Konzertbericht: Digger Barnes

Rastlos wie eh und je

Der Singer-/Songwriter Digger Barnes ist eigentlich verrauchte Kneipen gewöhnt. Jetzt konnten sich Fans den Hamburger live im Schauspiel ansehen. Ob das neue Ambiente ihm steht? Wir haben es herausgefunden.
Digger Barnes im Schauspiel Leipzig

Digger Barnes begleitet mich seit bald zehn Jahren. Als ich ihn mit seiner Diamond Road Show das erste Mal live sah, saß ich in einem ca. 20 qm großen Raum. Es roch nach Keller und Zigaretten. Dann fing er an zu spielen, und Pencil Quincys Landschaften bewegten sich über die, mit einem Leintuch bespannte, Wand hinter der Bühne. Es war lediglich Digger, mit seiner Akustikgitarre und einem Drumset, das er zeitgleich bediente.

Die große Bühne steht ihm gut

In den Jahren darauf durfte ich die Diamond Road Show in den unterschiedlichsten Räumen erleben. Das Schauspiel Leipzig war eine neue Erfahrung. Neu war zum Beispiel, dass ein Digger Barnes Konzert auf die Minute pünktlich begann. Als ich punkt 8 die Eingangshalle betrat, begrüßte mich ein lautes „RRrriinnng“. Normalerweise ist diese Klingel in der Oper oder bei Theateraufführungen ein Zeichen, dass die Vorstellung beginnt bzw. die Pause zu Ende ist. Der Mann im Eingang meinte: „Das war das dritte Mal, es geht gleich los.“ Hochoffiziell also, alle Achtung, Digger.

Ebenfalls ungewohnt war, dass ich mein mitgebrachtes Bier draußen stehen lassen musste und meine Tasche vorher durchsucht wurde. Alteingesessene Barnes Fans mögen ab derart seltsamen Gebräuchen die Nase rümpfen. Und wenn ich ehrlich bin, wusste auch ich nicht recht, was ich von diesem neuen Setting halten sollte. Der Countrysänger Barnes, in ranzigen Punkräumen groß geworden, auf der schicken Bühne des Schauspiel Leipzig? Kann das gut gehen?

Digger Barnes verzaubert das Publikum

Die Illusion eines Stücks amerikanischer Freiheit

Es kann. Hatte ich Digger bisher alleine auf der Bühne erlebt, standen da nun vier weitere Personen: Digger wurde begleitet von Akkordeon, Geige, Keyboard, Kontrabass, Mundharmonika, und E-Gitarre, eine regelrechte Big Band. Ich bin ja eher Fan von reduziertem Folk und bin oft enttäuscht, wenn die Musik auf dem Album dann überproduziert ist. Digger hat die Band nur Gutes gebracht.

Die Diamond Road Show besucht man nicht nur, um Musik zu erleben. Es ist ein Fest für Ohren und Augen, und das perfekt eingespielte Team Pencil und Digger schaffen einen zeitlosen Raum voller Fernweh und Nostalgie. Pencil Quincys unvergleichliche Spielereien mit Licht und Papier sind wunderschöne Kunst, perfekt abgestimmt auf die Stimmung und den Inhalt von Digger Barnes’ Songs. Nach anderthalb Stunden ist die Reise auf staubigen Landstraßen und durch die Kasinos und heruntergekommenen Motels vorbei und das Publikum schreit, pfeift, es gibt sogar vereinzelte Standing Ovations (von mir inklusive).

Das Publikum aus volltätowierten Punkern, Rockern, und älteren Semestern, die wohl in der LVZ etwas von einem schönen Country-Konzert gelesen haben, verlässt den Saal. Ich hoffe, dass Digger noch lange mit Pencil durch Europa tourt und seinen Zauber und den Samen des Fernwehs in den Herzen seiner Fans pflanzt.

 

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Sonja Dietschi
29.06.2017 - 12:29
  Kultur