nachvollziehen zu können. Oftmals liegt diesen Gedanken eine im Kern sehr berechtigte Systemkritik zu Grunde, an der man im persönlichen Gespräch ansetzen kann. Es ist sehr sehr wichtig zu verstehen, dass Menschen mit Verschwörungsglauben keine kranken Menschen sind, sie sollten nach Herrn Dr. Krüger "nicht pathologisiert" werden. Verschwörungsglauben entsteht vor allem dann, wenn Menschen sich machtlos und ausgeliefert fühlen und keine Kontrolle mehr über ihre Lebenssituation haben.

Was muss passieren, damit die Menschen weniger an Verschwörungsideologien glauben?

Wie gerade dargestellt entsteht der Verschwörungsglaube nicht aus dem Nichts. Es gibt klare Merkmale, die dazu führen, dass Menschen empfänglicher für Verschwörungsideologien sind oder nicht. Grundsätzlich ist wohl anzunehmen, dass Menschen die wirtschaftlich abgesichert sind und die das Gefühl haben politisch gehört zu werden, wohl kaum in eine Frontalopposition gegen Politik und Gesellschaft gehen werden. Das Gefühl benachteiligt zu sein ist verbreitet, das sieht man jetzt in den letzten Wochen der Coronakrise noch einmal deutlich, und darüber, so Dr. Krüger, sollte sich die Politik dringend Gedanken machen.

Man kann also annehmen, dass wenn die Möglichkeiten für mehr politische Partizipation und wirtschaftliche Sicherheit gegeben werden, der Glaube an Verschwörungsideologien nachlassen wird. Aber die Zunahme von Verschwörungsideologien ist symptomatisch für eine Gesellschaft in der Krise. Sinkendes Vertrauen in demokratische Institutionen, wirtschaftliche Unsicherheit und Verschwörungsideologien haben in der Vergangenheit zu Kriegen und Völkermorden geführt. Nicht alle Verschwörungstheorien sind problematisch, aber um das demokratiegefährdende Gedankengut zu minimieren, sollte die Politik einen angemessenen Rahmen schaffen. Hin zu einer egalitäreren Gesellschaft mit mehr Möglichkeiten der politischen Mitbestimmung der Einzelpersonen.

 

 

 

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Tristan Kühn
15.05.2020 - 17:36