Filmrezension: Wind River

Rache wird am besten kalt serviert

Letztes Jahr in Cannes wurde Taylor Sherdian für sein Erstlingswerk mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Aber erweist sich der gefeierte „Sicario“-Autor wirklich als wahres Multitalent, das genau so gut Regie führen wie Skripte schreiben kann?
Mitten in der erbarmungslosen Wildnis
Jeremy Renner soll für Elizabeth Olsen ein menschliches „Raubtier“ jagen.

Im dünn besiedelten US-Bundesstaat Wyoming ist eine der ärmsten Gegenden Nordamerikas lokalisiert: das Indianerreservat „Wind River“. Der US Fish and Wildlife Mitarbeiter Cory Lambert (Jeremy Renner) kennt diese raue, nicht zu bändigende Wildnis wie seine eigene Westentasche. Seinen Lebensunterhalt verdient der Fährtenleser damit, Jagd auf Großwildtiere zu machen, die die Viehbestände gefährden. Auf einem seiner Ausflüge fernab der nächsten lebenden Seele entdeckt Lambert die erfrorene, barfüßige Leiche einer Ureinwohnerin im Teenageralter (Kelsey Asbille). Weil die örtliche Stammespolizei personell dramatisch unterbesetzt ist, schickt man ihnen die junge, aus Florida stammende FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) als Unterstützung, die mit der Leitung der Ermittlungsarbeit betraut wurde. Beim Eintreffen in dieser arktischen Einöde wird Banner jedoch nicht nur von den eisigen Temperaturen überrascht; der Fall selbst stellt für die FBI-Anfängerin eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. In ihrer Ratlosigkeit bittet sie Lambert um Mithilfe: Cory − selbst von einem Traumata aufgrund des eigenen Kindsverlusts gezeichnet − willigt sofort ein, seine Fähigkeiten als „Outback“-Führer bereitzustellen, um den oder die Täter zu ermitteln. 

Auf den Spuren eines Sergio Leones

Nach dem Action-Thriller „Sicario“ (2015) und Neo-Western „Hell Or High Water“ (2016) schließt Autor Taylor Sheridan seine moderne American Frontier-Trilogie mit dem klirrend-kalten Crime-Thriller „Wind River“, bei dem er auch erstmals Regie führte, ab. Parallelen und intertextuelle Bezüge zwischen den drei Geschichten sind nicht zu übersehen: Nicht nur ist Sheridan an einer authentischen Darstellung „vergessener“ Landstriche und deren konfliktbeladenen Bewohner oder akut schwellender Brandherde gelegen; wiederholt lenkt er die Aufmerksamkeit des Publikums auf real existierende, sozialgesellschaftliche Probleme − sei es der verdeckte Drogenkrieg am US-Grenzübergang zu Mexiko, das raubritterhafte Auftreten geldgeiler Banken gegenüber den kleinen Leuten oder die sträfliche Vernachlässigung der Indianerreservate durch den Staatsapparat.

Neben der Erforschung des vielfältigen Scheitern von Vaterfiguren werden geschickt bewährte Leitmotive des klassischen Westerns mit dem Spannungs- und Actionkino der Gegenwart kombiniert: Das Pferd wird durch ein „eisernes“ Vehikel − Geländewagen und Schneemobil − ersetzt; der wortkarge, zum Männlichkeitssymbol stilisierte Cowboy darf seine „softe“ Seite zeigen und der berühmte Mexican stand-off muss nicht mehr unbedingt zwischen zwei Kontrahenten aus Fleisch und Blut geführt werden.

Nur mit dem Schneemobil kommt man in Wind River durch die Wildnis
Jeremy Renner auf dem Schneeemobil

Das Gesetz der erbarmungslosen Wildnis

„Wind River“ brilliert vor allem als Beobachtungsstudie einer faszinierend schönen, aber ebenso gefährlichen Umgebung − wie ein oftmals übel gelaunter Charakter diktiert die Naturgewalt das mühsame Leben der Reservatbewohner. Vor rund 100 Jahren wurden die Ureinwohner dort unfreiwillig angesiedelt; dieses wenig einladende Stück Land war das einzige, was ihnen nicht weggenommen wurde.

Sheridan scheint entweder über eine genaue Ortskenntnis zu verfügen oder im Vorfeld der Dreharbeiten intensive Recherche betrieben zu haben: Die präsentierte „fremde Welt“, in die der Zuschauer für 107 Minuten eintaucht, wirkt absolut glaubwürdig und beunruhigend realistisch. Alltäglich müssen sich die für das Reservat zuständigen Detectives mit den immer gleichen Problemen Drogen- und Alkoholsucht, Kriminalität und Rassenspannungen herumschlagen. Die entwickelte robuste Mentalität spiegelt sich auch in den Gesprächen der Protagonisten wider; ganz beiläufig wird da bspw. enthüllt, dass einige Ureinwohner aus purer Verzweiflung Delikte begehen, um sich durch einen Gefängnisaufenthalt dieser gefrorenen Hölle zu entziehen.

In eine ähnliche Kerbe schlägt der Film, wenn er schließlich zum sozialkritischen Kern seiner deprimierenden Bestandsaufnahme vordringt: Der ewige Schnee und die erdrückende Stille schlagen aufs Gemüt der Einwohner und fördern unter der Oberfläche brodelnde Konflikte zutage, die sich schließlich in rohen Gewaltausbrüchen entladen. Verschlimmert wird diese Ausgangslage durch den Umstand, dass äußerst begrenzte Ressourcen zur Strafverfolgung einem zu weitläufigen, schwer begehbarem Gebiet gegenüberstehen. Auch die komplizierten Zuständigkeitsregelungen zwischen dem FBI und dem Bureau of Indian Affairs tragen dazu bei, dass Verbrechen zu selten aufgeklärt und gar nicht sanktioniert werden.

Elisabeth Olsen in Wind River
Jane Banner wird über die Community von "Wind River" informiert

Jäger werden zu Gejagten

Diese Missstände nutzt der von wahren Begebenheiten inspirierte Film als Aufhänger für eine grimmig-reduzierte Kriminalgeschichte. Insbesondere tolle Landschaftsaufnahmen zusammen mit der unterkühlten Atmosphäre und ein herausragender Jeremy Renner, gleichen den fehlenden „Drive“ der ersten zwei Akte teilweise aus. Dafür entschädigt der Film sein Publikum mit einem atemlos-spannenden Schlussdrittel. Ungewöhnlich spät wird die konventionelle Whodunit-Erzählweise für eine geschickt platzierte, zur Auflösung genutzte Rückblende fallen gelassen. Ab diesem Zeitpunkt läuft der Film zu der (zugebenermaßen schon früher erhofften) Höchstform voller überraschend brutaler Wendungen auf: Eine mit unruhiger Wackelkamera begleitete Hetzjagd mündet schließlich in einen denkwürdigen, finalen Showdown vor grandioser Naturkulisse, der einen für den bzw. die Zuschauer*in sehr befriedigenden Ausgang nimmt.

Renner kann mehr als nur Superhelden-Blockbuster-Filme

Neben einem in sich stimmigen Score von Nick Cave und Warren Ellis überzeugen auch die Darsteller (manche von ihnen sind tatsächliche Nachfahren von „Native Americans“) mit ungekünstelt-raubeinigem Spiel. Jeremy Renner („The Town“) glänzt als innerlich zerrissener Vater, den der rätselhafte Tod seiner Tochter nicht loslässt, in einer seiner besten Rollen: Mit minimalem Mimik- und Körpereinsatz transportiert er nuanciert Gefühle von Trauer, Schuld und eiserner Entschlossenheit. Elizabeth Olsen („Godzilla“) als andere, zwar weniger erfahrende, aber ebenso zielstrebige Hälfte des Ermittlerduos liefert eine engagierte Performance ab. Während die anfangs etablierte Blauäugigkeit ihrer Figur Jane Banner plausibel erklärt wird, ist es doch befremdlich mitanzusehen, wie sehr sie im Finale in ihrer Entwicklung hin zu einer fähigen FBI-Agentin zurückgeworfen wird und stattdessen negativ durch fatale Konsequenzen nach sich ziehende Inkompetenz und Kurzsichtigkeit auffällt. Memo an Taylor Sheridan: Bitte in Zukunft die wenigen Frauenrollen nicht als unglaubwürdige, sich in ihrem gewählten Beruf als vollkommen ungeeignet erweisende Fish-Out-Of-The-Water-Klischees darstellen!  

Jeremy Renner in "Wind River"
 

Fazit:

Taylor Sheridan legt mit dem fröstelnden „Wind River“ ein beachtliches Kinodebüt hin, das vor allem durch seine Kompromisslosigkeit und treffende Gesellschaftskritik besticht. Auch wenn der Film zu viel Zeit zum Warmlaufen benötigt, entwickelt das stark gespielte Crime-Drama gerade auf der Zielgeraden einen solchen Thrill und Katharsis, dass man auf Sheridans weitere Entwicklung als Writer/Director gespannt bleiben darf.

 

Der Radiobeitrag von Karen Müller
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Wind River

Kinostart: 08.02.2018

FSK: 16

Laufzeit: 107 Minuten

Regie: Taylor Sheridan

Cast: Elisabeth Olsen, Jeremy Renner, Kelsey Asbille, Jon Bernthal, Julia Jones und andere